“Ich habe alles richtig gemacht. Warum ich?”

Businesswoman kann es nicht fassen, wie viele andere betroffene Menschen auch nicht. Sie – und die anderen – hatten ihren strukturierten Tagesablauf. Spätestens um 21 Uhr wurde schlafen gegangen, meistens sogar früher. Sie ernährten sich gesund, trieben eine empfohlene Sportart. Kein Alkohol, keine Nikotinabhängigkeit – Raucher, das waren immer nur die anderen…

Brav gewesen bis zum geht-nicht-mehr, und nie ausgebrochen. Businesswoman sitzt auf der Bettkante und kann immer noch nicht anders als brav sein. Trotzdem, es ändert nichts daran, sie hat Krebs. Hinter ihr im anderen freien Bett im Zimmer sitzt eine Frau, die nicht so brav war – die hat wenigstens geraucht, und zeitweilig nach eigenem Gusto gelebt. Die hat auch so einen Krebs. Was soll man noch glauben?

Die gesamte beschissene Moral zu Hause war daran ausgerichtet, möglichst viel richtig zu machen. Und? Hatte man es sich nicht verdient, dieses richtige Leben – das gute – wie es angepriesen wurde? Darüber nachdenken, was daran auch wieder falsch sein könnte, gestattete man sich gar nicht.

Es sind ganze zwei Raucher/innen in dem Krebsspital im Moment, die schulterzuckend und trotzig weiter rauchen. Nein, ich bin nicht dabei – ich lasse es bisher. Angeblich verschlechtert Rauchen den Erfolg der Radiotherapie, das habe mit der Durchblutung zu tun.

Es ist auch in der Schulmedizin oft wie Kaffeesatzlesen und Glaubenssache beim Gesundbeten: Gestern war Kaffee noch ungesund, heute nicht mehr – gestern verbot sich das Frühstücksei, heute gilt es als Powerfood. Usw., Beispiele gibt es genug. Während ich das alles grinsend wegstecke erst einmal, hadert Businesswoman mit ihrem Schicksal.

Manchmal scheint es egal zu sein, was man macht – es bringt nicht das, was man erwartet hatte. Während Businesswoman jedes Salatblatt inzwischen misstrauisch beäugt, lasse ich mir zwei Sorten Pudding schmecken.

Alles wird gut, oder auch nicht, in unserem Sinn. Den höheren Sinn zu erraten und herum zu vermuten, zu was er gut sein könnte, – außer miteinander besser klar zu kommen,- hilft nicht weiter. Also, lasse ich es, und versuche zu leben – bewusst.

 

Montagmorgen

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