Über Hilfe und Helfen

Gitta Peyn aus Facebook hat mal wieder einen Text verbrochen. Sie schreibt genau das, was mich seit meinem sogenannten Probewohnen in Bad Teinach, bei einer Pflegefamilie, auch bewegt.

Der Text ist gut, finde ich. Die wenigsten Menschen können es. Aber, es ist etwas, um das man sich bemühen sollte – denn, wir beide wollen ja auch keine Hilfe, die uns vorgibt, was wann wie sein soll und was wir damit und darin genau zu tun haben.

Auch im Umgang miteinander ist das wichtig, auch wenn es schwer fällt. Keiner ist des anderen Kopf, Seele oder gar Empfinden.

Hier also der Text von Gitta Peyn aus Facebook:

Gitta Peyn

 

Ich werde das öfter gefragt, und weil ich kein Life-Coach bin (ich halte das mittlerweile für einen Beruf für Zecken), mache ich das mal eben hier – vielleicht kann der eine oder andere was damit anfangen:

Ich sieze Klienten und gehe keine persönlichen Beziehungen mit Menschen ein, die meine Hilfe brauchen. Wenn jemand meine Hilfe braucht, zu dem ich bereits eine freundschaftliche Beziehung habe, hängt mein Verhalten davon ab, wie diese Beziehung geschaffen ist. Ist es ein intimer Freund, gibt es nicht viel nachzudenken; das Verhalten kommt natürlich, ich betrachte das nicht einmal als Hilfe.

Ist es eine oberflächlichere Beziehung, zum Beispiel eine Facebook-Freundschaft oder eine Beziehung unter emotional und kognitiv stark Ungleichen, gehe ich für den Part der Hilfeleistung in den professionellen Modus, wahre dort Abstand, um zu verhindern, dass es hinterher zu Lebensübergriffigkeiten kommt (egal von welcher Seite).

Das (und warum ich keine Beziehungen zu Klienten eingehe) hat mehrere Gründe, und ich glaube, die sind nicht ganz unwichtig:

Der erste ist, dass ich freilassendes Helfen über alles stelle. Ich erwarte kein Dankeschön, ich will keine Abhängigkeiten, ich möchte, dass derjenige, der um Hilfe bittet, seine Würde und seinen Selbstrespekt wahren kann und ich will, dass er selbst entscheidet, welche Form von Hilfe er haben will und welche nicht (auch, wenn ich denken sollte, dass ihn das in den Untergang treibt – auch darauf hat er ein Recht, es ist seine Sache, nicht meine) und dass er das Gefühl hat, völlig selbständig entschieden zu haben und außerdem überhaupt auf eigene Ideen kommen kann. Und ich möchte auch hinterher, wenn er Schwachsinn redet, weiterhin die Möglichkeit haben dürfen, ein Arschloch zu sein und zu sagen: „Ach, halt doch die Klappe, das erträgt doch kein Mensch!“ – ein Ton, den ich selten wähle, für den ich mir aber die Option offen halten will.

Der zweite ist, dass ich es umgekehrt nicht mag, wenn sich Leute mir gegenüber in Abhängigkeit begeben. Ich finde das ein unangenehmes Gefühl, zur emotionalen Projektionsfläche zu werden, und da ich in Beziehungen sehr eigen bin und mit nur sehr wenig Menschen tatsächlich intim gut auskomme, halte ich auch aus eigenen Gründen, zum Erhalt meiner inneren Grenzen, Abstand.

Ein weiterer ist der, dass ich ganz grundsätzlich davon überzeugt bin, dass wir uns alle viel zu nahe gekommen sind. Ich hab gern Menschen gern, aber auf Distanz. Ich glaube nicht, dass ich andere noch gut sehen kann, wenn ich sie ständig umarmen muss, und ich mag es außerdem auch nicht, wenn andere das bei mir tun. Ich will nicht gekannt werden, ich will nicht, dass die Leute glauben zu wissen, wer ich bin. Natürlich mache ich mir Vorstellungen von anderen, aber ich halte dieses ständige Bedürfnis Menschen zu charakterisieren, ja zu psychologisieren, für ein – Verzeihung – saublödes und auch ziemlich gefährliches Spiel. Ich finde das eine der größten Übergriffigkeiten, die man sich nur vorstellen kann, und so wahre ich umgekehrt aus Respekt vor dem Eigen-Sinn des anderen Abstand und das erst recht, wenn das ein Klient ist, denn niemand hasst jemand, der Hilfe bekommen hat mehr als denjenigen, der es gewagt hat, in dessen Intimbereich vorzudringen und ihm dort das Gefühl der Wertlosigkeit und Abhängigkeit vermittelt zu haben.

