Das Unterschichten-Arschloch…

… in dem Fall also ich, die von der anderen Dame im nachbarlichen Krankenhaus-Bett seit meinem Eintreffen mit hartnäckigem Schweigen, angeekeltem Gesichtsausdruck ihrerseits, und sturem Verhalten überzogen wurde. Ich ignorierte es weitgehend, war geduldig, schließlich war diese andere Frau ja schon fast 90 Jahre alt.

Die Schwestern und Ärzte aber fanden es nicht gut. “Jede/r Mensch der hier bei uns aufschlägt hat irgendwie Krebs. Da sollte das Privileg –Denken doch mal aufhören”, meinte der Oberarzt. Tja, sollte…

Wir verbrachten schweigsame Tage, mir machte das wenig aus. Ich war ja früher schon viel alleine gewesen, und wusste wie Zeit angefüllt werden konnte – mit Inhalt. Oder, die Ruhe pflegen, und angenehme Gedanken.

Sie – die Zimmerkollegin – blieb stumm, redete nur mit Schwestern und Ärzten – und da äußerte sie, dass ihr meine Kleidung nicht gefiel. Nicht damenhaft genug, nicht genug mit Parfüm getränkt…

Ich hatte viel Hunger, und bekam auch etwas mehr zu essen, – aufholen an Gewicht, oder Gewicht halten,- und zudem kalter Entzug vom Rauchen. Ich hatte keine Lust, mich mit ihr herumzustreiten. Der Oberarzt drohte der anderen Frau, er lasse mich wieder rauchen, wenn sie so bockig sei…

Sie hatte ja alles richtig gemacht im Leben. Nicht gesoffen, nicht gehurt, nicht geraucht… Sie war eine ehemalige Diakonisse mit Schöpflöffeln voller Weisheit, die das “Goldene Blatt” las. Tja, mich interessierte nicht, ob Kate von England rechtsdrehenden Joghurt empfahl, oder ob Maxima von den Niederlanden linksrum pupste, weil rechts von ihr immer ein Kissen lag… oder war es doch anders herum? Egal…

Doch als ein Pfleger von der Christenmoral und vom Liebesgebot redete, schien etwas bei der alten Dame in Bewegung zu kommen. Oder, waren es ihre inneren Probleme, die alles Andere plötzlich so kleinlich erscheinen ließen? Erst einmal war sie beschäftigt, denn sie bekam so sehr Durchfall, dass sie ein Flatterhemd brauchte – alle sonstige Kleidung hatte es erwischt. Gegen Abend war das Schlimmste vorüber, und sie sprach mich plötzlich an – ruhig und freundlich – entschuldigte sich. Sie habe mich für ein wenig gebildetes Exemplar der Gattung Mensch gehalten, Unterschicht eben, – aber sich wohl getäuscht. Soll ja vorkommen…

“Aha, für ein Unterschichten-Arschloch also”, grinste ich sie an. Sie zuckte ein wenig zusammen, und grinste dann auch. “Äh, ja. So ungefähr.” “Na, fein, dann haben wir die Sache ja geklärt jetzt.”

“Wenn ich vor meinem Herrgott stehe und der fragt mich nach dem, was ich eingehalten habe, interessiert es den wohl weniger, ob ich nicht geraucht habe. Er wird sich dafür interessieren ob ich gut zu den Mitmenschen war”, vermutete sie. Sie wollte sich mit mir versöhnen. Okay, nichts dagegen von meiner Seite aus.

Die letzten Tage wurden angenehm mit ihr, nun wird sie entlassen. Ich durfte in ein anderes Zimmer umziehen. Neues Abenteuer also – diesmal ein Drei Bett-Zimmer…

 

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