Alt werden ist Scheiße, … Teil 2 …

Direkte Fortsetzung … und dazu noch ein Vorwort (schon wieder). Jeder Buchstabe ist eine Qual und Anderen geht es besonders in der dunklen Jahreszeit auch nicht besser.

Über das Alter zu schreiben, habe ich mir einfacher vorgestellt. Schon längere Zeit gehe ich ja mit diesem Thema ‘schwanger’, aber mit der sogenannten ‘Geburt’ hat’s dann doch eine ganze Weile gedauert. Aber selbst wenn ich, wie heute, schon um 5:30 Uhr aufstehe und mich gleich an den Computer setze, so kommt doch meist nur echter Mist beim Schreiben raus. Da ich, bevor ich schreiben kann, erst einmal Nachrichten-Schlagzeilen lese, kann schon eine ziemliche Zeit vergehen, bis die ersten Buchstaben zu einem Beitrag in den Computer gehackt werden.

Zu Anfangszeiten der Blogs wurden diese ja noch als eine neue Art Tagebuch angesehen und selbst ich habe mich in dieser Form ‘versucht’, aber dann doch recht schnell fest gestellt, dass ich eigentlich kein Tagebuchschreiber bin.

Wie schon in Teil 1 erwähnt, wollen Studenten der Uni Passau mit mir ein Interview machen zum Thema “Obdachlosigkeit” und gestern Nachmittag kam der entscheidende Anruf, dass die Aktion statt findet. Ich freue mich schon darauf, denn dies war ja immerhin über lange Jahre selbst mein Leben, auch weil ja Kreativität gefragt war und ist.

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Jetzt muss ich doch noch einmal abschweifen von meiner Jugend, denn ein Gedanke hat sich seit meinem Herzinfarkt im April 2011 immer mehr verfestigt und schwirrt bei vielen Anlässen durch meinen Schädel. Es ist der unabänderliche Zustand eines kommenden Todes, denn jeder von uns Menschen ist davon betroffen. Jedes Lebewesen ist betroffen, nur wir Menschen sind aber auch in der Lage, dies geistig zu erfassen und uns damit auseinander zu setzen. Man kann eigentlich sagen, dass sich 50 Jahre in unserem Kopf das Thema Tod nicht besonders gut einrichten kann, denn die meisten von uns beschäftigen sich mit diesem Thema mehr als ungern, quasi, als wären wir unsterblich. Sind wir aber nicht, aber dafür im Verdrängen fast Weltmeister.

Besonders in Zeiten, wenn ich mal wieder in eine Depression verfalle, gehen mir diese Gedanken durch den Kopf. Dieter Hildebrandt hat sich darüber hinweg gerettet, in dem er mit einem fast gleichaltrigen Kollegen darüber ‘philosophiert’ hat und sie haben dann darüber in der Form gesprochen, was sie so zur Beerdigung anziehen oder welche Musik gespielt wird oder aber auch völlig abgelehnt wird.

Meine Frage ist viel simpler. Wie kommt der Tod? Kommt er schnell und schmerzlos oder muss ich erst lange leiden? Kommt er im Schlaf oder wie bei meinem Großvater, der gerade auf dem Weg in seinen Garten war und den es an der Bushaltestelle ‘erwischt’ hat? Keiner von uns allen kann dies vorhersagen.

Natürlich ist ein schneller und schmerzloser Tod allen anderen Möglichkeiten vor zu ziehen, aber um ehrlich zu sein; Lust darauf habe ich trotzdem keine. Ich bin noch lange nicht so weit.

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Der FIWUS bzw. ich persönlich habe gestern eine Anfrage aus der Universität Passau bekommen (und ich habe auch sogleich spontan zugesagt), welche mir natürlich besonders am Herzen liegt. Zum einen, weil ich immerhin 2 Jahre selbst davon betroffen war, zum anderen, weil ich ja immerhin 20 Jahre für dieses Medium gearbeitet habe in unterschiedlichsten Sparten.

Sehr geehrter Herr Beyer,

ich heiße Lisa S. und studiere BA Medien und Kommunikation an der Universität Passau.

