Begegnungen mit der Ethik, oder besser: Begegnungen an der Grenze zur Ethik

Jene Begegnungen an der Grenze zu jeglicher Ethik kann der Mensch ganz rasch erfahren, vor allem in der heutigen, sogenannten Moderne und wenn er nicht prominent ist. Diese stellen sich ein bei drohender oder erfolgter Obdachlosigkeit, im Alter und bei schwerer Erkrankung – also Krebs zum Beispiel.

Es macht nichts, wie viele Jahre Krankenkasse Mensch bezahlt hat – irgendwo verläuft diese ethische Grenze, bei der die Krankenschwester im Spital urplötzlich Halt macht, und dem kranken Menschen verkündet, dass die PEG-Magensonde heute nicht gespült und nicht frisch verbunden wird, weil sich das wegen des darüber blutenden Tumors nicht rentiere…

Das dritte Oberteil, das mit Blut versaut wurde? Macht nichts, Mensch kann es ja im Waschraum selber mit kaltem Wasser säubern, egal wie elend er sich mit offenem Tumor und Chemo samt Bestrahlung fühlt. Ja, und auch das Trinkwasser selber holen, bitte, wir wollen doch nicht immobil werden. Das – trotz Pflegegrad II.

Dazwischen wird Mensch nur noch irgendwo an- oder ab gestöpselt, im medizinischen Tourismus von einem Spital, oder Arzt zum anderen gekarrt, zwischengelagert, vorbereitet, zubereitet, abgeklemmt… und zwischen dem allem kommt auch mal eine Stunde lang nichts und niemand, trotz Betätigung der Klingel.

Mensch musste dringend aufs Clo, alles hatte geklappt, aber der Tumor fing wieder mal an zu bluten. Zuerst kam die Schwester auch gleich, – provisorisch etwas darüber getan, weg war sie wieder. Vorsichtig heraus aus dem Clo, samt Tropf dabei – alleine, trotz Behinderung und Gehbehinderung. Behutsam sitzt Mensch auf dem Bett, nur nicht zu sehr rühren, der Tumor könnte wieder bluten…

Nach über einer Stunde warten wird endlich der Tumor wieder verbunden. Dieses Theater jeden Tag, weil jedes Mal beim Bestrahlen der Verband abgerissen wird, aber nicht wieder richtig festgemacht anschließend. Mensch steht irgendwo, hilflos, blutüberströmt, egal…

Es ist wie beim Verkehrsunfall: Jeder glotzt, oder auch weg…, – keiner hat Zeit. Es dämmert Mensch, dass es nicht mehr nur darum geht, den Krebs zu überleben, sondern die Behandlung, oder auch Nicht-Behandlung. Pflegehandlungen bringen kein Geld, also weg damit, oder so wenig wie möglich. Menschen gesund pflegen ist nicht mehr hip, – auch nicht bei Pflegediensten. Also, Mensch – stehe selber auf, nimm Deinen Wasserkrug und wandle…Falls Du Mensch dabei auf die Fresse fällst, bist Du selber schuld. Hättest ja auch einfach im Elend und durstig liegen bleiben können.

“Wir haben unsere Standards um Ihnen die Nebenwirkungen und Beschwerden zu erleichtern”, sagt die Ärztin. Dass Salbeitee zum Gurgeln gegen die Schluckschmerzen und weitere Nebenwirkungen der Hardcore-Bestrahlung ausreichen soll, ist wohl der Standard. Mensch erfährt, dass es anscheinend weitere Erleichterungen nur im II. Klasse-Level gibt.

Wer über diesen Verhältnissen als alter Mensch “gaga” wird, umso besser:

gaga_Zukunft

Das ist auch das Einzige, was an Mensch wichtig ist – seine Markttauglichkeit und Marktkonformität.

Wer in den Wirtschaftskreisen mit der Pharma und sonstigen Geldhaien gut kann, der startet durch nach oben und bestimmt die Leitlinien der Gesundheitspolitik mit. Ja, auch jene, die Standard werden oder sind…

Mensch wird im Dauerakkord angelogen: “Es tut nicht weh!” — “Übelkeit ist inzwischen gut behandelbar, und wir tun das auch.” — Endlich weiß Mensch, warum er sich als Kind schon immer zu Recht von der Medizin verarscht gefühlt hatte.

