Menschlich enttäuscht?

Die Diskussionen um die sozialen Veränderungen in diesem Land werden niemals einfach so verschwinden, solange diese winterliche Kälte in den Köpfen der Menschen und Bürger sich weiter manifestiert. Ein relativ großer Prozentsatz dieser Menschen muss sich ja bisher nicht wirklich mit den Veränderungen hin zu den Hartz-Gesetzen auseinander setzen, denn es betrifft sie nicht.Die Solidargemeinschaft der Bewohner dieses Landes scheint inzwischen abgeschafft. Allen voran natürlich wieder mal die politische Elite. Ihr Einfluss auf die Medien ist so stark gewachsen in den letzten 10 bis 15 Jahren, dass es, mal ganz grob ausgesprochen, einer Sau graust.

Als ich gestern, nach ungefähr einem halben Jahr, wieder einmal mit meiner Vermieterin zusammen traf, kam es auch prompt zu einem kleinen Eklat, als wir uns in solch eine Diskussion verstrickten. Als wir uns kennen lernten, sah alles so schön nach Friede, Freude, Eierkuchen aus, wir haben wohl beide relativ ähnliche Ausgangspunkte durch einen jeweiligen Beginn, die Welt zu erobern und der hieß damals zu Beginn der 70er Jahre München. Die Weiterentwicklungen aber müssen dann schon gravierend gewesen sein, wobei ich nur Bruchstücke ihrer Entwicklung kenne. Ich war mal wieder, durch ihre Freundlichkeit animiert, die Plaudertasche, die sehr offen über viele Themen gesprochen hat. Sie ist wohl auch psychologisch geschult und hat mich natürlich damit ins offene Messer laufen lassen. Andererseits ist es mir aber heutzutage echt scheiß egal, was sie von mir weiß, ich brauch mich im großen und Ganzen meines Lebens nicht zu schämen.

Als unser Gespräch auf das Thema Hartz IV und Jugendliche kam und dass die heutige Jugend zu einem erheblichen Teil nicht mehr ausbildungsfähig ist, laut Medienanalysen, da legte sie plötzlich plötzlich mit einem Vokabular der Entrüstung los, dass ich mir selbst vorkam wie auf einem CSU-Parteitag. Solche Aussagen hatte ich bisher von ihr noch nicht gehört und mein Entsetzen war entsprechend. Da ich persönlich Schwierigkeiten habe, sofort die entsprechenden Gegenmeinungen einfach locker auf den Tisch zu legen, musste ich erst einmal nur Schweigen. Schriftlich tue ich mich damit leichter.

Dass wir alle es mit unseren Kindern und Jugendlichen nicht mehr so einfach haben, wie in den Zeiten nach dem Krieg, brauch ich hier nicht besonders aus zu führen, davon weiß jeder, welcher Kinder hat, sein eigenes Lied zu singen. Wir sogenannten Erwachsenen sind ja nicht nur die Erzeuger dieses Nachwuchses, wir haben ja dazu in erheblichem Maße beigetragen, dass unsere Kinder zu dem geworden sind, was wir ihnen vorgelebt haben.

Wir haben diesem Staat einen Großteil unserer Zeit geopfert, indem wir geschuftet und gewerkelt haben, um durch Konsum einen gewissen Satus zu erreichen. Das BIP musste ja steigen, wie es ein Lied von “Geier Sturzflug” in den 80er Jahren es uns alle ertönen ließ. Dass dies eher als bittere Satire gedacht war, wurde nicht besonders wahr genommen, die Hauptsache war ja, wir konnten danach belustigt mit dem Kopf wippen. Überhaupt war Satire der Honig der 70er und 80er Jahre. Dass dahinter sich aber ein bitterernster Frust auf tat, bemerkten nur wenige. Selbst das Aufkommen neuer Parteien wie den Grünen, wurde ganz zu Beginn als etwas lustiges empfunden und heute haben wir diesen moralinsauren Haufen alle an der Backe und über Politik können wir alle schon lange nicht mehr lachen.

Und unsere Kinder, welche in dieser Zeit noch zu Hauf auf die Welt kamen, mussten ja irgendwie ‘bespaßt’ werden, was man dann mit einer übertriebenen Toleranz und einer gewissen Höhe des Taschengeldes bewerkstelligte. Dass dadurch auch Ansprüche geweckt wurden, ist bis heute gleich geblieben und der Nachwuchs hat diese Ansprüche inzwischen in schwindelnde Höhen geschraubt. WIR haben ein imaginäres Schlaraffenland geschaffen und die Jugend kommt schon mit offenen Mäulern auf die Welt, damit sie alles, was irgendwie essbar ist, ganz bequem in den Schlund bekommt. Ich persönlich nehme mich von diesem menschlichen Schwachsinn mit keinem Deut aus. Meine Pflegetochter wurde nach Strich und Faden verwöhnt.

Die Zeiten zwischen 1970 und 2000 waren dann ja auch die Zeiten des größten Wirtschaftsaufschwungs dieser Republik, mit bestimmten Ausnahmen.