Im Rahmen des Seminars „Fernsehjournalismus“ recherchieren wir zum Thema „Obdachlosigkeit“.

Durch die Webseite „Freies in Wort und Schrift“ mit dem Artikel „Auch sogenannte Obdachlose haben Menschenwürde“ bin ich auf Sie aufmerksam geworden. Bis Donnerstagmittag sollen wir zum Thema „Obdachlosigkeit“ Personen finden, die bereit wären uns ein Interview zu diesem Themenaspekt zu geben. Das Interview wäre dann voraussichtlich im neuen Jahr.

Zur Zeit steht aber noch nicht fest, ob wir schlussendlich dieses Thema behandeln, da mehrere Gruppen zu verschiedenen Themen recherchieren. (Je mehr Personen wir finden, desto eher wird das Thema für eine Produktion in Betracht gezogen. 🙂 )

Deshalb meine Frage: Wären Sie bereit, wenn das Thema „Obdachlosigkeit“ gewählt wird, uns zu unterstützen? Im Artikel schreiben Sie, dass Sie 10 Monate im Passauer Obdachlosenasyl gelebt haben und beschreiben die Umstände, wie Sie dort gelebt haben. Gerne würden wir genaueres erfahren.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.

Tel.: xxxxxxxxxxxx

Über eine baldige Antwort, wenn möglich bis Mittwochabend, da wir am Donnerstag wieder Seminar haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Wir würden Ihnen dann umgehend Bescheid geben, ob das Thema umgesetzt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Ich persönlich kam ja nie in den Genuss einer solchen Ausbildung und muss mich daher ganz auf mein Bauchgefühl verlassen, wie die Damen und Herren Studenten dieses Thema angehen. Das Medium Fernsehen wird wohl nicht gleich neu erfunden und wenn ich direkte Probleme sehe, werde ich schon meine Meinung sagen.

Und jetzt komm ich wieder zu meiner Jugendzeit, denn gerade in dieser kamen Gedanken an den Tod wirklich niemals auf.

So Mitte der 60er Jahre ging der Blick nur immer in eine kurzfristige und oft einfach banale Zukunft. Der nächste Tag war oft genug der Wichtigste, denn die Umstände waren bei mir zu diesem Zeitpunkt einfach entsprechend.

Als ich im Mai 1965 aus dem Erziehungsheim wieder nach Hause entlassen wurde, stand schon länger fest, dass mein Stiefvater von Mainz nach Köln ins Truppenamt der Bundeswehr versetzt war und die Familie also kurz vor dem Umzug stand. Mir war es eigentlich schon immer egal, wo ich lebe, solange ich mich dort in irgend einer Weise wohlfühle und man mich in Ruhe lässt. Alles fromme Wünsche, ich weiß. “Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Mitmenschen nicht gefällt”; diesen Spruch habe ich schon als Kind gelernt und ihn eigentlich niemals vergessen können, zu oft wurde ich aus heiterem Himmel an ihn erinnert.

Jetzt darf sich nur niemand vorstellen, dass ich irgendwie religiös bin – das Gegenteil ist der Fall. Ich habe mit Glauben nichts am Hut. Glauben heißt für mich – nicht wissen. Für mich zählen nur Realitäten und Fakten. Hinzu kommt auch hier, dass meine sogenannten ‘menschlichen’ Erfahrungen sich meist auf irgendeine Art körperlich schmerzlich bemerkbar gemacht haben. So sollte es sich in Köln auch fortsetzen, obwohl ich ja inzwischen schon knapp 18 war.

Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach Köln fing für mich der brutale Alltag mit der Jobsuche an, auf Befehl der Eltern. OK, zu dieser Zeit war es wirklich kein Problem, Arbeitsstellen zu finden, der Markt gab mehr als genug her, auch für Ungelernte. Meine erste Stelle war Küchenhilfe in der Uni-Mensa in Köln. Fahrtzeit jeden Tag hin- und zurück 2 Stunden, denn wir wohnten damals in Merheim, am Rande von Köln und die Trambahn war ewig unterwegs.

