In Deutschlands Mitte im Dezember 2016 – oder “Oh, Du Fröhliche …“

Dieser Beitrag ist die erste gemeinsame Arbeit von Inge Jurk und Jonny Beyer (AlterKnacker). Geschrieben in Eiseskälte und Chaos, weil wir uns seit über einer Woche in dieser Wohnung den Arsch abfrieren. An Abhilfe unsererseits ist auch nicht zu denken, denn wir beide sind körperlich einfach nicht mehr in der Lage, dies wirklich an zu packen und müssen auf Hilfe hoffen, was aber nicht so einfach zu erwarten ist.

Dieser Beitrag stammt vom 13.12.2006 und wird erst heute veröffentlicht, da heute auch das Internet in diesem Chaos wieder funktioniert.

“Calw am Ende des Jahres des ‘Herrn’ 2016” oder das Gesamtversagen der Agenda 2010und wer jetzt anführt, dass dies ja nur ein Einzelfall ist, übersieht, dass sich diese Einzelfälle in 12 Jahren Hartz IV und Grundsicherung so nicht einfach unter den Teppich kehren lassen. Die Sozialpolitik hat hier auf ganzer Linie versagt. Der Ausspruch Angela Merkels: “Deutschland geht es gut” kann man in diesem Zusammenhang ganz klar als Lüge enttarnen. Wirklich gut geht es sowieso nur einer verschwindend geringen Minderheit (ist einfach Fakt), denn die Mittel- und Unterschicht ist inzwischen völlig ab gehängt, muss aber die Zeche des Politikversagens zahlen.

Weinachten in Deutschland kann ganz schön beschissen sein, wenn man auf der so genannten falschen Seite der Gesellschaft lebt.

Ganz besonders im Nordschwarzwald und hier explizit in der Stadt Calw.

Seit der Einführung von Hartz IV im Jahre 2005 müsste so ein Skandal inzwischen mehr als nur das Internet erreicht haben. Verschiedenste Organisationen waren von dem Zustand der hier betroffenen Frau informiert.

Am 13. September 2016 wurde eine körperlich schwerbehinderte Frau von ihrem Mann – nach fast 18 Jahren Ehe – verlassen. Er ließ sie in einer total versifften und zu geräumten Wohnung ohne Möglichkeit zu heizen, zurück. Dass es zu diesem Zustand kam, ist dem Umstand und der Tatsache geschuldet, dass sich der Ehemann seit Jahren nicht mehr um seine Frau kümmerte.

Die nachfolgenden Bilder sind das Ergebnis einer 6-jährigen Horrortortur von Inge Jurk und können durch anklicken vergrößert werden:

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Ab der Eheschließung im Jahr 1998 bis zum Jahr 2001 verlief die Zeit ohne Schwierigkeiten mit dem Ehemann, und auch nach den ersten, körperlichen Verschlechterungen des Gesundheitszustandes der Frau hielt der Ehemann zu ihr.

Im Jahr 2001 war die Frau zu einem 6-wöchigen Rehabilitationsaufenthalt in der neurologischen Abteilung der Landesklinik wegen mehreren Bandscheibenvorfällen und Skoliose. Innerhalb dieses Aufenthaltes wurde die Frau nicht darüber aufgeklärt, dass da noch etwas Anderes ist. Die vollständige Aufklärung über ihren Gesamtgesundheitszustand erfolgte im Jahre 2008 durch einen Zufall. Das Jobcenter forderte von den behandelnden Ärzten die kompletten Diagnosen an, und diese wurden der Frau als Kopie übersandt. Daraus ergab sich für die Frau, dass sie unter einer seltenen Krankheit litt, welche als Syrinx (Syringomyelitis) bezeichnet wurde. Dieser Befund lag zuvor 7 Jahre lang in der Schublade ihres behandelnden Facharztes. Schon zuvor hatte ihr der Hausarzt einen Rollstuhl verschrieben, welcher zuvor von den behandelnden Fachärzten abgelehnt worden war.

Dieser Rollstuhl war der Break Event in der Ehe.