Außerdem haben Hilfesuchende es eh damit schwer „Nein!“ zu sagen und müssen deshalb ständig damit leben, dass ihnen Vorschläge gemacht werden, die nicht zu ihnen passen und gegen die sie sich nicht wehren können. Ich finde das ganz furchtbar, wenn ich in Schwierigkeiten bin, wenn Menschen mir sagen, was ich ihrer Ansicht nach tun sollte oder sogar schon damit anfangen, das umzusetzen, während ich noch einigermaßen verzweifelt dabei bin zu sagen: „Lass das, ich will das so nicht!“ Wenn dann anschließend ein: „Ja, dann ist Dir wohl nicht zu helfen!“ oder eine andere Form von Ablehnung kommt, könnte ich die Wände hochgehen über soviel rücksichtslosen Egoismus vor dem Hintergrund der simplen Tatsache, dass ich diejenige bin, die um Hilfe gebeten hat und ich deshalb diejenige sein muss, die das Recht hat darüber zu entscheiden, wie die aussieht. „Nein!“ kann der andere dazu gern sagen, nur vorschreiben, wie ich mein Leben zu leben habe, lasse ich mir von niemandem, und ich wünschte mir, wir würden das den Menschen sehr viel mehr erlauben, anstatt ihnen mit der Hartz IV-Mentalität zu kommen: „Solange Du meine Hilfe brauchst, habe ich ein Mitspracherecht darüber zu entscheiden, was gut für Dich ist und was nicht, und wenn Du das nicht erlaubst, darf ich Dich als Mensch (Bürger, Person, Mitmensch etc.) abwerten.“ Mit Verlaub: Das ist genau die Scheiße, aus der die meisten emotionalen und kognitiven Buckel gemacht sind, mit denen sich heute so viele herumschleppen.

Ich halte es für eine Charakterschwäche anderen helfen zu müssen. Wenn man helfen will, muss das aus Prinzip heraus geschehen, auf der Basis einer lebensgesunden und sozial würdigen Ethik. Ich halte es auch für eine Charakterschwäche, mit jedem gut Freund sein zu müssen und zu erwarten, dass Freundlichkeit den Ton angibt. Freundlichkeit als letztes Maß in allen Sozialangelegenheiten verhindert Abgrenzung und schafft ein Milieu, in dem diejenigen, die sich bösartig auf Kosten anderer soziale Positionen verschaffen (und sei es auch nur durch plumpe Rhetorik in Diskussionen) an die Macht kommen. Ich glaube, es ist übertriebene Freundlichkeit, die mit Schuld ist daran, dass wir es mit so vielen Populisten zu tun haben.

Klartext geht nur unter Erwachsenen, und natürlich benimmt sich ein Erwachsener nicht wie ein dummer Rüpel, dasselbe gilt aber eben auch für die Form von Freundlichkeit, die das Resultat ethischer Überlegung und nicht das emotionalen Wünschens ist. Sie hat Grenzen, beide haben das. Der Klartext hört da auf, wo man merkt, dass der andere zu schwach ist, um damit zurechtzukommen, die Freundlichkeit dort, wo die Integrität des einen oder anderen bedroht ist: meine oder die desjenigen, mit dem ich gerade zu tun habe.

Nichts ist diffiziler in meinen Augen, als die Beziehung zwischen Hilfeleistendem und Hilfesuchendem, und deshalb gehört sie professionalisiert. Der Hilfesuchende spürt so: Während es um das Problem geht, befinde ich mich in einem abgesteckten und geschützten Raum, in dem meine Persönlichkeitsrechte gewahrt sind und wo ich nicht erwarten muss, dass das hinterher „da draußen“ Konsequenzen für mich und mein Selbstwertgefühl hat.
Umgekehrt weiß jeder, der Hilfe leistet, dass, wenn er sich an solch eine Form von Richtungsweisung hält, dass er niemals abhängig wird von dem, was er tut und niemals Gefahr läuft zu jemandem zu werden, der anderen hilft, weil er sich damit selbst aufwertet.

Wie sieht es jetzt mit Dankesbezeugungen aus?

Ich freue mich, wenn jemand sich bedankt, aber mir kräuseln sich die Fußnägel, wenn das zu viel wird. Wir leben in hysterischen Zeiten, ich bin sehr für eine Beruhigung. Ein einfaches „Dankeschön“ reicht völlig, und wenn keins kommt, bricht mein Ego auch nicht gleich zusammen. Ich halte Hilfestellung für Bürgerpflicht, ich kann mir Sozialgemeinschaften, die mit der Mentalität der AfD-Politik oder eines Donald Trump aufgebaut werden, nicht als überlebensfähig vorstellen. Es ist eine Angelegenheit der Vernunft anderen zur Seite zu stehen, anders können sich Gruppen nicht dauerhaft bilden. Hilfestellung ist für mich ein natürlicher Akt. Solange ich kann, tue ich das, und wenn das bedeutet, dass ich wachsen muss, um mehr zu können, tue ich das auch. Das hat nichts mit Güte zu tun, zumindest erst einmal nicht. Es ist völlig rational gedacht, anderen behilflich zu sein in der Not. Entsprechend rational sehe ich die Beziehung zwischen Hilfestellendem und Hilfesuchendem. Sie ist natürlich, und der ganze so oft damit verbundene Schleim ist einfach nur ein Zeichen allgemein um sich greifender Persönlichkeitsstörung. Es macht natürlich tierisch Spaß zu helfen, vor allem in einer Gruppe von Gleichgesinnten. Es ist dieser Spaß, der damit kommt, etwas Sinnvolles zu tun und eine Arbeit gut zu machen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man mal ein Leben gerettet hat. Da weiß man, was Sinn eigentlich meint.

Dieses euphorische Gefühl betrachtet, denke ich sogar, dass dieser Instinkt zu helfen genetisch programmiert ist (weil er direkt mit Endorphinausschüttung belohnt wird) und halte Leute, die das nicht mehr können oder wollen (egal, wie klein die Hilfestellung sein mag) für sozialkrank (ein Wort – mit Absicht) und Gesellschaften, die nicht mehr wissen, wie das richtig geht, ebenfalls.

So. Meinungen? Text nicht korrekturgelesen.

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