9 Minuten, die man sich ‘gönnen’ sollte – Antworten auf Griechenland

 

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker
Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

4 Kommentare

  1. Campact-Mitglied

    Ich habe mir die 9 Minuten angesehen.

    Es werden viele richtige Fakten benannt. Es werden daraus aber leider die komplett falschen Rückschlüsse gezogen.

    Wenn man sich den Kreis der interviewten Personen muss man leider feststellen, dass hier gerade nicht ein ausgewogener Schnitt von Meinungen eingeholt worden ist, sondern ausschließlich Personen zur Wort gekommen sind, die dem rot-grünen Milieu zuzuordnen sind.

    Ich finde auch, dass die Euro-Zone einem souveränen Land wie Griechenland keine dezidierten Vorgaben machen darf, welche konkreten Maßnahmen es zu ergreifen hat. Richtig sind Zielvorgaben.

    Wenn aber ein Schuldner seine Kredite nicht zurückzahlt und auch über Jahre hinweg keinerlei Anstrengungen unternimmt, hieran etwas zu verändern, dann muss auch ein Schlussstrich gezogen werden.

    Deutschland verdient enorm daran, dass es Griechenland Kredite zu höheren Zinsen vergibt, als es selbst diese Gelder am Kapitalmarkt aufninmmt. Ist das denn im Sinne einer europäischen Gemeinschaft? Wäre es nicht viel ehrlicher zu sagen, dass man mit der Kreditvergabe aufhört, damit Griechenland nicht noch mehr Zinsen zu zahlen hat?

    Die billigsten, einfachste und vor allem ehrlichste Maßnahme ist ein GREXIT flankiert mit entsprechenden Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung.

    Weiterhin muss die EU grundlegend reformiert werden. Es sollte eine EU der Vielfalt, nicht der Gleichmacherei sein, mit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.

    Erst wenn man dem EU Parlament wirkliche Kompetenz überträgt und eine demokratisch gewählte EU-Regierung hat, kann man dann auch eine gemeinsame Währung einführen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ein Campact-Mitglied ohne unrealistische und linke Träumereien

  2. Habe es mir vollständig angesehen. Würde mich auch dem linken Spektrum zuordnen. Einige Aussagen sind korrekt (insbesondere Herr van Treeck), einige Aussagen sind einseitig oder falsch (insbesondere Frau Tsomou):

    Grexit wäre die teuerste Lösung => richtig
    Vieles an der Politik der letzten 5 Jahre war falsch => richtig

    Aber was war der Ausgangspunkt der Krise?
    Die südlichen EU-Staaten sind also zu Importländern geworden und haben sich verschulden müssen? Warum sind sie eigentlich zu Importländern geworden? Weil die Euro-Einführung es ihnen plötzlich ermöglichte, zu extrem günstigen Konditionen Kredite aufzunehmen und sie dies dann auch in großem Ausmaß taten. Das ist natürlich erstmal nicht ihnen vorzuwerfen, sondern einfach ein Konstruktionsfehler des Euro gewesen, dass die Ratingagenturen dachten, die südlichen Eurostaaten wären mit einem Schlag extrem kreditwürdig. Aber bereits vor der Finanzkrise 2008 wurden diese Länder u.a. von der EZB darauf hingewiesen, dass ein Großteil des neuen Wohlstands (massive Lohn- und Rentenerhöhungen, Verdoppelung der Staatsausgaben) nur auf Kredit finanziert ist und diese Blase irgendwann platzen könnte. Die Länder haben sich aber immer weiter auf Kredit neuen Wohlstand geschaffen – und das kann man ihnen vorwerfen. Die Finanzkrise war schließlich der Funken, der alles in Brand setzte und gleichzeitig ein guter Brandbeschleuniger. Die eigentliche Ursache für die Krise war aber, dass die südlichen Euroländer jahrelang über ihren Verhältnissen lebten und sich ein Wohlstandsniveau geschaffen hatten, dass sie selbst bei weitem nicht finanzieren konnten. Wenn es keine Sparmaßnahmen gegeben hätte, um das Wohlstandsniveau wieder an die Produktivität anzupassen (die man natürlich auch steigern sollte), so hätten andere Länder diesen Wohlstand auf Dauer finanzieren müssen. Die Sparziele waren also im Großen und Ganzen richtig, aber…

