Alt werden ist Scheiße, … Teil 3 …

Und schon wieder ein Vorwort. Ich hoffe mal, den Lesern geht es nicht auf den Zeiger.

Immer wieder erstaunlich für mich. Fünf Stunden Schlaf reichen wohl erst mal aus, denn wenn ich dann wirklich wieder müde werde, kann ich mich ja ganz einfach ins Bett legen und ‘knacken’. Heute ist wieder solch ein Morgen, 3:15 Uhr ‘fiel’ ich quasi aus dem Bett. Hängt wahrscheinlich auch mit der Tatsache zusammen, dass ich gestern nicht genug Schlaf tagsüber gehabt habe, denn ein wenig Lampenfieber habe ich schon vor dem heutigen Tag.

Heute ist insofern ein wichtiger Tag, denn das Interview mit den Medien-Studenten der Uni Passau soll um 14:00 Uhr beginnen. Ich weiß jetzt schon, dass ich spätestens um 8:00 Uhr wieder in der Falle liege, um die restlichen Stunden runter zu ratzen.

Gerade habe ich mir jetzt Kaffee gemacht, um wenigstens die Zeit, in der ich dies hier schreibe, nicht im Dämmerzustand zu verbringen. Auch habe ich schon meine erste tägliche Tablettenration eingeworfen, wenn auch 2 Stunden früher als üblich.

Meine erste Dosis Nachrichten und Informationen habe ich in dieser Zeitspanne auch schon ‘inhaliert’. Mindestens drei Ko – Taus an den Computer und das Internet. Dies wird sich auch ein Freak gedacht haben, der einen Uralt-Macintosh wieder zum Leben erweckt hat. Dass nenne ich mal Freude an der Arbeit mit Computern, zumal Computer dieses Jahr so kurz vor Weihnachten in so manchen Familien nicht gerade das beste Gesprächsthema sind. In so einigen tausend Haushalten mit Computern dürfte der Haussegen ziemlich schief hängen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie kommunikativ unsere Computer inzwischen sind, denn über diese Kisten hinweg sind Gesprächsthemen eigentlich noch niemals wirklich langweilig gewesen und sie sorgen meist für weiteren Gesprächsstoff. Aber jetzt genug der Einleitung.

——

Geendet hat Teil 2 dieser Erinnerungen mit meiner ersten Entlassung aus dem Knast in Köln. Ich war gerade mal 19 Jahre alt und meine Wut auf dass, was man im allgemeinen Gesellschaft nennt, war eigentlich auf ihrem Höhepunkt.

Mein erster Weg führte mich auch prompt wieder in die alten Kreise. Die alte Clique war vollzählig und sofort wurde auch wieder darüber gesprochen, wie wir an Geld kommen könnten. Keiner von uns hatte quasi ein Zuhause, also standen die nächsten Auto-Diebstähle und Einbrüche an. Einige hatten schon lohnende Objekte ins Auge gefasst und recht schnell waren dann einige von uns schon wieder unterwegs, um dort ‘weiter zu machen’, wo wir, bis zu meiner Verhaftung, aufgehört hatten. Köln-Marienburg ist eines der Nobelviertel dieser Stadt und es gab dort immer Möglichkeiten, leere Häuser vor zu finden, welche man ausräumen kann. Für solche Aktionen wurde auch immer ein entsprechendes Auto gebraucht und dies war meine Aufgabe inzwischen, weil ich im Krallen von Autos sehr fix geworden war.

Es soll jetzt aber bitte niemand denken, dies wird eine Jubelorgie aufs Autoklauen. Es sind einfach die Fakten meiner damaligen sogenannten ‘Tätigkeiten’.

Es war mir zu diesem Zeitpunkt völlig gleichgültig, ob ich geschnappt wurde oder nicht. Ich selbst war gut in dem, was ich tat und ich nutzte meine sogenannten Fähigkeiten. Und davon hatte ich so einige, nur waren sie meist alle nicht besonders legal.

