…traumatisiert…

…viel zu oft.

Und dann setzt das sogenannte Schicksal noch einen oben drauf: Befund Krebs, fortgeschrittenes Stadium.

Am_Morgen

Nein, noch nicht die Folge von Chemo und Strahlen, sondern schlicht schon besser so. Der Tumor blutet, und verklebt alles – ohne Haare ist es besser.

Ja, doch, so ein Befund ist auch traumatisierend. Schließlich geht es ja um das Leben. Während der Mensch sich abzappelt und kämpft in einer Welt, in die viele Leute keine Kinder mehr hineingebären wollen,- in der Hass und Abscheu dominieren, – in der verzweifelt versucht wird, noch ein wenig Schönheit zu entdecken und zu hegen,- während sich die Leiden fortpflanzten, statt neuem Leben.

Manches war brutal ehrlicher inzwischen, vor allem das sogenannte idiotische Lebensgefühl der sagenhaften modernen Leute. Flippig, launisch, eitel und wollüstig. Warum nicht? Das andere scheinheilige Getue hatte sich ja auch nicht bewährt…

Wo waren Güte, Glaube, Nächstenliebe? Beim Pfarrer auf der Kanzel? Vielleicht so lange, wie er diese Tugenden gerade predigte. Mit jenem Glockenschlag, der das Ende der frommen Andacht verkündete, und die Kirchenportale sich öffneten, strömt das Rudel der Gläubigen wieder hinaus, und das war es dann mit der Besinnung, wenn überhaupt. Immer mehr Menschen kehren den Kirchen den Rücken – immer mehr von ihnen haben die verlogenen Kehr- und Schattenseiten des frommen Gesülzes in Realo kennen gelernt.

Nein, mir ist nicht nach “nett” und ausgewogen. Trotz der Traumata bemühe ich mich, über andere Menschen nicht zu urteilen. Aber, diese tun es, ungeniert und hemmungslos. Ausgerechnet jene Leute, die mir meine Autonomie und das Recht darauf – nach allen traumatischen Erfahrungen – erst recht absprechen wollten, krakeelen immer noch herum, ich und mein Mitbewohner seien Betrüger, während wir uns abstrampeln dafür, wieder eine vernünftige Lebensgrundlage hin zu bekommen, die diesen Namen auch verdient. Und die Meisten glauben denen, stimmen zu, ohne etwas zu wissen – ohne auch nur einen Schritt in unseren Schuhen gelaufen zu sein. Wer so handelt wie diese Leute, der ist ganz versessen darauf, zu demonstrieren, wie sehr Autonomie und Würde anderer Menschen verachtet wird. Scham ist keine Schande an sich, aber die Antwort auf zugefügte Ohnmacht, auf die erlebte Verletzung der körperlichen Unversehrtheit, auf die Entwürdigungen, die andere so gerne bereit haben für sogenannte Opfer.

Nichts ist in dieser Welt das, was es zu sein vorgibt. Zivilisation ist nur eine Tünche über der Raserei der Egos, und “nie wieder Krieg” war auch nur leeres Geschwätz. Nie wieder Faschismus genauso verlogenes Gerede. Begeistert rennen so Einige wieder den rechten Trommlern hinterher. Und die biblische Frage des Pilatus liegt wieder nahe: “Was ist Wahrheit?” – Oder, besser: Wohin ist sie abgehauen, diese Wahrheit?

Die “Betrüger” sind die noch Überlebenden – und angeprangert wird eben diese Schuld des Überlebens. Das Opfer ist schuldig, nicht der oder die Täter. So häuft sich Trauma auf Trauma, beschädigt die menschlichen Fähigkeiten, – jene des Grundvertrauens, der Bindungen. In diesen Zeiten kehrt der Krieg überall hin zurück, weil die Menschen wieder Fronten zwischen sich und anderen errichten.

Wenn das Leben nicht mehr zählt,- wenn Menschen darüber nachdenken, wie sie sich am besten töten können, falls es zu schwierig wird,- dass Leben kein Wert mehr sein soll an sich, das verstört. Hier gilt es achtsam zu sein, sonst werden die Gefühle zu widersprüchlich.

