Oh … ich (Du) armer Absolvent

Da ist man jahrelang erst in die Schule und dann auf die Unität (Universität) gegangen und dann nach dem Examen (hier Politik-Wissenschaft) gibt es für den/die Absolventen keinen Arbeitsplatz. Aber es werden doch Köche in Deutschland gesucht, ganz verzweifelt, wenn man den Medien glauben darf. Ist aber nicht jedermanns Sache, solch ein Beruf.

Und jetzt sitzt man mit anderen Hartz-Empfängern, welche zu Großteil wesentlich schlechter ausgebildet sind, in irgendwelchen dämlichen Kursen, welche man eigentlich blind, taubstumm und völlig ohne Gefühl bewältigen kann und stellt sich immer wieder die Frage, warum nur passiert dies ausgerechnet mir? An irgend welche Dreckjobs wie Küchenhelfer oder Geschirr-Spüler in einem Restaurant bist Du natürlich nicht interessiert, Du bist ja ein Kopfmensch. Und außerdem sind diese Arbeiten unter Deiner Würde. Dafür hast Du nicht studiert.

Als Kind wollte man noch die üblichen Berufe (Feuerwehrmann, Polizist, Gangster, Cowboy oder Pilot) ergreifen, welche man sich gerade so lesemäßig einverleibt hatte, denn die versprachen Abenteuer und Spannung, aber nur, wenn man auch bereit war, über genau diese Wege etwas zu lesen. Asterix konnte man nicht werden, denn der war ja nicht real.

Es ist eine Sache, sich voll und ganz auf einen Beruf fest zu legen und eine andere, sich erst mal mit Jobs über Wasser zu halten, in jeglicher Form. Wer diese Ansprüche an sich und sein eigenes Leben stellt, hat aber in dieser Zeit noch nicht gelernt, auch Rückschläge hinnehmen zu müssen. Doch genau diese formen Charaktere.

Bevor ich, mit inzwischen 23 Jahren, die Kurve ‘bekam’, habe ich in vielen Fällen auf dem Bau gearbeitet. Mein eigener Abschluss der Volksschule ließ erst einmal nichts anderes zu. Eigentlich sollte ich ja auf Anweisung meiner Eltern Großhandelskaufmann lernen, aber da habe ich schon nach 14 Tagen quasi das Handtuch geworfen, bekam meine obligatorische Tracht Prügel für meine Verweigerung und wurde kurz darauf ins Erziehungsheim gesteckt. Dort wurde ich auch sofort in der Landwirtschaft unter gebracht, wie alle Neuen. Schuften, bis die Knochen knacken. Deutsches Wesen.

Aber wir Insassen wurden nicht nur drangsaliert. So nach einem viertel Jahr Eingewöhnungszeit wurden wir auf unsere Verwendbarkeit getestet von Psychologen des Arbeitsamtes. Ich entschied mich damals für eine Lehre als Bau- und Möbelschreiner und wieder ein viertel Jahr später hatte ich einen Ausbildungsplatz. Dass mein Lehrherr und Meister sich nicht gerade als pädagogische Koryphäe herausgestellt hat, war eben mein Pech, aber ich habe immerhin 2 Jahre durch gehalten, denn rein fachlich war der Meister wirklich top und ich habe, rein fachlich, wirklich eine Menge gelernt, was mir auch in späteren Jahren von Nutzen war. Nach drei Jahren kam ich dann wieder aus dem Heim und konnte zurück nach Hause, denn ich war ja noch nicht volljährig.

Für meine Eltern war ich wohl ein Versager, aber ich musste mir dann halt einen Job suchen. Das erste halbe Jahr schuftete ich in der Mensa der Uni Köln als Küchenhelfer, bis ich den Gestank von gebratenem Fisch jeden Freitag nicht mehr ertragen konnte. Über eine Zeitungsanzeige fand ich dann einen Job in einem Auslandszeitschriftenvertrieb als Hilfsarbeiter und Bürobote auf dem Moped. Wenn ich ein normales Verhältnis zu meinen Eltern gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich niemals auf die andere Seite des Gesetzes abgerutscht, aber so im Herbst 1965 kam es zum großen Knall und ich war weg. Auf der Straße und ziemlich schnell in der Kriminalität. Drehtüreffekt. Rein in den Knast, raus aus dem Knast. Neue Straftaten, das gleiche Spiel begann von vorne. Nach insgesamt dreieinhalb Jahren hinter Gittern fing ich endlich an, über mich nach zu denken.

Ich brauchte einen Standortwechsel, denn Köln tat mir einfach nicht gut. Ich kannte wohl an jeder Ecke einen Kumpel, aber wenn ich so weiter machen würde wie bisher, dann würde es nur schlimmer mit mir. Und da hatte ich wieder einmal Glück. Ich lernte den Regisseur Werner Herzog kennen und dass veranlasste mich, mein Glück in München zu versuchen. Vorher musste ich aber noch Geldverdienen für den Wechsel nach München und so bastelte ich auf der Straße aus Silberdraht billigen Schmuck, denn handwerklich war ich nicht ganz so ungeschickt und hatte einigen Erfolg. Mit 15.000 Mark machte ich mich in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember auf den Weg und kam am 2. Dezember 1970 morgens um 8 Uhr in München auf dem Hauptbahnhof an. Neue Stadt, neue Eindrücke, neues Glück.

Durch Werner Herzog lernte ich schnell neue Leute kennen, die meisten aus der Filmbranche, doch noch war ich nicht komplett aus dem kriminellen Schneider, denn ich hatte noch eine Strafe von einem halben Jahr ab zu sitzen. Dies gelang dann in Bayern, obwohl das Urteil damals in Flensburg gesprochen wurde. Diesen Rest konnte ich aber damals in Landsberg absitzen. Nach dieser letzten Entlassung nahm mich erst einmal ein Freund in der Nähe von München auf, ich suchte und und fand einen Job in München und bereitete mich darauf vor, in die Filmbranche ein zu steigen, was auch im April 1972 gelang in einem Synchronstudio. Ab diesem Zeitpunkt hieß es für mich nur noch schuften und lernen. Und dies habe ich immerhin 20 Jahre durch gehalten mit Hochs und Tiefs und in verschiedensten Sparten der Branche bis hin zum Kameramann.

Ende 1991 war dann Schluss für mich, denn die Mauer war ja gefallen und die Preise in der Branche sanken immer weiter, denn die Ostdeutschen Filmschaffenden versauten mit ihren niedrigen Gagen das gesamte Preisgefüge der Branche. Ich musste mich also neu orientieren und nahm dies zu Anlass, mein Hobby Computer zum Beruf zu machen. Dies gelang genau 10 Jahre bis zur Rezession 2002. Ich war leider schon 55 Jahre alt und hatte damit keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Also ging ich zuerst zum Sozialamt und ab 2005 in Hartz IV. Inzwischen bin ich natürlich Rentner mit einer Rente von € 600, dass heißt heute für mich, ich bekomme Grundsicherung im Alter bis an mein Lebensende und gehöre damit zu den Gekniffenen der Politik, denn was ich in 30 Jahren als Freiberufler geleistet habe, wird wohl niemals anerkannt. Ausführlicher kann man über mich selbst auch im FIWUS nachlesen.

Man kann also aus dieser Schilderung erkennen, dass es mehr braucht, dieses Leben durch zu stehen, als nur einige bildungsmäßige Abschlüsse und den Rest des Lebens einen festen Arbeitsplatz, der sowieso nur noch eine Illusion ist.

 

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker
Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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