    1. Es wurde oft an den falschen Stellen gespart (Beispiel: viele Privatisierungen -> schlecht fürs Volk, teurer als vorher), während an anderen Stellen unsinnigerweise gar nicht gespart wurde (bei den Reichen und beim Militär).
    2. Es wurde nichts für nachhaltiges Wachstum getan. Vor allem braucht Griechenland mehr Exportgüter, um sein Außenhandelsbilanzdefizit auszugleichen. Den Konsum anzukurbeln wäre daher problematisch, da dann das Außenhandelsdefizit weiter steigen würde, welches langfristig vom Ausland finanziert werden müsste.

    Und liebe Frau Tsomou: DEUTSCHLAND MACHT KEINEN GEWINN, SONDER VERlUST! Das steht jetzt schon fest! Die Kredite für die Deutschland haftet, wurden zu relativ günstigen Konditionen aufgenommen, ABER ZU NOCH GÜNSTIGEREN KONDITIONEN AN GRIECHENLAND VERGEBEN! Griechenland zahlt in den nächsten 5 Jahren KEINEN CENT dafür und hat im Mittel aller Kredite einen niedrigeren Zinssatz zu zahlen als Deutschland, dass eigentlich deutlich kreditwürdiger ist! Der Tilgungs- und Zinsverzicht der Gläubiger entspricht bei den EFSF-Krediten bereits einem Schuldenschnitt von 40%.

    Und natürlich ist ein Referendum über ein komplexes Thema, bei dem man nur ja oder nein ankreuzen kann, nicht demokratisch (Zitat: Giegold). Das gab es ja sogar in der DDR. Was sollte denn ein Grieche ankreuzen, der für eine stärkere Belastung der Reichen und für eine Reduzierung des Militärhaushalts ist? (Wenn Griechenland einen vergleichbaren Militäretat wie Deutschland, Kanada oder Japan hätte, dann könnte es bis zu 2,5 Mrd € einsparen. Jedes Jahr.). Dann müsste dieser Grieche mit ja stimmen, da dies eher die Position der Gläubiger ist. Selbst Frau Wagenknecht wundert sich, dass Tsipras keine Vermögensabgabe plant. Demokratisch wäre es gewesen, über alle einzelnen Maßnahmen einzeln abzustimmen.
    Und wenn gewählte Repräsentanten ein Abkommen schließen, dann ist das auch demokratisch. Nennt sich repräsentative Demokratie. Und ob wirklich alle Griechen so genau wussten, worüber sie abstimmen? Interessant ist ja schon, dass jetzt die Mehrheit der Griechen die sehr viel härteren, neuen Bedingungen befürwortet…

    Auch die Aussage, nur Tsipras habe sich bewegt, ist falsch! Einzelne Maßnahmen sind nicht relevant. Entscheidend sind die Zielvorgaben. Und beim primären Haushaltssaldo sind die Gläubiger Griechenland bereits Anfang Juni um weit mehr als die Hälfte entgegengekommen.

    Fazit: Alle Seiten haben in den letzten 5 Jahren Fehler gemacht. Die Gläubiger als Geldgeber wollten möglichst wenig Geld geben und waren daher ausschließlich für Sparmaßnahmen. Das war verständlich aber falsch. Die griechische Regierung hingegen sollte vor allem die Reichen deutlich höher besteuern, Steuerhinterzieher verfolgen, die Militärausgaben deutlich reduzieren und für mehr nachhaltige Investitionen in Wirtschaftswachstum eintreten (das fordern nämlich die internationalen Ökonomen). Ich bin einigermaßen enttäuscht, dass eine linke Regierung wie die von Tsipras KEINE dieser nötigen Maßnahmen hinreichend umsetzt oder fordert und gleichzeitig die gesamte Energie verschwendet, um einen virtuellen Schuldenschnitt zu fordern, der in den nächsten 5 Jahren NICHTS bringt und garantiert von keiner deutschen, estnischen, slowakischen oder finnischen Regierung zugelassen wird.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.