Antwort zu dem Beitrag vom Alten Knacker: Alt werden ist Scheisse…

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Alt werden ist wie Kriegstanz in der Steinwüste…

denn, das Gestein scheint die Fussohlen aufzureissen, die Erhebungen machen die Schritte schwierig. Und, trotzdem wird getanzt, den Kriegstanz gegen den Verfall, gegen die Krankheiten, gegen den Tod. Aber, dieser Tanz beweist, dass wir noch nicht aufgegeben haben, noch lebendig sind und nicht stumpf und abgetötet in unseren Seelen.

Ja, das Multitasking läßt an manchen Tagen nach, und manche meinen, dass wir vergesslich werden. “Hoffentlich ist es kein Alzheimer”, scherzen sie dann. Makabrer Scherz, von dem wir hoffen, dass er nicht Wirklichkeit wird. Längere Zeit ausschlafen, so weit es die Schmerzen zulassen, hilft jedoch. Und, mir fällt dann ein, dass ich früher, in Stresszeiten, oft viel müder und vergesslicher war. Auch das mit dem Rücken kenne ich nur zu gut, und noch einige Beschwerden und Behinderungen mehr. Trotzdem sind die heutigen Tage härter erkämpft, – jede gute Stunde ist heisser und heftiger errungen,- als es früher noch der Fall war. Dafür war früher das Leben, das geführt wurde, heftiger und brutaler. Ja, auch bei mir – allerdings mit offziellem Knast hatte ich nichts zu tun. Der andere, nicht offizielle, zugefügte, ist aber auch nicht viel besser. Vor allem überwiegt bei dieser Art Knast immer die Einzelhaft, die Isolation. Irgendwann prägt das die Persönlichkeit.

Doch, da waren ja schon Menschen – die Angehörigen, die Schulen und ihre Lehrer, die Mitschülerinnen, und so weiter. Aber, die einen waren die Wärter des Knastes, und die anderen kamen damals kaum an mich heran. Es ist eine Ironie des weiteren Lebensverlaufes, dass die Kinder von einigen damaligen Schulkameraden heute meine Freunde sind.

Wir mussten das Leben auf die harte Art kennen lernen, weil unsere Eltern unfähig gewesen waren, und dieses auf die positive Art beizubringen. Bis zu dem Punkt, an dem ich mich gefunden hatte – mich selber, und nichts sonst – war es ein langer Weg. Ich kann immer noch nicht darüber schreiben, während es bei der Gegenwart etwas leichter ist – aber, das liegt an mir selber. Ich muss schliesslich die Erinnerungen aushalten können.

Auch aus diesem Grund tanzt die Seele oft noch in der Wüste. Manchmal ist sie verlockend weich, sandig, aber der Sand ist ein Reibeisen. Und, wenn die Wüste steinig ist, reissen die alten Wunden wieder auf. Aber, ich bin geduldiger mit mir selber geworden, und dadurch auch mit anderen. Aus jenen Zeiten aber stammt meine Abneigung gegen jede Art von Einfügung in ein  festes System, gegen jegliche Art von Zwang.

Das liest sich vielleicht komisch für Menschen, die mich kennen – die wissen, dass ich einen Rollstuhl benötige – aber, ich fühle mich heute freier als früher. Vor allem kämpfe ich weiter für eine freiere und gerechtere Welt, die damit endlich aufhört, die Menschen zu quälen, und dieses Verhaltensmuster immer weiter fortsetzt und auch weiter gibt. Wir alle sind die Generationen danach – von irgend etwas, das nicht in Ordnung war  – und die Generationen davor, vor dem was kommen soll. Was wir zu Stande gebracht haben, und was daraus hervor geht, haben wir mit zu verantworten,- auch dann, wenn wir nicht selber die Verursacher waren, oder sind.

Wir haben viel Arbeit geleistet – für andere – und auch für und mit uns selber. Weil ich weiss, wie schwer das alles sein kann, und weil ich erlebt habe, dass die Kindheit und Jugend nicht für jeden Menschen ein Himmelreich ist, sondern eher das Gegenteil, hatte ich nie ein Problem damit, auch jüngere Leute etwas gelten zu lassen. Sie haben etwas zu sagen, und es ist schäbig, ihnen den Mund zu verbieten, weil sich einige Ältere inzwischen so unfehlbar vorkommen.

Für das, was sich heute als “Staat”, als Gemeinschaftswesen, ausgibt, habe ich nicht gekämpft. Es ergeht vielen so, ausser mir, das weiss ich.  Diese Vielen sind aber auch nur eine Gruppe in der Gesamtbevölkerung. So, wie diese dargestellt wird, und sich selber oft darstellt – die sogenannte, angebliche Mehrheit – ekelt sie mich oft an. Zuviel Missgunst, Feigheit, Egozentrik, Neid und Gier – zu wenig echtes Mitgefühl, Wohlwollen, Mut, echtes Gönnen und Konzentration auf das, was wichtig ist.

Also, kämpfen wir weiter, mit unseren inzwischen begrenzten und eingeschränkten Möglichkeiten. Bis unser Körper sagt, es ist mehr als genug ? Vielleicht. Bis zum letzten Atemzug sowieso. Mein Dank gilt dem alten Knacker Jonny Beyer, der mir mit seinen Berichten belegt, wie vielfältig dieser Tanz durch die steinigen Wüsten sein kann.