Gastbeitrag: Die Grundwerte der Notbremser – von Gitta Peyn

Gitta Peyn

 

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Bringen wir doch zu Ostern passend die Grundwerte der Notbremser noch einmal auf den Punkt:

Die durch sie vermittelte Ethik stellt hohe Ansprüche an jeden Einzelnen – Ansprüche, denen zu folgen den meisten sehr schwer fällt, weil sie mit basalen Konditionierungsmustern konfligieren, die unsere Gesellschaft konstituiert und konstituieren.
(In einfacherer Sprache: Wir wurden darauf gedrillt und drillen darauf, Regeln einzuhalten, die der Ethik der Notbremser zuwider laufen. Das läuft meistenteils nicht bewusst ab.)
Diese basalen Konditionierungsmuster verhindern, dass wir als Sozialgemeinschaft den Sprung dahin machen, einander wirklich mit Respekt zu begegnen und wichtige sozialwirtschaftliche Schritte einzuleiten, wie beispielsweise die Abschaffung der Sanktionspraxis.

Der Kerngedanke ist einfach:
Konstruktiv formuliert: Denke und handle freilassend.
Als Negation formuliert: Unterlasse Übergriffigkeit.

Was das beinhaltet, lässt sich in einfachen Handlungsanweisungen ausdrücken:

– Lass den anderen sein Leben leben.
– Lass anderen ihr Recht auf eigene Entscheidungen, selbst wenn Du der Ansicht bist, dass es ihnen schadet.
– Dräng Hilfe anderen nicht auf.
– Hilf nur, wenn Du um Hilfe gebeten wurdest oder um klare akute Notfälle (Ertrinken zum Beispiel) abzuwenden.
– Urteile niemals über jemanden, der eigene Entscheidungen fällt in der Not, die ihm schaden. Es ist sein gutes Recht!
– Lass anderen ihre Meinung. (Daraus folgt, dass Du streiten darfst. Warum? Weil der Streit eine Geste des Respekts ist, in der der Konflikt als Ausdruck der Andersartigkeit verstanden wird. Du darfst sachlich urteilen, Du darfst emotional werden, aber niemals darfst Du anderen ihre Meinung verbieten oder versuchen, ihnen Deine aufzudrängen. Du darfst das Urteil von der Meinung trennen und hart urteilen, aber Du darfst kein Faschist sein, der einen andere für seine Meinung als Mensch abwertet. Selbstbewusstsein kommt durch klare Werte.)
– Erwarte keinen Dank für Deine Hilfe. (Dankbarkeit ist schön und zeigt Respekt vor der Lebensenergie, die Du in der Hilfeleistung anderen zur Verfügung stellst (das gilt auch für Geld), aber Hilfe sollte dennoch immer frei und ohne Erwartung geleistet werden, um Abhängigkeiten zu vermeiden.)
– Aus dem letzten Punkt folgt: Erzeuge keine Abhängigkeiten. Dies gilt auch umgekehrt: Handle auch als Hilfsbedürftiger noch aufrecht gehend, das ist Dein Recht.
– Psychologisiere andere nicht (das ist die schlimmste Form von Übergriffigkeit, die den anderen schubladisiert und sein Denken, Meinen und Leben abwertet).
– Wahre stets Distanz. Projiziere Dein Bedürfnis nach Nähe nicht auf andere, mache sie nicht für Dein Leben verantwortlich. Wenn Du das nicht kannst, suche Dir therapeutische Hilfe oder einen guten Coach.
– Lass anderen ihr Recht auf ihren ganz persönlichen Schmerz, sogar ihren Untergang.
– Du darfst Hilfe verweigern, doch wenn Du sie leistest, gib, danach wende Dich ab und lass dem anderen seinen Raum, seine Rechte, sein Leben, seine Entscheidungen.

„Fördern und Fordern“ ist nicht das Resultat einiger weniger Unmenschen. Es ist deshalb möglich geworden, weil wir in unserer Gesellschaft grundlegend den Gedanken verankert haben, dass wir anderen vorschreiben dürfen, was sie zu tun und zu lassen haben – und das ganz besonders, wenn sie unsere Hilfe brauchen.
Diese Vergewaltigung der hilfsbedürftigen Seele ist ein großes Problem unserer Kultur. Das Abhängigkeitsdenken wird bereits in den Kitas konditioniert, und – streng genommen – ist kaum jemand wirklich hiervon frei.
Sehen können wir das dann, wenn sich Cliquen bilden, in denen die Mitglieder dieser Gruppen versuchen, sich gegenseitig zu orientieren und zu konditionieren. Man spricht hinter dem Rücken über nicht Anwesende, bewertet nicht gruppenkonformes Verhalten und verurteilt jene, die nicht bereit sind, den Spielregeln der Clique zu folgen.
Sehen können wir das auch, wenn jemand einem Menschen hilft, der in Not ist, ihm beispielsweise Geld gibt, und derjenige kauft sich davon Bier. Gib, dann wende Dich ab. Wenn Dir nicht gepasst hat, was er mit Deinem Geld getan hat, gib einfach kein weiteres Mal. Das ist Dein Recht, aber Du hast keins an seinem Leben. Und Du hast auch kein Recht dazu, anderen vorzuschreiben, ob sie hier helfen sollten oder nicht. Merken: Gib, danach wende Dich ab. Du hast auch kein Recht zum Urteil oder dazu, andere dahingehend zu manipulieren, wie sie in Einzelfällen der Hilfe zu entscheiden haben.

Sich für freilassendes Helfen zu entscheiden, heißt grundlegende Werturteile zu hinterfragen und neu zu setzen und dabei Risiken bereit zu sein einzugehen, die normalerweise nicht eingegangen werden.

Um es auf den Punkt zu bringen: Kein Mensch hat ein Recht auf den Willen und das Leben eines anderen.

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“
Wir wollen nicht bevormundet werden.
Wir wollen als Erwachsene behandelt werden.
Wir wollen über unser Leben entscheiden.
Wir wollen auch in der Not noch respektiert werden.
Wir wollen, dass man uns in der Not hilft, aber wir möchten dafür nicht buckeln müssen.

Freilassendes Helfen erst ist praktizierte Nächstenliebe.
Alles andere ist Erziehung.
Eine Gesellschaft von Erziehern braucht Kinder, die sie erziehen kann. Sie wird immer Einzelne, Minderheiten, Gruppen von Menschen in der Abhängigkeit halten, um ihrem Erziehungsbedürfnis freien Lauf zu lassen.
Eine Gesellschaft von Abhängigen wird andere Abhängige schaffen, über die sie entscheiden kann.
Man kann diesen Zirkel nur über den Sprung nach oben hin zu einem erwachsenen, aufrechten Dasein verlassen. Und das beginnt bei einem selbst.
Erwachsen zu sein kann man nicht von anderen fordern. Man muss es selbst machen.

Wir freuen uns, wenn Du diesen Text kopierst und auf Deiner Chronik mit Deinen Freunden teilst unter dem Titel: „Die Grundwerte der Notbremser“.
Vielen Dank.