Zwischen Tür und Angel

Inzwischen erwartet man von mir, dass ich so schnell wie möglich abkratze. Alles würde für die offiziellen Helfer einfach. Ich wäre weg, die Wohnung würde frei –Jonny ist nur Untermíeter. Der Vermieter könnte endlich seine Vorstellungen umsetzen. Für die Instandsetzung und Reparaturen sollte ich ja bezahlen, auch wenn ich hier weg wäre…

Nun ja, er kann sich ja dann mit dem Hut auf den Friedhof an mein Grab setzen, vielleicht hilft es ihm.

Unser tüchtiger Helfer – der hier: http://freies-in-wort-und-schrift.info/2017/02/22/alle-sagten-das-geht-nicht-dann-kam-einer-der-wusste-das-nicht-und-hats-gemacht/ ist nun ausgebremst worden – von zwei Seiten. Die eine Seite ist das Landratsamt / Sozialamt, das nicht mehr Geld losmachen will, und eben auch froh wäre, wenn ich den Löffel abgebe. Spart eine Menge Geld, so oder so.

Damit der Vermieter aber sein Geld bekommt, ohne, dass er inzwischen irgend etwas repariert hätte, hatten sie es eilig. Dafür wurde gesorgt, ohne Rücksicht auf unsere Belange. Miete und Nebenkosten gehen direkt an die Empfänger, damit wir uns nicht mehr einmischen können. Wir sollen dafür dankbar sein, wurde uns nahe gelegt. Immerhin hätten wir dadurch ein Dach über dem Kopf, und müssten nicht unter eine Brücke. Dankbar?… Dafür, dass wir immer noch mit dem Backofen heizen müssen, weil die Heizung nicht in Betrieb genommen wird? Dafür, dass das Bad immer noch kaputt ist? Dafür, dass in der Küche immer noch kein kaltes Wasser funktioniert? Dafür, dass Steckdosen nicht funktionieren? Dafür, dass uns versprochen wurde, es käme alles in Ordnung, als alle dachten, ich wäre gesünder, und nun, nachdem der Befund auf fortgeschrittene Tumore lautet, alles in Frage gestellt wird? Dafür, dass mir das offen zu verstehen gegeben wurde, dass es darauf ankäme, ob ich aus dem Krankenhaus wieder käme, und wenn wie? Tot, oder nur noch wenig lebendig. Da habe dann doch alles keinen Wert mehr, und erledige sich sozusagen.

Die Wohnung ist inzwischen leer geräumt. Da der äußerliche Tumor bei mir geplatzt ist, darf ich nicht putzen, und muss sehr vorsichtig sein. Andere wollen nicht putzen, es sei alles zu versifft, und nicht zumutbar – den Helfern. Und wenn Helfer kommen, die sich beleidigend oder diskriminierend äußern, sollen wir den Mund halten, schließlich sei es ja auch danach. “Wie können Sie hier leben?!” rief der Leiter der Diakonie aus, um im gleichen Atemzug eben auch Dankbarkeit zu erwarten – eben, weil wir nicht unter der Brücke gelandet sind. Zuerst wurde ja getuschelt, als Jonny sagte, bei uns wird laut geredet, schließlich geht es ja auch um uns – kamen sie heraus damit. Die Diakonie will nicht helfen, trotz ihrer frommen Salbaderei über christliches Menschenbild. Wer die Herrschaften offen kritisiert, hat auch keine Hilfe mehr zu erwarten – schließlich redet man ja dann nicht so toll von denen, das geht gar nicht.

Ja, und anpassen ist doch wichtig…

Selbst, wenn wir wollten, wir sind krank und brauchen Hilfe. Aber, wenn ein Mensch so richtig in die Scheiße geritten wurde, sind diese Leute nicht mehr zuständig, außer man lässt sich in deren Heime verfrachten – oder, man hat eine Menge Geld.

Zuerst wurde gesagt, die Wohnung muss erst mal leer werden. Das ist sie nun, dass sie dabei nicht sauberer wird, wenn ausgeräumt wird, ist auch klar. Dass ich während dieser Zeit nicht gesünder wurde, ist auch ein Teil der Geschichte. Aber, das Ganze zusammen denken, und weiter machen mit Hoffnung – und auch für Jonny – das geht in die Gehirne nicht hinein. Ist ja auch lästig. sich so richtig für Leute einsetzen zu sollen, die man lieber verachten würde – und dann auch noch Tumor fortgeschrittener Art bei mir, da geht doch gar nichts mehr. Wer will denn so etwas privat betreuen?

Immerhin, bis ich ins Krankenhaus gehe, kommt jetzt eine Helferin – von der Diakonie – zum Verbinden. Da kann ich aber froh sein… Die ersten Verbände haben wir beide noch selber gemacht, der Arzt war in Urlaub. Stell’ Dir vor, Du lebst in der Wildnis, fernab der Zivilisation, ohne Möglichkeit einer Verbindung dahin… So ungefähr ist das hier manchmal, nur eben keine echte Wildnis…

Fast 20 Jahre lang hat der Vermieter an der Wohnung nichts getan. Mein Ehemann, der davon rannte, hatte die Wohnung samt mir verkommen lassen, – mich eingesperrt, und behauptet, ich simuliere nur. Ja, auch die Krebserkrankung und den Tumor habe ich simuliert,-  klar doch, samt Behinderungen, den Rollstuhl hatte ich ja auch nur zum Spaß. Und alle dachten sie, wenn ich über den Schrecken mit den Erlebnissen mit meinem Mann hinweg bin, funktioniere ich wieder halbwegs. Aber, bitte selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen, mit den Psychologen sieht es hier anscheinend auch bescheiden aus, jedenfalls bekomme ich keine psychologische Hilfe.

