Von Facebook übernommen:

Auf Facebook bin ich an einigen Seiten beteiligt, die ich für Freunde, Bekannte und Verwandte mitgestaltet habe. Eine davon ist noch recht neu, aber es hat sich dort etwas getan. Eine Verwandte von mir postete ihr Entsetzen über die Vorgänge um die Flüchtlinge in Berlin, und ihr Neffe hat ihr geantwortet.

Noch eine Bemerkung von mir: Gestern hatte ich Besuch von einer Bekannten. Sie bekam die Vorgänge in Berlin bei mir am Computerbildschirm mit. Bei sich zu Hause hat sie kein Fernsehen. Sie fragte ungläubig nach, ob das auch wirklich bei uns sei – hier in Deutschland. Als ich ihr dies bestätigte, und sie aufforderte, den Pressebericht selber zu lesen, war sie nur noch fassungslos…

Briefe und Gedanken hat einen Link geteilt.
Die Grausamkeiten nehmen zu, im Ausland sowieso, aber auch im Inland. Wer dachte, mit Hartz IV, den Totalsanktionen und anderen Schikanen sei die Grenze erreicht, irrt sich.
Aushungern ist angesagt.Immer wieder verschlägt es mir die Sprache, sitze ich total entsetzt und verstört vor meinem PC, und lese die Einfälle unserer Regierenden und Zuständigen. Welches Getöse in den Feiertagsreden, welches Getue gegenüber dem Ausland, wenn es thematisch um Menschenrechte und Demokratie geht.
Und welche grandiosen Lügen, Grausamkeiten und eiskalte Unmenschlichkeit in der Realität.
Dem gegenüber eine Gesellschaft, die resigniert hat. Diese Grausamkeiten und Menschenverachtung scheint sich wie ein gigantisches Gebirge vor dem Elan der Bürger aufzutürmen, so dass diese schon beim Anblick verzweifeln.

Und so kommt es, dass nun unerwünschte Menschen, die freiwillig nicht weichen wollen, weil sie auch keine schnelle Lösung für ihre Probleme haben, ausgehungert werden. Doch, ganz offiziell, unter Polizeischutz ! Barbarentum staatlich abgesegnet.

Andererseits: Der Staat stellt offen zur Schau, wie er mit Bürgern verfährt, die ihm nicht genehm sind, oder die nicht problemlos wunschgemäss funktionieren.
Wir alle nehmen es hin.
Es ist der Preis für die Ruhe jener, die es noch nicht erwischt hat, den sie von anderen bezahlen lassen.

http://www.n-tv.de/politik/Fluechtlinge-rebellieren-gegen-Asylrecht-article13540666.html

Soweit also das Posting der Tante.
Hier nun die Antwort ihres Neffen:
Liebe Tante Hede.Du kanntest mich seit ich ein kleiner Junge war – schwarz, wie sie sagten, obwohl es noch schwärzere Jungs wie mich gab, und doch deutsch geboren. Immerhin gab es also einen Grund, warum ich angeblich anders als andere sein sollte, und mich auch ab und zu so fühlte: Meine Hautfarbe.
Inge hatte es schwerer: Sie fühlte sich manchmal zerrissen und anders, und wußte nicht warum. Sie hatte jüdische und andere Vorfahren, wußte aber als Kind nicht, dass dies so war. Da sie “deutsch” aussah, ahnte niemand etwas, wie es in ihr aussah und was in ihr vorging. Und, ein kleines Kind hat noch nicht so viele Worte, um diese komplizierten Seelenzustände zu beschreiben.

Das sind nur zwei Beispiele von vielen – auf der ganzen Welt. Täglich passieren sie, und täglich werden diese Kinder, die Menschen die es betrifft, von den gesellschaftlichen Verhältnissen gefordert, und dazuhin mit dem Inhalt der gerade angesagten und etablierten Politik überzogen.

Ich lebe die meiste Zeit nicht mehr in Deutschland, weil ich im Ausland arbeite. Dort ist es anders, ob es besser ist, wage ich zu bezweifeln. Die Grausamkeiten finden auch hier statt, ob sie zunehmen, kann ich schlecht beurteilen. Nur einen Teil davon weiss ich genau: Rassismus war schon immer da – in Deutschland, wie auch in dem Land, in dem ich arbeite, wenn auch dieses mir etwas offener erscheint – allerdings auch chaotischer in manchen Dingen.