Wenn man in der Illegalität lebt, steht man ständig unter Hochspannung. Da einige von uns ja auf der Straße ‘lebten’, war zum Beispiel der tägliche Kampf um einen Schlafplatz eine besondere Herausforderung. Neubauten, Trümmergrundstücke, Gartenlauben, Freundinnen, Bekannte waren zum großen Teil die Anlaufplätze, um zu übernachten. Oft waren die Wege dahin meist in den Randgebieten von Köln zu suchen. Was aber auch nicht immer funktionierte. Dann waren auch schon mal Parkanlagen und deren Bänke angesagt. Wir waren ja alle jung und konnten auch schon mal eine kalte Nacht so locker überstehen.

Haupttreffpunkt war, wenn nicht in der Rolltreppe (zur Erinnerung: dies war ein Restaurant am Rudolfplatz) der Neumarkt mitten in Köln. Dort wurden wir dann auch von so einigen weiblichen ‘Fans’ oft genug in der Früh, wenn die zur Arbeit in die umliegenden Kaufhäuser unterwegs waren, mit Frühstück versorgt, denn für Ladendiebstähle, besonders in der Früh die Fressalien, war ja die Zeit noch nicht reif.

Auch unsere Klamotten wurden durch Diebstähle in den Kaufhäusern immer auf dem modisch neuesten Stand gehalten. Wir waren auch im Hinblick auf die Hygiene relativ gut versorgt, denn in Hallenbädern oder auch am Hauptbahnhof konnte man sich äußerlich herrichten und so war unsere Fassade eigentlich immer recht top. Auf den ersten und zweiten Blick konnte man uns von Jugendlichen, welche nicht in der Illegalität lebten, nicht unterscheiden. Eigentlich im Gegenteil – rein äußerlich waren wir die Kings, modisch immer auf dem neuesten Stand, was das weiblichen Geschlecht oft genug schon mächtig beeindruckte. Fassade ist eben alles.

In dieser Zeit kam ich auch, besonders durch die Studenten-Kneipen, mit deren sogenannten intellektuellen Besuchern in Kontakt. Durch viele neue Bekannte und in den dort stattfindenden Gesprächen wurde natürlich auch mein geistiger Horizont auf ganz besondere Weise ständig erweitert. Immerhin war es ja gegen Ende der 60er Jahre und es wurde in dieser Zeit ganz besonders viel über Politik diskutiert. Ich war plötzlich wie ein Schwamm, der dies alles aufsaugte, mein eigenes Gehirn bekam plötzlich Futter. Ich fing wieder an zu lesen, was ja auf der Straße direkt niemals so ganz einfach ist und mein Interesse an größeren Zusammenhängen wuchs von Tag zu Tag. Dass ich fast ausschließlich ein Zuhörer und dabei Lernender war, fiel in den meisten Fällen niemanden auf.

So im Nachhinein gesehen kommt es mir schon komisch vor, denn ich war ja zu diesem Zeitpunkt wirklich kein Kind von Traurigkeit. Ich lebte in der Illegalität, ich war ein Dieb, ein Knastbruder und doch war ich auch plötzlich an Dingen interessiert, welche mich lange Jahre eigentlich niemals oder nur peripher tangiert haben. Mit Beginn dieses Zeitabschnittes fing ich plötzlich an zu denken. Aber ich wurde dann erst einmal von der rauhen Wirklichkeit wieder eingeholt.

Gegen Ende 1968 wurde ich wieder einmal nach einem Autodiebstahl erwischt und bekam ein Jahr Jugendstrafe in Siegburg, in genau dem Gefängnis, welches einige Jahrzehnte später zu bitterer Berühmtheit gelangte.

Wie es weiter geht, wird die nächste Folge zeigen und alt werden ist immer noch Scheiße.

Fortsetzung folgt …

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker
Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.