Wenn diese psychologische Hilfe so aussieht, wie die von der Diakonie, dann ist es tatsächlich besser, wenn sie nicht stattfindet. Behörde, Helfer, Diakonie – sowieso fast alle unter dem diakonischen Dach – sind sich dann einig, wenn es darum geht, nichts mehr zu tun, weil die menschliche Not, die sie antreffen, ihre gewohnten Vorstellungen übersteigt.  “Die (also wir) wollen es ja so”, ist dann der Notausgang, wenn das Leitbild nicht mehr zählen soll.

Hier der Link zum Leitbild der Diakonie Nordschwarzwald: http://www.diakonie-nordschwarzwald.de/ueber-uns/leitbild/

Und nun dazu einige Anmerkungen:

„Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“, sagte Jesus, und schreckte vor den am schlimmsten Betroffenen nicht zurück. Genauso saß er mit Sündern und Sünderinnen, und anderen Ausgestoßenen zusammen. Nicht umsonst wurde die Bemerkung kreiert: “Jesus in schlechter Gesellschaft”, welche ja auch ein Buchtitel ist. Dies alles wird glatt und gefällig geredet, damit das Leitbild passend gemacht werden kann, und eben nicht umgekehrt. Jesus Aufforderung: “Komm, und folge mir nach”, verhallt in echt noch mehr in Ignoranz, als dies zu seiner Zeit der Fall war.

Wir sind also eine Zumutung – da gab es doch schon mal eine in der Bibel? Die Geschichte mit Jesus und dem Rasenden…

Wir rasen nicht – trotzdem… aber, was sagt uns die Geschichte auf heute bezogen? Das gibt es doch so nicht mehr, oder? Doch:

Schon der Ort, an dem er sich aufhält, sagt eigentlich alles: er hatte seine Behausung in den Grabhöhlen. Was muss das für ein Mensch sein, der sich dort niederlässt! Damals, zur Zeit Jesu, hatte man sich damit ins völlige Abseits begeben; jeder, der mit Toten in Berührung kam, galt als unrein, das heißt: er war nicht mehr gesellschaftsfähig. Er gehörte nicht mehr dazu. Heute sind das die Menschen unter der Brücke, in den Rotlichtvierteln der Großstädte, in den geschlossenen Abteilungen psychiatrischer Kliniken und im Knast. Wenn wir aber genauer hinsehen, dann gibt es bei uns noch sehr viel mehr Bezirke, Ghettos, in denen sich Menschen aufhalten, die nicht richtig dazugehören: bestimmte Stadtviertel, die hauptsächlich von Migranten bewohnt sind (Vorläufer waren die Judenviertel) oder Asylbewerberunterkünfte; aber auch Pflegeheime oder Behinderteneinrichtungen, in denen Menschen leben, die nicht oder nicht mehr in die Abläufe unseres üblichen Lebensalltags hinein passen.

Quelle: Hier weiterlesen

Wir passen nicht in die feinen Abläufe der bürokratischen, oder eingeschliffenen Abläufe der Behörden und Diakonie. Gegen Fremdbestimmung haben wir etwas, auch wenn wir alt und krank sind. Jesus blieb souverän, die Diakonie und einige andere Beteiligte sind es nicht – auch dann nicht, wenn sie sich x-mal ihr Leitbild vorbeten.

Was würde Jesus dazu sagen? Würde er wieder von Schlangen und Otterngezücht reden, wie hier?

Es gibt auf den Seiten der Diakonie einen Link mit dem schönen Titel: Ran ans Leben Diakonie. Sie suchen dort Leute für ein freiwilliges soziales Jahr, oder den Bundesfreiwilligen-Dienst. Ran ans Leben bedeutet aber auch, dass es mitten hinein gehen kann in das brutale Dasein geschundener Menschen. Sich abwenden ist aber nicht die Lösung, die gebraucht wird. Wo ist hier das vielgerühmte Vorbild der kirchlichen und sonstigen Institutionen? Einmal im Jahr vorgezeigt bei einer ihrer Veranstaltungen?

Es sieht letztendlich wieder so aus, dass die schwer kranke, behinderte Frau um die es geht – ich – stärker sein muss, als alle anderen zusammen. Trotz Krebs und Behinderungen bin ich die, welche an Hoffnung festhalten soll, – kämpfen soll,- aber bitte so, dass es nicht lästig wird. Die anderen machen schlapp und geben auf. Die Hoffnung, auf die sie setzen, ist jene, die mich bald am Grab besuchen will. Das Thema wird tuschelnd und zwischen Tür und Angel abgehandelt. Der Einzige, der Stand hält ist Jonny. Dafür braucht er keine Bibel… Damit hat er sich nicht beliebt gemacht, denn er ist noch einer, der sperrig ist. Er faltet sie zusammen, wenn es mir die Sprache verschlägt.

Jonny ist nicht bequem zu handeln, aber er ist das, was menschlich genannt werden kann. Leider ist gerade das selten geworden. Und zu Viele fallen darum durch den berühmten Rost – in irgendeinen menschengemachten Kreis der Hölle auf Erden. Die anderen wenden sich in Korrektheit ab und wollen es nicht merken, wenn wieder einer absackt.