Es bleibt schwierig in mir.

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Am 13. September 2016 verliess mich mein Mann nachdem er einen Aschenbecher nach mir geworfen hatte – die Polizei dagewesen war, und er eigentlich mich hinauswerfen wollte.

Oh, ich wäre gerne gegangen, wenn es einfach für mich wäre. Aber ich bin schwerbehindert und kann nur in Wohnung und Haus noch ein wenig gehen. Draussen brauche ich einen Rollstuhl, und bei Belastung werden die Schmerzen schlicht zu heftig. Ich klappe dann einfach zusammen. Schuld an der Behinderung sind Bandscheibenschäden, und eine seltene Erkrankung, durch die sich Zysten in der Wirbelsäule bilden.

Da die Wohnung nicht behindertengerecht war, wir sie aber hatten behalten wollen, mußte mein Mann eigentlich den Haushalt erledigen. Alles, was ich konnte, tat ich auch noch: Kaffee zubereiten, Katzen füttern, kleinere Dinge wegräumen. Und, ich erledigte alles Schriftliche – Behördenbriefe, Briefe an die Chefs meines Mannes auch, denn er konnte nicht richtig lesen und schreiben – und die Finanzen ebenfalls, einfach alles.

Es gibt Menschen, denen sind solche Hilfen mitsamt Liebe nicht genug. Seit Jahren hatte er nichts mehr getan in der gemeinsamen Wohnung – er wusch kaum noch die Wäsche, putzte nicht, kaufte auch nicht immer ein, sodass ich hungern sollte, und Freundinnen für mich Essen brachten.

Frust liess er an mir aus – wie auch an diesem letzten Tag. „Ich würde am liebsten auch mal Amok laufen!“ hatte er gesagt, unter anderem. Er ging dann doch noch selber.

Zurück blieb ich, eine schwerbehinderte Frau mit 67 Jahren nach 18 Jahren Ehe ohne Pflegestufe und ohne Hilfe – beides hatte er immer verweigert und abgelehnt – abgerissen und ungepflegt in einer unbeschreiblich versifften Wohnung.

„Gab es denn keine besseren Tage?“ fragte mich jemand. Doch die gab es, aber in den letzten Jahren waren sie überschattet. Die alten Bilder fahren in meinem Kopf Karussell und feiern Kirmes, allerdings, ohne, daß ich in irgendeine Stimmung käme. Meine bewußten Gedanken kreisen darum, wie ich die Dinge, die noch wichtig sind, aus der alten Wohnung bekomme, und das Ganze zum Abschluß.

Doch das Bilderkarussell im Kopf steht nicht still, und ein Bild taucht in dem Bilderringelreihen immer wieder auf: Wie mein Mann in der Küche damit beschäftigt ist, die Messer zu schärfen mit dem Wetzstahl. Wie er dann die Schärfe der Messer prüfte, indem er eines um’s andere nahm, und die Schneide flach auf den linken, nackten Arm legte, und diese langsam entlang bewegte. Die Schneide mußte die Haare auf dem Arm meines Mannes ohne weitere Bemühung abrasieren, dann war er zufrieden. Solches Vorgehen von ihm – das gehörte zum gemütlichen Teil des Tagesablaufs.

Ein Blitzlicht auf den ungemütlicheren Teil enthüllt den ganz frühen Morgen:

Täglich weckte er mich spätestens um 4 Uhr 30 Minuten – egal ob Sommer oder Winter. Als er arbeitete, stand ich um 3 Uhr auf. Er hörte zur vollen Stunde Nachrichten, und egal, von was zwischen uns die Rede war zuvor, – auch mitten in einem gesprochenen Satz,- mußte ich verstummen, sonst wurde er wütend.

Beim Schreiben des Einkaufszettels mußte eine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden. Einfälle und Sonderwünsche durften dann nicht mehr geäußert werden. Aus dieser seiner vorgegebenen Zettelordnung der Warenreihenfolge wurde ich nie ganz schlau. Dies führte dazu, dass ich fast jeden Tag das Gleiche zu essen bekam, und nichts sagen konnte dagegen, dem Frieden zu Liebe. Wer will schon dauernd Krach und Wut um sich haben? Ich sagte nichts mehr, damit er nicht mit Gegenständen umher warf, und mich beschuldigte, ich sei zu dämlich ihm meine Wünsche richtig zu diktieren.

Klappte es – selten genug – doch einmal einen Wunsch zu äußern, hatte es der Laden nicht, oder es war zu teuer – so seine Aussagen.

