Die Hilfe

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Die Hilfe

 Wer oft auf den Rollstuhl angewiesen ist, – ohne diesen noch einige Schritte gehen kann, aber schlecht stehen,- und in den Bewegungen eingeschränkt ist, der tut sich schwer, wenn Überraschendes auf einen solchen Menschen zukommt. Wenn dann die andere Ehehälfte auch noch ausfällt, weil ebenfalls gehandicapt durch kaputte Gelenke, dann hat Mensch ein Problem:

Der Provider stellte das DSL-Zugangssystem und die Telefonie um. Der Stecker an der Telefondose musste ausgewechselt werden. Ein Splitter wegen des Internet-Zugangs wird künftig nicht mehr benötigt. Die Telefondose befindet sich ganz unten an der Wand, über der Bodenleiste, und in einer Ecke. Links und rechts davon sind Fenster. Davor sind die Schreibtische…

Es geht nicht anders, wenn ich nicht in einer dunklen Ecke des Zimmers sitzen will. Gelegenheit also, alles Mögliche auszumisten, und das Ganze in Ruhe anzugehen. Ich sollte ja eine Hilfe bekommen. Die Frau, die mir helfen wollte, kannte ich flüchtig, eigentlich ganz netter Eindruck. Ich sollte ihr vorher alles aufschreiben, was sie beachten sollte. Das war erledigt.

Sie kam, wir besprachen auch noch alles kurz, die Müllsäcke für das zu Entsorgende standen bereit. Der Putzeimer und Lappen auch. Nur die Fensterbänke und Rahmen feucht abwischen, die Schreibtische entstauben, so weit noch nicht erledigt. Den Fussboden vor den Schreibtischen danach absaugen. Fertig. Und die Computer, die Elektronik, alles was damit zu tun hat, bitte nicht anfassen.

Aber, denkste.

Zuerst lief auch alles wie vorgegeben. Alte Papiere aussortieren, daneben schon etwas Staub wischen, wunderbar. Ich rollerte zur Küche, um noch einen Lappen zu holen, und einige Plastikhüllen entsorgen. Als ich zurückkam tobte sich die gute Frau gerade so richtig aus. Sie hatte alles ausgesteckt an elektrischen Verbindungen, was sie davon hatte erwischen können. Den Drucker – der zwar ausser Betrieb gewesen war, aber trotzdem noch funktionsfähig, wollte sie gerade waschen. Ich war gerade noch rechtzeitig zurück gekommen.

Ab diesem Moment wurde das Unternehmen zu einem Kampf gegen eine arbeitswütige Putzbombe, die alles auseinandernehmen wollte, dessen sie habhaft werden konnte. Auf den Schreibtischen lagerte sie alles das ab, womit sie sich nicht auskannte – CD’s, Disketten, Kabel, Sticks, sonstigen Kram, Schriftstücke. Die Tastaturen entschwanden unter Bergen von anderswo Abgeräumten. Den Couch-Tisch liess sie überwiegend frei und verschont – denn, „den braucht man“, wie sie bemerkte. Aha, ich war schon froh, dass sie meine Tastaturen nicht waschen wollte.

Dann schob sie mich samt Rollstuhl bei Seite, und weil es erst etwas klemmte, half sie mit ihrem Knie nach, das sie mir von hinten mit Schmackes ins Kreuz rammte. Meine Proteste überhörte sie…

Danach ging es munter weiter:

Auch den Sitzplatz meines Mannes verschonte sie nicht. Seine Film-DVD’s, das Handy-Ladegerät, Schere, Schreibstift, und Einiges mehr…

…ich hatte es nie angefasst, damit er alles wieder findet – sie verteilte es irgendwo.

Während dieser Aktivitäten erzählte sie mir von ihrer Mutter, die erst vor einigen Wochen verstorben war. Diese war über 90 Jahre alt geworden. „Sie hat mich nur gescheucht,“ berichtete sie. „Konnte sie denn noch gehen?“ fragte ich. „Ja, eben langsam, aber ja, sie konnte noch gehen, war eben körperlich nicht mehr so ganz die Starke. Wenn sie sich anstrengte beim Stehen stellte sie sich immer unglaublich an. Wenn es etwas länger dauerte, jammerte sie, dass sie nicht mehr könne und begann zu schlottern,“ berichtete sie. Dann führte sie mir dramatisch vor, wie das ausgesehen habe, indem sie ihre Mutter nachäffte. „Es war einfach lächerlich, wie die sich anstellte,“ bemerkte sie noch. Sie merkte nicht, dass das mehr als peinlich war, und taktlos auch mir gegenüber. „Ihre Frau Mutter war doch immerhin fast 100 Jahre alt, da ist es erstaunlich, dass sie noch gehen und ein wenig stehen konnte,“ merkte ich an. Darauf bekam ich keine Antwort.

Sie rupfte dann noch mehr Steckerverbindungen auseinander, und verstreute die Einzelteile vergnügt auf den Schreibtischen. Dazwischen Büroklammern, Merkzettel, Brillenetui, Etiketten… Nach zwei Stunden war sie mit allem fertig. Sie hätte nur eine Stunde gebraucht, wenn sie sich an das gehalten hätte, was ihr gesagt worden war.

Die Fenster putzte mein Mann, das Regal und die Computer machte ich selber.

Sie bekam 15.—Euro von mir, als Anerkennung für’s Putzen. Ausgemacht waren 10.—Euro gewesen. Daraufhin beschwerte sie sich, dass sie keinen Kaffee bekommen habe, und eigentlich 20.—Euro.

Ich hatte Sprudel und Saft angeboten.

Doch, Brot und Wurst wäre auch vorhanden gewesen. Wollte sie aber nicht. Nein, Schokolade habe ich leider nicht – ich esse selten so etwas, denn ich muss auf die Diabetes-Werte achten. Dann ging sie…

Nie wieder! – Seufzte ich in mich hinein.