Rousseau

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.
(Jean – Jacques Rousseau)

Herr, vergib meinen Peinigern, denn sie wissen schon lange nicht mehr, was sie tun und der Autor dieses Beitrags hängt, was seine Schreibfähigkeiten an geht, völlig in den Seilen.

Ein halbes Jahr haben wir jetzt eine neue Regierung, aber dass wirklich regiert wird, dass Gesetze verabschiedet werden, kann man auch nach langem Suchen einfach nicht fest stellen. Nehmen wir doch erst ein mal die Rente. Mich persönlich hat man dazu gezwungen, vorzeitig in den Unruhestand zu gehen, natürlich mit Abschlägen, nur damit im Endeffekt die Statistik der BA einfach gefälliger aus sieht. Ok, ich hatte als ehemaliger Selbstständiger oder Freelancer oder wie man auch es nennen will, nicht die Chancen, die zum Beispiel ein Festangestellter oder gar ein Beamter haben oder hatten, sich viele Punkte in der Rentenkasse anzusammeln. Die Filmbranche, der ich immerhin 20 Jahre angehörte, lässt dass nicht unbedingt zu. War auch nie beabsichtigt. Ich persönlich hab mich immerhin mit meiner Arbeit, meinem Schaffen, identifiziert. Jeden Arbeitstag ein Ergebnis können nicht viele von ihrer Arbeit behaupten und berichten. Fehler werden auch gemacht und dann muss man als Freelancer auch ganz schnell damit rechnen, von einer Sekunde auf die andere aus dem Auftrag rauszufliegen. Ganz zu Beginn, der Film hieß “Der Hauptdarsteller” von Reinhard Hauff, war ich als Tonassistent gebucht und es war mein erster Einsatz in der Produktion. Ich war ein Lernender und ich war grottenschlecht. Nach 14 Tagen kam dann das Aus. Eine berufliche Niederlage par excellence. Wenn ich aber hier aufgegeben hätte, wäre diese Niederlage noch viel schlimmer gewesen. Ich hab verschiedenen Leuten davon erzählt, ich habe wieder Klinken geputzt bei Produktionsfirmen und ich glaubte einfach an mich und meine Fähigkeiten, auch wenn der Job, der Beruf nicht gerade das beste Ansehen in der Branche hat.

Der Ton hat schon immer ein Schattendasein beim Film gespielt, aber nach meinen ersten Erfahrungen im Tonbereich – Synchronstudio – wollte ich mich einfach durch beißen. Als ich damals, 1972 damit anfing, war ich nur entschlossen, zu lernen, auch wenn die Arbeitszeiten, 12 bis 16 Stunden am Tag, nicht sehr menschenfreundlich waren und sind. Wie schon am Anfang erwähnt, jeden Tag ein Ergebnis.

In der Produktion ist es ja auch noch etwas anderes, außer der harten körperlichen Arbeit. Gerade bei Außenaufnahmen spielt das Wetter auch eine große Rolle und bei Minusgraden sind die Arbeitsbedingungen und -Zeiten einfach nur Scheiße. Und doch hat es einfach Spaß gemacht, denn ich war ja mittendrin. Ich konnte und wollte lernen. Meine Augen und Ohren waren ständig weit offen und immer zu 100% aufnahmebereit. Nichts sollte mir entgehen. Die Technik bei Kamera und Licht sind auch im Tonbereich äußerst wichtig und ich wollte ja auch für die Zukunft in der Filmbranche lernen. Einfach alles.

Auch wenn ich vorher durch meine Arbeit im Kino als Vorführer immer einen Fuß in der Tür hatte, da ich auch noch immer wieder mal als Synchronvorführer einsprang, wenn mal wieder Not an Mann war.

Nach meinem Reinfall bei diesem ersten Film musste ich halt auch erst mal finanziell wieder zurückstecken und nahm halt dann verschiedenste Jobs in den diversen Studios in München tage- und wochenweise an, um über die Runden zu kommen. Und dann kam der alles entscheidende Anruf von einem Tonmeister, den ich nicht kannte, der aber auf die Empfehlung eines mir bekannten Kollegen reagierte, weil er einen Assistenten suchte für die Serie “Der Alte” mit Siegfried Lowitz. Nach einem kurzen Beschnuppern und auch dem Hinweis, dass ich quasi noch Anfänger bin, haben wir es miteinander versucht … und ich blieb immerhin viereinhalb Jahre bei Ringelmann (dem Produzenten). Was ich in dieser Zeit gelernt habe, im harten Einsatz, kann keine Schule jemals vermitteln. Schon die Arbeit mit den unterschiedlichsten Regisseuren und Schauspielern war wie eine lange vermisste Offenbarung. Drei Wochen Knochenarbeit, eine Woche Pause und dass viereinhalb Jahre lang, aber 12 Monate beschäftigt (und wir hatten sogar eine Sommerpause von 3 Wochen) bei Anfangs mit 125,00 DM pro Tag und am Ende bei 150,00 pro Tag konnte ich mit meiner damaligen Frau ganz gut leben.