Das Bilderkarussell im Kopf kreist um die Küche, wechselt nur selten an andere Orte in der Wohnung. Denn in dieser Küche, am Kaffeetisch, erklärte mir dieser Mann, der mich angeblich liebte, auch jeden Morgen, wen er am liebsten abmurksen würde – in Deutschland. Und, er machte seine sexistischen, despektierlichen, entwürdigenen Bemerkungen über die Menschen, die unten vor dem Fenster auf der Straße entlang zur Arbeit gingen, oder, wie unsere Nachbarin die Zeitungen austrug, nach Hause eilten.

Und doch sind auch das noch harmlose Bilder.

Verschärft waren jene Morgen, an denen er mich weckte, und ich danach auf meinen guten Morgen Gruß keine Antwort erhielt. Wenn er mit dieser Laune einkaufen ging, wurde ich nicht gefragt, was er mir mitbringen sollte. Oft aber ging er gar nicht, sondern stürmte irgendwann weg vom Tisch und legte sich wieder in’s Bett. Da er immer nur für einen Tag einkaufen ging – abgesehen von den Wochenenden – ließ er mich einfach hungern. Ich mußte nur dann nicht hungern, wenn ich telefonisch eine Nachbarin oder Freundin erreichen konnte, und diese dann etwas zu essen brachte.

In dieser Küche, die vor meinem inneren Auge in dem Bilderkarussell so oft auftaucht, am Tisch darin, beschimpfte er mich – diktierte seine Regeln – beschwor seine angebliche Liebe, und belog mich. Das alles seit vielen Jahren, von den insgesamt 18 Jahren unserer Ehe.

Hier bei den Freunden nun ist alles anders. Manchmal flackert Freude darüber auf, wie ein Funke über einem riesigen Holz- und Reisighaufen. Doch der Funke sinkt im Flug herab, fällt zwischen den Scheiten und Zweigen hindurch und verlöscht.

Nein, es ist keine Leere in mir, sondern eher Überfüllung. Zuviel Rummelplatz,- darauf hat sich zuviel angesammelt und will überquellen, aber da sind die Stände und das Karussell, dazwischen gelingt nichts so recht. Wohin auch mit dem Schrott aus dem Ende einer Ehe, in der ich, die behinderte Ehefrau ihrem Ehemann zuviel wurde? Zu viel, zu stark, zu zäh, und trotzdem meinte er mir sagen zu müssen, ich hätte ihm nichts mehr zu bieten. Aber, was war damit umgekehrt? Was hatte er denn zu bieten, außer Wutausbrüchen, Vernachlässigung, sozialer, emotionaler Mißhandlung und mieser Laune? Was tat er denn? Da war Nichts – kein Witz. Da waren nur die Widerhaken in seiner Seele aus der Hetze seiner Geliebten, die ihm gesagt hatte, er solle sich nicht zum „Bimbo“ einer Behinderten machen.

Zum wie vielten Male Neustart in meinem Leben? Zum 5. oder 6. ten Mal, und immer mindestens fast bei Null. Was soll’s? Das allerletzte Mal am Ende des Lebens wird es dann so sein, wie ich einst gekommen war: Ohne Alles.

Da sitze ich nun bei Freunden geborgen und schreibe, weil es aus mir herausdrängt. Endlich schreiben, ohne dass mir einer dazu Fragen stellt und wissen will, was ich aufschreibe. Doch, die Freunde können es gerne erfahren, aber es ist schön, während des Schreibens nicht kontrollierend beobachtet zu werden.

An zwei Tagen, seit ich hier bin bei den Freunden, grüßte mich die Depression, grau und bleiern. Sie hatte sich ein wenig verbummelt in der Vergangenheit, und nun wußten sie und ich nicht so recht was tun mit ihr. Sie hat sich wieder verzogen. Danach lugte die Paranoia ein wenig durch den Türspalt. „Es wird Dich verfolgen – dieses ganze Pech der Vergangenheit. Die Welt ist schlecht, und es wird wieder schief gehen.“ Und dazu manche Menschen aus den Umfeldern ringsum tröteten kräftig in das gleiche Horn. Egal, je deplazierter etwas gegenüber einem Menschen ist, der gerade in heftiger Not ist, desto gerner wird es angewandt.

Er aber, der nun weg ist, hatte meine Gefühle voll erwischt und kaputt gemacht. Sie haben sich verkrochen zum größten Teil, wie weidwund geschossene Tiere.

Und wieder, während ich dies schreibe, setzt sich das Karussell im Kopf in Bewegung und präsentiert ein anderes Bild: In unserer Apotheke gibt es Taler zu sammeln für Prämien. Ich hatte genug beisammen, und hatte für einen damals gefragten, und für mich teuren Musikstick gesammelt. Ich wollte einlösen und rief in der Apotheke an, ob es klappt. Es wurde verneint, denn inuzwischen gab es neue Prämien. Nach einiger Zeit rief die Apotheke mich an, und ich bekam die Auskunft, dass es doch noch klappe mit dem Stick. Ich freute mich so, dass ich einen Jubelruf ausstiess.

