Gedenktag und Gedanken

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Gedenktag –

Daniil Granin spricht, und ich lese die Berichte darüber. Meine Gedanken gehen Wege, an die dieser Herr Granin vermutlich nicht denkt.
Die deutsche Welle schreibt: “…denn Granin schrieb über Barmherzigkeit, Reue, Toleranz, Gewissen – also über die Dinge, die für die herrschende Ideologie gefährlich waren. Später hatte er es selbst so formuliert: “Die kommunistische Ideologie nahm von Anfang an eine Generalamnestie vor. Im Namen der sozialistischen Sache war es eben notwendig gewesen. Der Sowjetmensch sollte an die Weisheit der Partei glauben, die sich nicht irrt. Damit war der Einzelne jeder Verantwortung enthoben.”

Und ich denke, bei uns ist es doch nicht viel anders. Was ist daran so verwunderlich? Das ist bei uns auch alles verpönt, ausser es läßt sich ausnutzen…
“Granin hatte selbst als 22-jähriger einfacher Soldat Leningrad verteidigt, bevor sich der Belagerungsring schloss. Als Freiwilliger kämpfte er im Zweiten Weltkrieg. Er trat der Kommunistischen Partei bei, wurde später Panzeroffizier und bekam mehrere Kriegsorden. Ein Buch über seine Kriegserlebnisse hat er nie geschrieben. In der Breschnew-Zeit, in der der Zweite Weltkrieg als “Großer vaterländischer Krieg” verherrlicht wurde, sagte Granin verblüffend offen in einem Interview: “In dem Krieg habe ich gelernt zu hassen, zu morden, brutal und rachesüchtig zu sein – all das, was ein Mensch nicht braucht.”

Nein, das alles braucht ein Mensch nicht, aber es wird ihm auch heute noch eingebläut, – auf die eine, oder die andere Art. Viele lassen es nur zu gerne bei sich zu, weil es eben die bequemere und direktere Art ist, mit Problemen und Differenzen umzugehen. Den Menschen etwas Anderes beizubringen, statt dessen, ist nicht gelungen. Das liegt auch daran, dass mit dem kriegerischen Vorgehen eine Menge Geld zu machen ist.
http://www.dw.de/stiller-kämpfer-spricht-im-bundestag/a-17388718

Das neue Deutschland berichtet mehr über Daniil Granins Erfahrungen im damaligen Krieg mit den Deutschen:

“Anstelle von Soldaten ließ man Hunger einmarschieren

Die Menschen wurden vor Hunger immer schwächer, aber sie machten weiter, produzierten Munition und Minen und setzten Panzer instand. Die Deutschen wussten ganz genau, wie es um die Stadt steht und wie sie unter dem furchtbaren Hunger leidet. Sie wussten es durch ihre Aufklärung und von Überläufern. Der Feind hätte einmarschieren können, aber er wusste, dass die Stadt und die Soldaten buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden.

Hitler sagte ständig, dass seine Truppen nicht in die Stadt vorrücken dürfen, weil die Straßenkämpfe zu verlustreich gewesen wären. Man meinte, dass die Leningrader bei dieser Ernährung nicht lange durchhalten und sich dann schon ergeben werden. Und sollte sie der Hunger dazu nicht zwingen, umso besser, dann verrecken sie und müssen nicht mehr durchgefüttert werden.”

http://www.neues-deutschland.de/artikel/922179.der-tod-kam-leise-mucksmaeuschenstil.html

Und mich durchzuckt der Gedanke, ob ähnliches Denken den heutigen Hartz IV Gesetzen zu Grunde liegt, der Ausbeutung mit Niedriglöhnen, mit Mehrarbeit, Sanktionen der Betroffenen, usw.: “Wer sich nicht fügt kann verrecken, dann kostet Mensch nichts mehr…”

Ja, Daniil Granin, auch wir etwas Jüngeren, Nachgeborenen, waren mit den Hoffnungen gestartet, dass alles besser werden würde. Nie wieder so etwas, wie damals. Die Altvorderen hatten es uns ja auch vorgesprochen, versprochen, immer wieder.
Aber dann war der Aufbau geleistet, die Zeiten schritten voran, und über alle hinweg.
Viele der Jüngeren – vor allem jene noch nach uns – wollten und wollen lieber vergessen.
Haben wir sie so erzogen?
Steckt immer noch das Alte in den Seelen der Menschen?