Dass ich dann von einer zur anderen Sekunde auch wieder ausgestiegen bin, hatte schon seine Gründe, wird aber ganz sicher noch einmal in einem anderen Artikel Erwähnung finden. Ich hatte mir auf jeden Fall in dieser Zeit einen Namen gemacht und war auf meinem Gebiet ein Vollprofi, der sehr schnell wieder Aufträge bekam, denn ich hatte ja inzwischen auch eine Menge gelernt und nicht nur in der Sparte Ton oder Sound, wie man heute so schön amerikanisiert.

Auch hatte ich inzwischen meinen ersten Film geschnitten (war aber noch in der Serie), denn an diesen Auftrag bin ich durch einen lieben Kollegen ran gekommen, dem dieser angeboten worden war, er ihn aber aus Zeitmangel nicht ausführen konnte. Es ging um eine Dokumentation, bei der nur die Bilder vorhanden waren, über lange Jahre gedreht und der Film sollte später in Schulen als Unterrichtsmaterial dienen. Da ich freie Hand hatte bei dem vorhandenen Material und ich auch nichts für den Schneideraum zahlen musste, war ich mehr als Happy, denn dies war eine schöne Aufgabe, welche mich vier komplette Wochenenden kostete, ich aber auch meine Kreativität so richtig ausspielen konnte, gerade auf diesem Gebiet. Und wieder lernte ich was neues dazu.

Die nächsten Jahre hatte ich dann in verschiedensten Produktionen absolviert, mal als Filmtonmeister, aber auch immer wieder nur als Assistent (Mikromann) und auch als Kameraassistent unter verschiedensten Kameramännern, was mir mehr als zugute kam in meiner sogenannten Karriere.

Die Tage meiner ersten eigenen Kameraarbeit wird immer in meinem Gedächtnis bleiben, auch wenn sie, rein finanziell gesehen, ein absolutes Fiasko war. Aber ab diesem Zeitpunkt war ich dann Kameramann. Die meiste Zeit wohl in der elektronischen Berichterstattung (EB-Einsatz) für die diversen deutschen Sender, aber auch schon mal für amerikanische und andere ausländische Sender, nur den Einsatz im ersten Golfkrieg habe ich abgelehnt, denn mir war mein Arsch näher als die Hose und kein Geld der Welt kann die Angst bezahlen.

Viel hab ich auch zum Beispiel für diverse deutsche Autofirmen gedreht und bei Opel bin ich einmal beklaut worden, als ich wegen der Hitze beim Dreh meine Jacke ausziehen musste, aber im wirklich Großen und Ganzen habe ich mich bei meiner Arbeit mehr als wohl gefühlt und wurde auch noch recht anständig honoriert. Bis zum Dezember 1991, danach war plötzlich Ende der Fahnenstange in der deutschen Filmbranche. Durch den Untergang der DDR und den dadurch freigewordenen Fachkräften aus dem DDR-Fernsehen und der DEFA kamen plötzlich Leute auf den Markt, welche für weniger als die Hälfte arbeiteten und so das mühsam erarbeitete Preisgefüge völlig aus der Bahn warfen.

Zwei lange Monate habe ich mich um Aufträge mehr als nur bemüht, aber der Zug war plötzlich für mich, aber auch viele andere Kollegen abgefahren, denn auch diese Branche ist nicht gefeit gegen eine Rezession.Also stieg ich komplett aus, bewarb mich im März 1992 bei der Post als Briefträger, fand heraus, dass das Zusammenspiel von Arbeit und Bezahlung in keiner Weise harmonierte und habe nach vier Wochen das Handtuch geworfen. Verarschen kann ich mich alleine.