Leichte Übelkeit – da reicht Salbeitee und ein wenig Gurgeln. Danach wird erst mal abgewartet – bis zur Kotzgrenze mindestens. Bei Krebs ist die Sache ja ein wenig anders, wie bei manchen anderen Erkrankungen. Krebs wird nicht einfach nur geheilt, sondern bekämpft. Krebs wehrt sich dagegen, mit jeder kaputten Zelle, wenn noch vorhanden – mit jedem schrägen Gen, das noch herum vagabundiert im Körper. Das Gesunde im Menschen wehrt sich mit – dagegen, verbruzzelt und mit einem Linearbeschleuniger beschossen zu werden, – dagegen, mit aggressiver Chemie vergiftet zu werden. Mensch fühlt sich während der Behandlung nicht gesünder, sondern kränker und vor allem schlechter und schmerzreicher. Was zuvor eventuell noch ging, funktionert nun nicht mehr so toll. Und ganz am Ende der Behandlung und danach fühlt sich Mensch am miesesten.

Lustig ist das alles nicht, selbst bei guten Aussichten vergeht einem das Lachen – ich sehe es reihenweise bei den anderen Mitmenschen, wie sich die Behandlungen auswirken. Etwas stiller bin ich auch schon geworden, – ganz einfach, weil ich zu müde bin.

Mensch kommt gerade vom dritten Mal Beschuss mit der Strahlenkanone zurück – sofort Bescheid gesagt, und wieder kein Verband…

…wenn es diesmal blutet und einsaut, verlange ich Schmerzensgeld – oder schicke meinen Sekundanten zum Duell.

Die Missstände sind bekannt, – die Gier und viele andere Gründe für Profitstreben, Umdeutungen von Gutachten und Untersuchungen, Relativierungen zu Gunsten der Pharma wurden aufgedeckt. Niemand reagiert, es geht einfach so weiter, und den Menschen wird weiter erklärt, sie seien schuld,- auch dann, wenn sie den ganzen Wust an sich oft widersprechenden Ratschlägen der Experten befolgt haben.

Seltsam, dass dem heutigen Menschen alles so egal ist.

2 Kommentare

  1. Pingback: Nur ein Entwurf … ? …

  2. Misanthorp

    Den Menschen ist alles egal, weil sie satt sind, dort wo sie nicht satt sind, fallen sie eben gleich um.

    Mensch sollte sich nicht einbilden, ein Art anzugehören, die so etwas wie Humanität oder höhere soziale Werte kennt – Mensch ist schlicht ein Lebewesen, primitiv wie jedes andere Wesen, einzig gegenüber der Natur destruktiver, als jedes andere – was das Soziale angeht, eher primitiver als eine Affenhorde.
    Subtil ist nichts, die Grobheit und die Schlagkraft des verschlagenen Intellekts, bestimmen die Stellung im Hordenverband!

    Persönlich bin ich mir dessen bewusst, dass mir keine Hilfe von der Gemeinschaft zu Teil wird, so ich diese benötige – wer sich in die Hände der Krankenindustrie begibt, der lebt vielleicht etwas länger, ja – wenn er großes Glück hat, trifft er vielleicht sogar auf einige wirklich gütige und fähige Exemplare unserer Gattung – Abweichungen gibt es in jeder Art – auf dieses Glück zähle ich nicht – ich weiß, wann es schlicht vorbei ist das Leben.
    Leben nur um zu überleben – diese Entscheidung muss eben jeder für sich selber treffen.

    So hart es klingt – wir alle haben keinen Grund zur Klage, da wir alle schlicht nur primitive Lebewesen sind und Klage allein auf der unbegründeten Hoffnung beruht, wir wären „anders“, als z.B. eine Schnecke, die Nachts unsere Lieblingsblume gefressen hat.

    Wir sind es nicht – und manche von uns trifft eben der Spaten des Gärtners, andere haben ein tolles Versteck und fressen jede Nacht bis sie kurz vorm Platzen sind.

    (… trotzdem – wünsche ich das mögliche Glück – ….. nur Mitgefühl wäre geheuchelt, selber erwarte ich auch niemals welches, auch wenn ich es mir im Notfall sicher wünschte…….. – wir haben es eben alle – jeder für sich! – verbockt – schon seit Jahrtausenden.)

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