Bei mir wohnt inzwischen ein Hartzempfänger …

… und besonders glücklich bin ich darüber nicht. Dies hier sollte nicht als Pfingstbotschaft missverstanden werden.

Dieses sogenannte ‘Exemplar’ erfüllt nämlich eigentlich alle Voraussetzungen, welche seit Jahren als Stigma und Vorurteile durch die Medien geistern.

Auf den ersten Blick macht er einen völlig normalen Eindruck, man darf nur nicht nachfragen. Allein schon die Frage der nach der Länge seiner Auszeit von einer regulären Arbeitsstelle und seine Antwort hätte mich warnen sollen, aber ich wollte wohl mal wieder nicht auf mein Bauchgefühl hören. Fast jedes bisher verlautbarte Vorurteil stimmt und ich komme aus dem Staunen und dann aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Selbst die einfachsten Alltagsabläufe, welche von Hartz IV uns von den Politikern aufgezwungen wurden, sind ihm nicht bekannt.

Rein äußerlich gesehen ist der Mann über 1,80 groß und kräftig, aber dass er eigentlich ein Scheinriese ist, bemerkt man erst, wenn er den Mund auf macht.

Eines der ekligsten Vokabeln hier in Calw, nämlich dass “des is halt hier so”, wird ständig benutzt, als gäbe es keinerlei Naturgesetze, die diesem Zustand ganz eindeutig widersprechen. Und dazwischen fällt mir ein Text vom Eifelphilosophen auf die Quadratlatschen. Ich habe ihn wohl bis zum Ende gelesen, aber einen wirklichen gehaltvollen Sinn mag ich wohl vergeblich suchen, denn offensichtlich ist mein Denkapparat zu wenig aufnahmefähig, kurz gesagt, ich bin zu ungebildet und damit zu blöd.

Was meinen Mitbewohner aber an geht, der würde schon nach dem ersten Satz das Handtuch schmeißen. Verblödung durch das Prekariats-TV ist angesagt und wenn er zu Hause ist, läuft die Glotze fast rund um die Uhr und wenn er dann mal schläft, schnarcht er so laut, dass ich keine wirklichen Gedanken über längere Zeit halten kann, besonders, da ich mehrere Stunden früher aufstehe, um zu schreiben. Aber ich bin selbst dran schuld, denn dies habe ich vorher alles nicht bedacht. 

Besonders krass fing es mit den bürokratischen Unwägbarkeiten an, welche vom Jobcenter vorgeschrieben sind. Auf die erste Mietzahlung, die am 1. April fällig war, musste ich erst einmal warten, denn die Herrschaften im Jobcenter sind nicht gerade Geistesriesen und kamen mit meinem Konto, wohin die Miete überwiesen werden sollte, einfach nicht hin. Erst nach eineinhalb Monaten war es möglich, dass sie verstanden hatten, wie eine relativ einfache Überweisung auf ein Konto zu bewerkstelligen ist. In der Zwischenzeit taumelte ich rein finanziell an einem sehr tiefen Abgrund. Mein Einnahmeplus beläuft sich gerade mal so um die 20 €uronen (naja, besser als in die hohle Hand geschissen).

Jetzt wird sich so manche Seele beim lesen dieses Beitrags sicher schon so ihre Gedanken gemacht haben, wie ich aus diesem Dilemma wieder rauskomme, aber diese Gedanken kann sich jedermann/frau sparen; denn es ist nun mal mein Bier, welches schon schal ins Glas gegossen wurde. Dumm, faul und versoffen sieht man fast niemanden zuerst an der Nasenspitze an.

Wir leben nun mehr oder weniger neben einander her, denn Gespräche zwischen uns Bewohnern sind auf ein Minimalmaß beschränkt. Er wird wohl bis zu seinem natürlichen Abgang (er wird im August 56 Jahre alt) keinerlei eigene Kreativität mehr entwickeln, geschweige denn, dass sich sein Gehirn (ich vermute Erbsengröße) noch irgendwie ausdehnt. Bei einer handwerklichen Arbeit, welche wir zu zweit durchführten, konnte ich schon feststellen, dass er zwei linke Hände hat. Ich werde mich wohl gedulden müssen, bis er es nicht mehr mit mir aushält und die Kurve kratzt, denn Wohnungen sind hier so rar, wie in der restlichen Republik. Da ich aber vom sogenannten Glück nicht gerade ‘gesegnet’, werden auch meine Versuche, in diesem ‘schönen’ Land noch etwas bewohnbares zu finden sein, garantiert nicht von Erfolg gekrönt sein, auch wenn die Politik ja was ganz anderes tönt.

Shit happens.