Meine damalige Frau wurde schon ganz wuschig, dass ich keine Kohle zum Haushalt beitrug, aber dafür hatte sie die richtige Idee. Sie wies mich auf meine Computerfähigkeiten hin und so bin ich zuerst mal über eine Zeitarbeitsfirma, welche zu diesem Zeitpunkt im April 1992 noch ganz anders strukturiert waren, an einen Computerjob gekommen. Textverarbeitung. Ausgerechnet in der Pharmabranche, Fresenius Medical Care. Ich habe Texte erstellt unter Word Perfect, dem damals führenden Textverarbeitungsprogramm. Zuerst mal war es eigentlich ein Kamikaze-Einsatz, denn mit diesem mehr als mächtigen Programm hatte ich vorher nie gearbeitet. Aber ich hatte mich einfach ein wenig vorbereitet, mir Bücher gekauft, also investiert und es sollte mein Schaden nicht sein. Schon nach der ersten Woche war ich der Hauptansprechpartner der Kollegen und Kolleginnen der tippenden Zunft, was sich zu meinem Bedauern sehr schnell rum sprach, denn die Neider saßen auch immer in der Nähe. Also wurde ich recht schnell von dem Dienstleister abgezogen, dafür aber zu einem Verein des Gas und Wasserfaches (DVGW) vermittelt, der genau solch einen Spinner am Computer wie mich dringendst gebrauchen konnte. Texte sollten aus einer anderen, veralteten Version in Word Perfect konvertiert werden. Viele Texte. Mit noch mehr Formeln, als Einstein jemals gesehen hat.

Da ich keinen besonderen Zeitdruck hatte, denn dafür hatte ich schon gleich zu Beginn gesorgt, konnte ich mich zum einen richtig in dieses Textsystem einarbeiten und vertiefen, zum anderen bekam ich die volle Unterstützung mit der entsprechenden Literatur zu diesem Programm vom Verein. Ich konnte lernen, wurde jeden Tag besser und habe so nach vier Monaten sogar die Leute, welche dieses Programm gebastelt hatten, mit Tricks im Bezug auf Formeln überrascht, welche diese selbst noch nicht kannten. Hinzu kam, dass ich der Liebling der Sekretärinnen des Vereins wurde, da ich der Nothelfer in allen Situationen der Fehlerbehebung bei diesem Programm war.

Das Ganze lief ein dreiviertel Jahr, bis die Entscheidung fiel, dass der Verein von Eschborn nahe Frankfurt/Main umzog nach Bonn. Ich konnte nicht mit. Danach war ich knapp ein dreiviertel Jahr arbeitslos und fand dann in Frankfurt eine Anstellung in einem Architekturbüro als Tippse.

Diese blieb ich genau 14 Tage, denn dann wurde ich gefragt, wie gut ich mit Computern umgehen kann und ich wurde zum Chefsekretär befördert, da die damalige Sekretärin Angst vor Computern hatte und degradiert wurde und an meinem ersten Arbeitsplatz dreieinhalb Jahre versauerte, bis die Firma Insolvenz anmelden musste. Wieder einmal war ich arbeitslos, aber gerade mal 14 Tage, dann las ich durch Zufall, dass ein Computerdienstleister Freelancer für den Support suchte. Ich bekam die Stelle und wieder musste ich erst mal eine ganze Menge neu lernen, Hardware- und Software, denn alles war in englisch und die Firma gehörte ganz sicher unter dem Namen Procter & Gamble nicht zu den kleinen Klitschen. Dort blieb ich dreieinhalb Jahre und bekam dann ein etwas lukrativeres Angebot von einem anderen Dienstleister für den gleichen Job bei Thomas Cook, bei denen ich eineinhalb Jahre beschäftig war, denn dann kam 2002 die echte Rezession, ich war inzwischen 55 Jahre und für den damaligen Arbeitsmarkt schon zu alt. Also keine neuen Chancen mehr, 3 Jahre später kam Harz IV und der Rest ist Geschichte.

Angeregt zu diesem Beitrag wurde ich durch diesen Artikel in der Zeit. Eigentlich wollte ich mich daran beteiligen, habe dann aber festgestellt, dass dies nicht besonders fair gegenüber den heutigen sogenannten Selbstständigen wäre, denn die haben ja, politisch gewollt, echt die Arschkarte gezogen. Diese Beitrag zeigt auf, wie es vor Hartz IV für Selbstständige und Freelancer auf dem Markt ausgeschaut hat.

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AlterKnacker

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Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.