Der Tumor wehrt sich

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Es war zu schön um wahr zu bleiben: Der Tumor schrumpfte, die Behandlungen schlugen gut an, mir ging es abgesehen von Müdigkeit gut…

Doch dann schlugen die Nebenwirkungen zu, und der Tumor zurück.

Am Freitag – vor dem Schlafengehen – das letzte Mal Durchfall entleeren. Vor dem Clo schwinden die Sinne, alles dreht sich von oben nach unten, – wird unscharf,- zieht sich zusammen. Ich schaffe es noch halbwegs abgestützt zu Boden zu gehen, und zu klingeln.

Die Nachtschwester kratzt mich vom Fußboden, und schleift mich ins Bett. Der kalte Schweiß rinnt inzwischen in Strömen an mir herab. Die Ärztin trifft ein – eine schmale, zierliche junge Frau mit blonden Locken, die streichelte und beruhigte. Dann wurde ich verkabelt, an den piepsenden Monitor, der meinen absaufenden Kreislauf mit seinen empörten Geräuschen begleitete.

Ich wurde aufgerichtet im Bett, im Liegen hielt ich es nicht mehr aus. Der Tumor schlug nun mit voller Power zurück. Die Schmerzen waren unerträglich, belegten alle Sinne fast mit Wucht. Nur die stützenden Hände, das sanfte Streicheln waren ungemein wohltuende Wahrnehmungen durch die Scheußlichkeiten hindurch.

Sie blieben bei mir, bis die Schmerzen weg und der Kreislauf wieder stabil war – erklärten, so gut es ging und zu mir durchdrang – und danach schaute alle dreißig Minuten die Nachtschwester nach mir.

Am Morgen wurde ich gewaschen und gepflegt. Hier gibt es keine Vorwürfe, wenn der Mensch nicht mehr alleine kann.

Dann der geschwollene Arm, – wickeln bei der Hitze,- sagenhaftes Feeling. Wie ein Rollbraten in der Sonne.

Aber, das Menschliche was Not tut, – wenn es darauf ankommt erfühlen sie es. Das ist viel wert, wenn sich Mensch in seiner Zerbrechlichkeit geborgen fühlt.

Am Morgen danach kamen mir die Tränen. Das erste Mal nach dem Erwachsenwerden, dass für mich Menschen da waren, wenn ich Hilfe brauchte. Das erste Mal, dass ich nicht selber noch darum kämpfen musste.

Es wird brutal die restlichen Wochen durchzustehen, und egal wie sehr Mensch kämpft, manchmal reicht der eigene Kampf nicht mehr aus. Wenn dann andere da sind, die mitkämpfen und ein Stück weit übernehmen, kann Mensch wieder Atem schöpfen.

Und genau da geht es dem Menschen auch auf, dass das am Lebensende noch wichtiger sein könnte: Ein anderer Mensch der da ist, über die Hand streicht, und wissen lässt, dass Mensch die letzten Atemzüge nicht alleine bewältigen muss. Wir vergessen das so gerne, wenn für uns alles noch normal läuft.

Für uns hier geht der Kampf erst einmal weiter.

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