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Im Jahr zuvor hatte er seine Frau schon einmal abrupt im Stich gelassen, und war gegangen – Weihnachten bis Neujahr 2015 bis 2016. Es war damals ohne Gewaltanwendung geschehen, und er kam wieder. Er pochte auf sein Recht in der ehelichen Wohnung, und versprach, künftig vertrauenswürdig sein zu wollen.

Reicht die Bereitschaft zu helfen aus, wenn man sich einfach nur draufstürzt? Ich denke mal, ganz gewiss nicht, denn der Betroffene muss schon mehr als bereit sein, es auch zuzulassen.

Seit 01.12.2016 bin ich jetzt in Calw, die Wohnung von Inge ist ein einzige Chaos und die Temperatur in der Wohnung hat sibirische Ausmaße, natürlich in Minusgraden.

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Wie krank Inge wirklich war und ist, konnte ich mir wohl vorstellen, aber die Wirklichkeit übertrifft die Vorstellung bei weitem. Und sie ist traumatisiert.

Ihr Mann hat eine zerbrochene Frau einfach schutzlos ihrem Schicksal überlassen und das Weite gesucht und als Inge glaubte, bei einer in der Nähe wohnenden Familie in Sicherheit zu sein, wurde sie gleich doppelt enttäuscht. Obwohl sie nur knapp zwei Monate aus ihrer Wohnung raus war, hat sich der Zustand ihrer Wohnung natürlich nicht verbessert, denn auch ihr Vermieter hat in der Zwischenzeit keinen Finger gerührt, die Missstände, welche auch auf sein Konto gehen, zu beseitigen.

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Als Inge sich in den Schutz dieser Familie begab, war es von der Witterung her in ganz Deutschland noch angenehm warm, als sie aber jetzt zurückkam, musste sie in eine eiskalte Wohnung einziehen ohne funktionierende Heizung, denn Inges Mann hatte die Heizkosten für die Gasheizung nicht bezahlt und das Gas wurde natürlich ab gestellt.

Wo anfangen in diesem Chaos, ist eigentlich unmöglich zu beantworten, da ich selbst auch nur eingeschränkt körperlich beweglich bin. Fluchen hilft da auch nichts, denn mit den Tatsachen der Gegenwart und dass ich inzwischen nun mal 69 Jahre bin, damit muss ich mich immer noch rein Gedanklich auseinandersetzen.

Arbeitszimmer1

Heute hatte ich endlich dann Gelegenheit, den Vermieter kennen zu lernen, auch, weil er ja vor meinem offiziellen Einzug dem Gesetz genüge tun und eine Meldebestätigung unterschreiben musste. Hätte er z.B. dies nicht getan, weil er mich vielleicht nicht mochte oder aus sonstigem Grund, glaube ich nicht, dass er auf längere Sicht überhaupt einen Mieter für die Wohnung in diesem Zustand gefunden hätte. Jetzt wird er nur überschaubare Investitionen tätigen müssen, um sichere Mieteinnahmen generieren zu können.

Heute haben Inge und ich auch eine erste warme Mahlzeit zu uns genommen.

Heute werde ich auch rein meldetechnisch mich offiziell in Calw anmelden und weitere Schritte mit Inge gemeinsam unternehmen, damit der rein äußerliche Zustand der Wohnung wieder einen Normalzustand erreicht.

Ein gutes hat das Rentnerdasein ja schon; Inge und ich sind aus dem Tretmühlenprozess Erwerbsarbeit raus und können unsere Zeit frei einteilen. Die FIWUS-Wohngemeinschaft ist gestartet.

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Nach einem Telefonat mit dem Vermieter habe ich dann nachfolgenden Brief an den Vermieter geschrieben und am darauffolgenden Tag versandt.

 

Jonny Beyer
Teuchelweg 11
75365 Calw                                                                                                                                                                , 08.12.2016

 

 

 

PER EINSCHREIBEN und RÜCKSCHEIN

Herr Thomas Müller
Walkmühleweg 36

75365 Calw

 

 

Sehr geehrter Herr Müller,

ich habe mich heute (08.12.16) bei der Meldebehörde angemeldet, aber der Grund meines Schreibens ist doch ein anderer.

 

Eine Wohnung anzumieten ohne Heizung wäre im Normalfall völlig schwachsinnig und absolut unüblich.