Wir sind nicht besser, oder so viel anders geworden. Vielleicht nicht einmal raffinierter…
…im Gegenteil, manchmal scheint es mir eher so zu sein, dass viele Menschen sehr viel hilfloser geworden sind.
Damals: “Die Generale vergaßen ihre Soldatenehre und gingen dazu über, die Großstadt Leningrad auszuhungern. Es war die Leningrader Front, wo der Krieg zu einem Krieg gegen die Einwohner einer Stadt wurde, indem man anstelle von Soldaten den Hunger einmarschieren ließ.”

Und heute haben wir Frieden in Deutschland, offiziell. Aber gegen die Menschen ohne Erwerbsarbeit marschiert der Hunger, ganz leise und still schliesslich soll ja keiner auffallen. Gewiss, das kann man nicht vergleichen, damals war es furchtbar, die Bedrohung direkt, zig-tausende Menschen die starben,- heute ist sie indirekt und verborgen, ohne Kriegsgetöse, es verrecken immer mal wieder Einzelne.

“Schon im Oktober begann die Sterblichkeit durch Dystrophie zu wachsen. Im Oktober starben sechstausend, im November zehntausend und in den ersten fünfundzwanzig Tages des Dezember vierzigtausend Menschen. Im Februar verhungerten täglich etwa dreieinhalbtausend. In den Tagebüchern jener Zeit finden sich Einträge wie »Herrgott, lass uns durch halten, bis es wieder Gras gibt«. Eher zu niedrig angesetzten Berechnungen zufolge hat die Blockade über eine Million Opfer gefordert. Marschall Schukow spricht von 1.200.000 Hungertoten.”

Ja, und wir waren es – wir Deutsche.

” Und dann kam der Kannibalismus…

Der Tod kam leise, mucksmäuschenstill, tagein und tagaus, Monat um Monat alle 900 Tage lang. Wie wollte man dem Hunger entgehen? Er griff sich seine Opfer in den Häusern, auf der Arbeit, in den eigenen vier Wänden der Menschen inmitten von Töpfen, Pfannen und Möbelstücken. Unvorstellbares diente als Nahrung. Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Die Chemiker in den Instituten destillierten Firnis. Man aß Katzen und Hunde. Und dann kam der Kannibalismus…”

Fast drei Jahre lang die deutsche Armee vor Leningrad, wie sie sich leid tut, weil nichts weiter geht. Wie sie verharrt, darauf wartet, dass die Menschen in Leningrad verrecken, damit sie leichteres Spiel hat.
“Ein Kind stirbt, gerade mal drei Jahre alt. Die Mutter legt den Leichnam in das Doppelfenster und schneidet jeden Tag ein Stückchen von ihm ab, um ihr zweites Kind, eine Tochter, zu ernähren. Und sie hat sie durchgebracht. Ich habe mit dieser Mutter und ihrer Tochter gesprochen. Die Tochter kannte die Einzelheiten nicht. Aber die Mutter wusste alles. Sie hat sich selbst gezwungen, nicht zu sterben und nicht wahnsinnig zu werden, weil sie ihre Tochter retten musste. Und gerettet hat.”
Und draussen irgendwo vor der Stadt ist die deutsche Armee und gibt icht nach – fast drei Jahre lang…