Besonders die technischen Innovationen waren eine entscheidende Triebfeder für diesen Aufschwung und die Profiteure dabei waren nun mal ganz besonders die Jugendlichen, denn als Vorbilder hatten sie ja zumeist ihre technikaffinen Väter, die selbst noch nicht lange der Jugend entwachsen waren.

Autos, Kommunikationstechnik, TV und sonstige Spielereien wurden durch diese Pseudo-Jugend besonders populär und hat dadurch dem Wirtschaftswachstum in immer neue Sphären verholfen. Letztendlich profitierten die Kinder und Jugendlichen dann davon, aber dafür wurde nicht mehr Bildung an geschoben. Computerspiele setzen keinen besonderen Lerneffekt frei.

Der Führerschein und das Auto wurden Statusobjekt und jeder 18-jährige nervte so lange rum, bis die liebe Familie sich entschloss, sich ihre vermeintlich Ruhe damit zu erkaufen. Mit Beginn der 80er Jahre setzte dann der Computer zu seinem Siegeszug an und die männlichen Jugendlichen kauften schließlich wie die Blöden diese sogenannten Wunderdinger. Doch statt sich in die Materie der Digitalgesellschaft einzuarbeiten, machten die Spiele einen überwiegenden Umsatz im Handel aus und es wurde auf Teufel, komm raus, gedaddelt. Nur eine verschwindend geringe Anzahl an Nutzern, auch heute noch, wollte mehr wissen von dieser Technik, dass belegen die Zahlen der diesjährigen Gamescom. Computerspiele geben aber keine Aussagen preis, wie ein zukünftiger Lehrling sich an einer Drehbank macht und ob er in diesem Gewerbe überhaupt ein Talent dafür entwickeln kann. Überhaupt ist die gewerbliche Ausbildung inzwischen dass absolute Stiefkind der deutschen Wirtschaft, da ein Großteil der Schulabgänger sich zu den Hochschulen hingezogen fühlt, mit ‘freundlicher’ Unterstützung ihrer Erzeuger.

Als besonders dumme Variante der Erziehung von Kindern ist es inzwischen, dass zu viel darauf geschaut wird, was man verdienen kann. Es werden ja schon keine Berufe mehr nach gefragt, es müssen Jobs sein. Dieses Wort war früher insofern verpönt, als dass es nur besagte, dass man etwas vorrübergehend machen wollte, aber dabei nicht in der Zwangsjacke einer Ausbildung hängen blieb. Persönlich habe auch ich erst mit 23 die Kurve gekriegt, vorher war ich einfach zu dämlich und auch zu trotzig. Heute wissen aber schon 12-jährige, dass sie sich der Allgemeinbildung für den Rest ihres Lebens verweigern werden, weil ihnen in diesem Alter schon klar ist, dass die Politik, aber auch die Gesellschaft ihnen keinerlei Chancen mehr zubilligt. Damit verabschiedet sich die heutige Jugend schon frühzeitig aus dieser Gesellschaft, zu einem erheblichen Teil wenigstens.

Die Verantwortlichen in diesem Staat unterstützen fast nur noch eine bestimmte Anzahl an sogenannten Eliten und der Rest der Gesellschaft, so sie nicht mit Geld und Einfluss gesegnet sind, werden relativ pauschal einfach ab geschrieben und erscheinen daher als ein Heer von Versagern. Aber medial wird auf hohem Niveau gejammert, wenn dann keine Fachkräfte mehr vorhanden sind. Hinzu kommt, dass die jetzigen und nächsten Generationen sich dadurch nicht mehr in dem Maße ‘vermehren’, da sie ja sowieso keine Perspektiven mehr erkennen können. Der soziale Kahlschlag heißt nun mal Hartz IV.

Jeder Generation in diesem Land war über lange Zeit bisher klar, das Nachwuchs Kosten bedeutet, welche sich in der Zukunft doppelt und dreifach wieder auszahlt. Dies wurde politisch auf eine Größe gestutzt, welche jede Baumschule zum bitterlichen Heulen zwingt.

Geld für Bildung und das Weiterkommen für unseren Nachwuchs wäre ja vorhanden, wenn es nicht dem Desaster der Finanzwirtschaft nachgeschmissen werden würde und es ist auch nicht allein der derzeitigen Währung, dem €uro, zu verdanken, dass es in dieser Hinsicht zu keinem Umdenken kommt. Auch wenn dort mehr als nur Fehler gemacht wurden, so muss doch das Handeln der politisch Verantwortlichen hier als Ursache des Staatsversagens her genommen werden, welche dabei sehr gerne die Globalisierung als Alibi aufführen. Geld, Macht und Einfluss von nur Wenigen leistet seit einer bestimmten Zeit der Dummheit und der Gier enormen Vorschub und besonders dieser Einfluss fehlt dann auf dem wichtigen Gebiet der zukünftigen Generationen. Mit Sozial-Kill hat noch keine Gesellschaft überlebt, dass beweist die Vergangenheit. Nur muss man dies dabei auch berücksichtigen und nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Wer ausgrenzt, zahlt grundsätzlich den doppelten Preis.

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker

Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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