Mein Mann sah mich verächtlich an, und bemerkte: „Du benimmst Dich wie ein Kleinkind, das gerade seinen Lolli bekommen hat.“

Nur eines der Bilder im Kopfkarussell von vielen.

Ich durfte nicht weinen, denn wer weint will andere Leute nur mit den Tränen erpressen. Ich durfte nicht unüberlegt lachen, denn dann lachte ich ihn aus. Dass er mir das Lachen abgewöhnte, hat er nicht ganz geschafft.

Er hatte irgendwann ein wundervolles Lächeln gehabt, und lachen konnte er hellauf. Zuletzt klang sein Lachen nur noch gehässig, oder meckernd, als wäre er ein alter Ziegenbock.

Ich hatte keine Lust mehr, seine von Regeln eingezäunten, kruden Erwartungen zu erfüllen. Er war sowieso nur noch selten da,- zu Hause. Er war bei seiner Geliebten.

Sie war das gleiche Kaliber wie er, nur in anderer Variante. Sie hätten doch so gut zusammen gepaßt – jeder von ihnen dachte nur an sich.

Er hatte mich isoliert – in der von mir zuvor geliebten Stille am Waldrand. Kein Laut drang an meine Ohren, tagelang – wochenlang – Monate – Jahre. Freunde und Bekannte wurden vergrault. Kein PC-Lautsprecher durfte angeschaltet werden, sonst hätte ich nicht gehört, wenn er nach Hause kam. Das Türschloss war kaputt, und nur von innen war zugeriegelt, also mußte ich ihm öffnen. Als es dann repariert war, hätte ich alles nachholen können. Aber er schlich sich so leise herein, dass ich dann erschrak. Telefonate fielen weg, denn er hätte alles mit angehört – so, wie er immer lauschte und kontrollierte, und dazwischen redete und brüllte.

Hier bei den Freunden ist dies alles anders, aber nun ist nichts mehr so drängend, die Not ist vorüber. Der Fernseher läuft, Gespräche sind möglich. Meine Ohren klingeln und lärmen nicht mehr so heftig wie zuvor. Der Tinnitus, dessen Pfeifen ich nie los werde, ist merkwürdig leise geworden. Es ist, als flüstere er: „Du brauchst mich nicht mehr so sehr, um Dich achtsam und wach zu halten.“

Was ist geblieben in mir, außer der zurückgestopften und abgewiesenen Liebe, außer dem Bilderkarussell, das nicht aufhört sich zu drehen,- zu einer skurrilen, schrägen Musik, die von einer kaputten Schallplatte abgespielt zu werden scheint?

Da ist keine Wut, keine Trauer, kein Bedauern, nichts in dieser Art. Aus den Jahren der Isolation, der Vernachlässigung, und dadurch der Scham, blieb vor allem eines bis jetzt: Unsicherheit.

Ich wollte zurück an den alten Platz – nicht zu ihm – nur zurück zu meinen Katzen. Alle jene, die besorgt um mich waren und es gut meinten, fragten, was mich geritten hatte an jenem Tag. Meine Tiere, sie waren in der Vergangenheit die Einzigen, die meine wahren und treuen Gefährten blieben. Das stand in jenem Moment im Vordergrund.

Gleich dahinter aber lauerte die gravierendste Folge der Deprivation und Isolation: Die Unsicherheit. Ich weiss nun, warum Isolationshaft als Folter gilt.

Doch, ich kann noch mit Messer und Gabel essen, und auch vom Teller. Ich kann mich auch noch halbwegs benehmen. Aber, ich weiss es nicht mehr, wie es ist, mit anderen Menschen zu leben. Hey, wie macht Ihr das, daß alles so selbstverständlich ist? Wie viel darf ich essen? Was trinken, wenn das Mitgebrachte zur Neige gegangen ist? Um was kann ich fragen? Wann kann ich mit Euch sein, und wann nicht? Huhu! Wie ist das so in einer Familie? Ich weiss es einfach nicht mehr.

Das – was Zusammenleben ausmacht hat er in Scherben und zu Klump gehauen. Das Gefühl dafür ist erst einmal verloren. Hallo! – Wie geht das noch gleich mit dem Leben bei den Menschen?

Sagt es mir, denn ich habe nicht mehr viel, ausser meinem Lachen. Selbstsicherheit ist noch da, da ich weiss was ich will und nicht will. Das aber, was als soziale Sicherheit bezeichnet werden könnte, ist futsch. Und das ist im Moment der Knackpunkt.

 

 

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