Draussen vor der Stadt waren die Deutschen, belagerten das Elend, und hatten für sich selber den Spruch: “…von irgendwo ein Lichtlein her…” – während für die Menschen in Leningrad kein Licht mehr war – nur ein russiges Flämmchen ab und zu.
Und trotzdem hatten diese Menschen etwas: ” Das Mitgefühl der Menschen verschwand nicht etwa, sondern wurde wiedergeboren. Das Einzige, was man dem Hunger und der Unmenschlichkeit des Faschismus entgegenstellen konnte, war der spirituelle Widerstand der Einwohner der einzigen Stadt im Zweiten Weltkrieg, die nicht aufgegeben hat.”
Wir hatten den Faschismus, und der überlebte bis heute in verschiedenen Formen und Varianten. Wir haben heute noch unsere Härte, gegen uns selber und gegen andere.

“Ich, der ich als Soldat an vorderster Front vor Leningrad gekämpft habe, konnte es den Deutschen sehr lange nicht verzeihen, dass sie 900 Tage lang Zivilisten vernichtet haben, und zwar auf die qualvollste und unmenschlichste Art und Weise getötet haben, indem sie den Krieg nicht mit der Waffe in der Hand führten, sondern für die Menschen in der Stadt Bedingungen schufen, unter denen man nicht überleben konnte. Sie vernichteten Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen konnten. Das war Nazismus in seiner ehrlosesten Ausprägung, ohne Mitleid und Erbarmen und bereit, den russischen Menschen das Schlimmste anzutun. Heute sind diese bitteren Gefühle von damals nur noch Erinnerung.”

Daniil Granin, Du bist wunderbar, denn Du hast aus allem Erinnerung gemacht, auch aus den bitteren Gefühlen. Ich kann das nicht so locker, denn mich beschäftigt das alles, und ich frage mich, wie ich mich verhalten hätte.
Und, ich quäle mich damit, dass heute wieder Unmenschlichkeiten möglich sind, während die feierlichen Reden gehalten werden – während etwas beschworen wird, das zwar überwiegend stimmt – hier im Land: Wir haben keinen offenen Krieg, aber dafür die Nadelstiche, immer noch und wieder, gegen unliebsame Minderheiten.

“Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber auch nichts vergessen darf.” – Sagt Daniil Granin.
Und genau dieser Satz beschreibt das, was auch ich empfinde. Nichts vergessen, das ist das Wichtigste dabei, denn sonst kommt alles wieder. Wir Deutsche sind talentiert darin, Probleme mit bewährter Härte zu lösen.

Ein Beispiel dafür, wie das heute aussieht, findet sich hier:
http://www.youtube.com/watch?v=VBY-WN7puFo
“Die Not wird die Menschen zwingen, sich zu beugen”, sagte Herr Schäuble…

” Es fällt mir heute sehr schwer, mich in den Krieg zurückzuversetzen. Vier Jahre an der Front haben mich gelehrt, dass jeder Krieg blutig und schmutzig ist. Aber die Erinnerung an die Millionen von Toten, an die zig Millionen unserer Soldaten ist notwendig. Ich habe erst vor kurzer Zeit beschlossen, über meinen Krieg zu schreiben. Warum? Weil fast alle meine Regimentskameraden und Freunde im Krieg geblieben sind, weil sie starben, ohne zu wissen, ob wir unser Land siegreich verteidigen werden können, ob Leningrad durchhält. Sie starben mit dem Gefühl der Niederlage.

Es ist, als ob ich ihnen berichten will, dass wir schließlich doch gesiegt haben und sie ihr Leben nicht umsonst ließen. Das war der sakrale Raum, wo der Mensch Mitgefühl, Spiritualität und das Wunder der Liebe wiederfindet und begreift, dass letzten Endes nie die Gewalt, sondern stets die Gerechtigkeit triumphiert.”

Danke, Daniil Granin. Wollen wir hoffen, dass diese Worte Früchte tragen, für die Menschen, über die Vergangenheit hinaus.