Es gibt nur eine Wahrheit: Der Mensch, der ich noch vor ca. 3 Jahren war, existiert nicht mehr. Der Mensch, der ich jetzt bin, müht sich darum, wieder eine Identität zu stabilisieren – die letzte, vermutlich in diesem Leben.

Jene, die mit ihrem Betrüger- und sonstigen Geschrei so auftrumpfen, haben ja das Verdienst, dass sie eben auf einen traumatisierten Menschen noch extra eingewirkt haben. Leider nicht zum Guten, aber immerhin dahin gehend, dass das nicht mehr wichtig war, was andere daherreden. Jedenfalls nicht für das Leben an sich.

Die öffentliche wie auch private Form gesellschaftlicher Gewalt bricht meistens in Kindheit und Jugend über Betroffene herein, und zieht sich dann wie ein roter Faden durch das Leben. Heute hat sich dieser Gewaltfaden bis in die alltäglichen Lebensabläufe hindurch gefressen – Hartz IV, Altersarmut, Lohndumping, usw., durchgesetzt mit Sanktionen die Existenzen bedrohen und vernichten. Die feindlichen Reaktionen des gesellschaftlichen Umfeldes tragen dann ein Übriges zu den ganzen Abläufen bei.

Wo ist heute Geborgenheit und Zuflucht? Nirgendwo, auch dann nicht, wenn ein Mensch schwer krank ist. Im Gegenteil, dann erst recht nicht, schließlich ist er zu nichts nütze, wenn er nichts leisten kann. Wenn die Gewalt und Missachtung gerade von den Menschen ausging, von denen Schutz und Sicherheit zu erwarten gewesen wäre, ist es besonders perfide. Wenn die Gefangenschaft einer behinderten und kranken Frau über Jahre unter Bedingungen und Verhältnissen, die sich keiner sonst vorstellen kann, noch verspottet wird, schafft es diese Frau nur unter gewaltiger Anstrengung, ihre Erinnerung und ihr Wissen um andere, eigene Wertvorstellungen zu bewahren.

Doch was hilft dieses Bewahren, wenn diese Frau dann so krank ist, dass sie selber dem entstandenen Elend nicht mehr Abhilfe schaffen kann? Diese Gesellschaft mit ihrer Ordnung hilft immer noch den Männern, den Besitzenden, den Tätern – aber nicht Frauen und Kindern, – nicht Behinderten und Kranken. Das ist nun mal die nackte Wahrheit bisher.

Unsere Gesellschaft beschädigt Menschen, und wenn es geschehen ist, wird die Beschädigung mit wachsender Wollust vertieft – indem gehetzt und verleumdet wird. Aus dem zuerst privaten Verbrechen wird ein allgemeines, durch Täterschutz und Opferverhöhnung, und durch Unterlassung und Missachtung. Alle Täter versuchen Hilfe zu unterbinden, und alles geschieht schleichend zumeist. Es ist wie bei Geiselnahme und Geiselnehmer.

Andere – die sogenannten normalen Leute – urteilen dann, und behaupten, die Betroffene habe es so gewollt. Sie haben keine Ahnung davon, was es gekostet hat, sich aus dem ganzen Zwang und den Demütigungen zu befreien, ohne Aussicht auf irgendeine gute Zukunft, auf Erfolg,- nur mit der Ahnung vor Augen, dass der Tod wartet. Phönix sollte aus der Asche auferstehen, dabei ging leider etwas daneben, die Erneuerung funktionierte nicht mehr so ganz. Die Zellen haben keine Kraft mehr, sich aus der Asche von selber neu zu erheben.

Für die anderen alle ist es bequemer, sich diesen Thematiken nicht zu stellen. Es ist einfacher, zu urteilen und zu verdammen, und weiter zu gehen. Auf Menschen kommt es in unserer Gesellschaft leider nicht mehr so an, und auf Leben auch nicht. Hauptsache, die Allgemeinheit hat ihre Ruhe, was hinter den Kulissen und Fassaden geschieht, wird gerne vertuscht. Und wieder wird diese Ruhe erkauft mit der weiteren Misshandlung, Verleumdung und Schändung der Opfer.

So lange das der Fall ist, gibt es keine Gerechtigkeit – für Nichts und Niemand.

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