Du schreibst nun in Deinem Kommentar auf dieser Seite, dass der Staat (Deutschland) inzwischen seine Barbarei offen zur Show stellt. Ich verstehe Dein Entsetzen in dem Zusammenhang, dass der Staat damit zugibt, dass ihm etwas mehr Nationalstaat und weniger Globalkram lieber wäre, und dass dieser Staat dies nun offen zeigt. Vor allem auch, dass damit gezeigt wird, welche rigorosen Mittel zur Anwendung gelangen.

Seit es Internet gibt, liebe Tante Hede, kommt immer mehr an die Öffentlichkeit, und wird sichtbar. Früher war es eine trügerische Ordnung und Ruhe, die kaum hinterfragt wurde. Schliesslich schätzt der Deutsche diesen Zustand. Inzwischen tauchen alle die Methoden auf, mit denen dieser Zustand hergestellt wird.

Die Globalisierung und Toleranz allen Völkern gegenüber ist nach wie vor eine fette Lüge, weil ein politisch gerne aufgeführtes Schauspiel. Das christliche Abendland schottet sich ab für sich selber, seine reichen Mitglieder, und alle sind sie vozugsweise weisser Hautfarbe. Die anderen alle sollen draussen bleiben.

Trotz allen Erschwernissen auch für mein Dasein habe ich es gut getroffen. Die Sorgen jener Flüchtlinge auf dem Dach eines Hauses in Berlin habe ich nicht. Trotzdem kann ich mir vorstellen, wie verzweifelt sie sind. Sie aushungern verstärkt die Traumas, unter denen sie leiden massiv. Ich denke, dass auch das miteinberechnet wurde, und in Kauf genommen wird.

Sie lernen kennen, dass der Überlebenkampf gegen starre Bürokratie-Vorgänge aussichtsloser sein kann, als jener gegen greifbarere Hindernisse und gegen Naturereignisse. Sie spüren, dass es dieser Bürokratie egal ist, wenn sie krepieren – sei es hier, oder anderswo. Diese Bürokratie ist ein gesichtsloses Monster geworden, das kaum zu packen ist.
Und Menschen die anders ticken, weil es ihnen fremd ist, sind darin verloren.

Es wurde versäumt, die Armut aufzufangen, bevor die grosse Globalisierungswut ausgetobt wurde. Noch nicht einmal für Europa sind die Probleme verbindlich geregelt. Schaut zu, wie wir verhungern – das war vor Jahrzehnten schon einmal eine Warnung. Ich weiss es nicht mehr genau, da gab es auch einen Film. Inge hat mir davon erzählt. Heute ist es nun Wahrheit geworden, und wieder ist es Deutschland, das den Vorreiter zu machen scheint dabei.

Und, Tante Hede, um auf Deinen Schlusssatz einzugehen: Ja, es sind immer irgendwelche andere Leute, die den Preis für das geordnete, etablierte Leben der heimischen Schichten eines Landes bezahlen. Das ist furchtbar, aber trotzdem wahr.
Das Entetzliche dabei ist aber, dass zu viele Leute die Augen verschliessen, und sagen: “Ich kann nichts tun, also will ich es gar nicht so genau wissen.”

Sich damit auseinandersetzen, wie es sein würde, wenn die Menschen aus den Ländern kommen, die ärmer sind als die europäischen, wollte auch keiner. Aus den Augen, aus dem Sinn… – ist doch einfacher so, und weiter malochen für den Wohlstand derer, die alle und alles andere ignorieren. Weiter planen für ein tolles Europa, mit dem die Politiker angeben können.

Doch das, was mit der Globalisierung zusammenhängt, wurde und wird verpennt. Deshalb wirkt sich das auch so verheerend auf das Inland und dessen arme Menschen aus – und auf die, welchen Armut droht. Wenn Ihr nur weiter beklagt, und Euch abwendet, und sagt, dass es ja auf diese Menschen nicht mehr ankommt, wird Euch das alles irgendwann auf den Kopf fallen. Globalisierung bedeutet für mich, zu begreifen, dass wir alle eine Menschheit sind. Es kommt auf jeden einzelnen Menschen an, auf jedes Leben, egal wie erbärmlich es sich den Augen der Wohlhabenderen auch immer präsentieren mag.
Das zu kapieren und in brauchbare Politik umzusetzen, zum Wohle aller Menschen, wäre eigentlich eine wunderbare Aufgabe für die Politik – sinnvoll dazu. Vor allem endlich eine Politik, die wegdenken müßte vom üblichen Vernichtungswillen, wenn etwas nicht gleich so passend ist.

Davon sind wir aber weit weg, Tante Hede.
Liebe Grüsse aus Italien von Benji