 

Dass dieser Fall beim Teuchelweg etwas anders gelagert ist, ist Ihnen und mir hinreichend bekannt und steht auch jetzt nicht zur Debatte.

 

Ihre Unterschrift unter die Meldebestätigung ist bindend und verpflichtet beide Seiten (Mieter und Vermieter) zur Einhaltung des noch ausstehenden Vertrags.

 

Als mir Ihre Zusage zum Einzug telefonisch in Passau mitgeteilt wurde, erklärte Frau Jurk auch, dass die Wohnung durch Nichtheizen sehr kalt ist, aber die genauen Umstände konnte sie mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht mitteilen, denn sie waren ihr gar nicht bekannt. Erst durch ein Telefonat am 7.12. mit einem Hausbewohner (Herrn Bührig) stellte sich diese besondere Situation als äußerst kompliziert heraus. Es stellte sich nämlich heraus, dass bei Nichtbezahlung der Gasrechnung und weiterem Verzug von Zahlungen der Gaszähler auszubauen ist und an den Versorger zu übergeben ist und dieser Mann waren Sie persönlich oder ein von Ihnen Beauftragter. Also liegt es an Ihnen, diesen Gaszähler entweder selbst oder von einem Auftragnehmer wieder zu installieren zu lassen und zwar, auf Ihre Kosten. Ebenso verhält es sich mit der technischen Kontrolle der Heizkörper, welche ja noch in der Wohnung vorhanden sind.

 

Ich weiß ja nicht, wann Sie die Mietgesetze zuletzt gelesen und zur Kenntnis genommen haben, aber ich an Ihrer Stelle würde dies dann doch einfach mal tun.

 

Ich bin wohl bereit, trotz dieser zur Debatte stehenden Probleme, den Mietvertrag zu erfüllen, aber bei Nichteinhaltung von bestehenden Gesetzen werden Frau Jurk und ich dann den Rechtsweg einschlagen und die Lage von Gerichts wegen klären lassen, was ja auch Ihnen erhebliche Zusatzkosten bescheren würde.

 

Auch bedauere ich zutiefst, dass Sie mir keine andere Möglichkeit lassen, da ich bei der gestrigen Begegnung mit Ihnen keinen negativen Eindruck gewonnen habe.

 

Fristsetzung bis Montag, 12.12.2016 – 24:00 Uhr.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Jonny Beyer

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Fallnotizen, erstellt durch Inge Jurk:

Wann es wirklich begann, dass der Ehemann seltsam wurde, weiß man meistens erst nachdem es vorbei ist mit der Ehe. Die Warnsignale am Anfang wurden übersehen, weil es danach jeweils wieder für Jahre gut ging. Lange Zeit galt die Ehe der behinderten Frau mit ihrem Mann als vorbildlich und gut. Um es kurz zu machen: Am Vortag des letzten Tages der Ehe warf der Ehemann einen Aschenbecher nach seiner Frau. Da diese den Standpunkt vertrat, dass beim geringsten Vorfall von körperlicher Gewalt die Ehe für sie gelaufen sei, rief sie die Polizei. Nachdem eine Polizistin und ein Polizist eingetroffen waren, verrieten deren entsetzte Gesichter, dass sie den verwahrlosten Zustand der Wohnung und der betroffenen Frau wahrgenommen hatten. Es gelang ihnen den Ehemann zu beruhigen. Zu diesem Zeitpunkt ging es darum, dass die Ehefrau gehen sollte. Die beiden Leute von der Polizei sprachen noch kurz mit ihr über die Möglichkeit, zu Freundinnen zu gehen, bestärkten sie darin, dass sie ihren Mann verlassen sollte, und gingen wieder.

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Während anschließend die Frau in der Küche saß, und mit dem Handy versuchte abzuklären, wo sie hingehen könnte, war erst einmal Ruhe. Nach einiger Zeit stürmte der Ehemann in die Küche, und blaffte die Ehefrau an: „Ich gehe! – Du brauchst nicht zu gehen, ich gehe!“ Dann war wieder Ruhe. Danach hatte die Frau einen emotionalen Blackout.

Am nächsten Tag verließ der Mann wie angekündigt die Wohnung, und anschließend die Stadt.