Versuch macht klug…

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Versuch macht klug…

…dachten wir uns. Schliesslich war 2013 das Jahr der Inclusion, und die Langzeitarbeitslosen, die Behinderten, und so weiter…

…keiner sollte zurückbleiben, und keiner sollte den Hintern nicht hoch bekommen. Am Telefon wurde uns der Mut ja fast wieder genommen, denn die Sachbearbeiterin im Jobcenter – am anderen Ende der Telefonleitung – wusste offenbar nichts davon, dass Menschen im Rollstuhl nicht diskriminierend bedauert werden wollen. Sie begrüsste mich: “Ach, Sie Arme! Es ist ein schweres Leben, wenn man an den Rollstuhl gefesselt ist!”

Halleluja, das fing ja gut an. “Sie können ja vorbei kommen, und mich los binden!” schlug ich vor. Aber, ihr war wohl nicht nach Scherzen, denn am anderen Ende wurde es erst einmal still. Nach dem Ablauf der Schweigeminuten machten wir dann den Termin der Vorsprache fest, und ich war gespannt.

Der Tag kam, und meine Freundin und ich machten uns auf den Weg zum Jobcenter. Wir trafen ein, fuhren mit dem Aufzug hoch. Beim Aussteigen wird es eng, denn die Türe des Aufzuges korresponiert mit der Eingangstüre, und der Flur ist auf diesem Stockwerk auch nicht gerade breit. Wir schafften es trotzdem auf den Flur und zu den Wartestühlen zu gelangen. Lange mussten wir auch nicht warten, dann wurden wir von der jungen Dame abgeholt, die für uns zuständig war, und auch nett begrüsst.

Bei der Klärung meiner Qualifikationen stellte sich heraus, dass ich mehr wußte und konnte, als die Leuts da im Jobcenter, aber ich hatte nicht das passende Diplom, nicht den zugehörigen Abschluss, oder was auch immer. Ein Abschluss, den ich hatte, war nicht mehr brauchbar – den Beruf gibt es nicht mehr. Beim zweiten Abschluss ist das Diplom und der dazugehörige Beruf mit der Behinderung nicht mehr ausführbar.

“In der Werkstätte für Behinderte könnten Sie vielleicht arbeiten, aber die sind auf die Psychos eingestellt, auf geistig Behinderte. Mit dem Rollstuhl, und dann Transport, das müßte erst geklärt werden,” meinte die junge Frau, und fügte an: “Fast zu alt sind Sie im Übrigen auch…” Da war ich – noch – 63 Jahre alt, inzwischen sind es 64 Jahre.

Ich wurde ein wenig ärgerlich: “Da wird immer gesagt, die Leute müßten bis 67 Jahre arbeiten, und dann zeigt man den Willen, den man ja noch hat, und Ihr blockt ab. Hinterher wird aber wieder begeistert berichtet, die Arbeitslosen wollten ja nur nicht arbeiten.” Sie schluckte, sagte aber nichts dazu, sondern erklärte: “Da gibt es noch mehr Probleme. Dieses Städtchen ist nicht gerade barrierefrei. Die Läden, Geschäfte und die Wege sind es nicht unbedingt. Das würde sehr schwer werden.”

“Ich weiss”, antwortete ich. “Fahrdienste, Assistenz, Rampen…,” fuhr ich fort. ” Sie lächelte und schüttelte den Kopf. “Für die paar Jahre, die Sie im günstigen Fall noch arbeiten würden, bezahlt das keiner.”

“Ja, und darum werden wir Behinderte behindert, und sind es nicht unbedingt. Wir werden zu Hause eingesperrt, mit Hartz IV ist das besonders toll, und keinen schert es – Jahr der Inclusion hin oder her,” gab ich zu bedenken.

“Wir haben auch gar keine passende Arbeit für Sie”, schloss sie den Dialog fast triumphierend ab. “Sie geben also zu, dass das Jobcenter keine Jobs vermitteln kann”, hakte ich nach.  “Es ist schwer”, entgegnete sie.

Es ging dann noch um meine Gesundheit, sozusagen. Sie hatten mich vor längerer Zeit, als endlich meine Diagnose feststand, in eine Reha schicken wollen, und ich hatte abgelehnt. Denn, es wäre wieder die falsche Massnahme gewesen. Wieder psychosomatisch, obwohl die Ursachen rein körperlich sind, und da etwas geschehen müßte, wenn überhaupt. Da sich aber nur Wenige mit der Krankheit auskennen, die ursächlich schuld an der Behinderung ist, will da keiner dran.

“Dafür kann ich nichts, ich habe mir die Behinderung nicht ausgesucht. Und für das Andere alles – wie Menschen wie ich dauernd ausgebremst werden, da können Sie und Ihresgleichen durchaus etwas dafür”. Das war mein Schlusswort.

Nein, es ist kein Spass mit denen, selbst wenn es halbwegs wohlwollend abläuft. Ich wünschte ihr zum Abschied, dass ihr das Schicksal gnädig sein möge, damit sie nie in eine prekäre Lage geraten würde.