Wenn ich dies jetzt alles so ausführlich beschreibe, dann nur aus der Tatsache heraus, dass man als Leser verstehen soll, wie ich wirklich ticke.

Dass ich Geld verdienen musste, war allein der Tatsache geschuldet, dass ich alles Geld jede Woche abgeben musste, bis auf 5 Mark Taschengeld. Es kann sich wohl jeder vorstellen, dass ich dies nicht gerade jubelnd zur Kenntnis genommen habe. Hinzu kam natürlich auch noch Befehl und Gehorsam. Fügte ich mich nicht, hatte dies in 99% der Fälle schmerzende Konsequenzen zur Folge. Meine Einstellung zu dieser Art ‘Lebensqualität’ kann sich wohl jeder vorstellen und nach einem halben Jahr kam es dann auch zum Ausbruch meinerseits.

Nach einem Gewaltausbruch meines Stiefvaters mir gegenüber kam es auf meiner damaligen Arbeitsstelle meinerseits zu einem Betrugs- und Diebstahlsdelikt von mir anvertrautem Geld und ich verschwand auch noch mit dem Firmenmoped. An die tatsächlichen Konsequenzen habe ich auch nicht eine Sekunde mir Gedanken gemacht. Ich wollte kriminell werden. Unrecht mit Unrecht bekämpfen. Mich direkt und körperlich zu wehren war ich noch nicht in der Lage.

Natürlich wurde ich irgendwann geschnappt und in ein Heim gesteckt. Ich war ja noch nicht volljährig. Die Behörden haben wohl versucht, mich wieder nach Hause zu bekommen, aber da war ich schon in der Lage, dies kategorisch ab zu lehnen, denn in dem Heim war ich wohl eingesperrt, aber es gab Möglichkeiten, von dort abzuhauen. Hinzu kam, dass ich mich dort einer Clique anschloss, welche mit Autodiebstählen, vorwiegend Opel, zu überleben versuchte. Und ich habe dann nach dem Ausbruch aus dem Heim mehr als nur schnell gelernt und war innerhalb kurzer Zeit fast nicht mehr zu schlagen, was die Autodiebstähle an ging. 30 Sekunden war mein Rekord, mit Autos waren wir immer versorgt.

Es kamen auch noch weitere Delikte dazu wie Einbruch in Geschäfte und leer stehende Häuser in den besseren Vierteln von Köln. Alles wurde zu Geld gemacht, was nicht niet- und nagelfest war. Die Tage verbrachten wir in Restaurationen wie der Rolltreppe am Rudolfplatz und Nachts waren wir in den ersten Discotheken der Stadt unterwegs. Unsere ‘Freundinnen’ gabelten wir in der Moni-Bar am Ring auf, denn dort war es am leichtesten, Mädchen ‘abzustauben’. Um wach zu bleiben, gab es die ersten Aufputschpillen, Captagon – man war manchmal bis zu 48 Stunden hellwach und fühlte sich wie Herkules. In manchen Situationen waren wir die Könige von Köln, in anderen bekamen wir auch schon mal die Hucke voll. Aber so einfach ‘zu leben’ hält halt niemals besonders lange an, denn wir waren auch dämlich.

Eines Tages wurde ich schlafend in einem geklauten Auto geschnappt und kam sofort in Untersuchungshaft in Klingelpütz, das berüchtigte Kölner Gefängnis mitten in der Stadt. Ein alter und versiffter Kasten mit einer schlimmen Vergangenheit während der Nazizeit, denn dort wurde alle Todesurteile in dieser Zeit durch das Fallbeil, die berühmte Guillotine, vollstreckt. Außerdem gab es zu dieser Zeit genügend kriminelle Prominenz, welche dort gerade einsaß und von denen haben so einige von uns ziemlich viel vom kriminellen Handwerk ‘gelernt’, aber man lernte auch ziemlich eindringlich, in solch einer Gemeinschaft zu überleben und sich zu behaupten. Natürlich musste man auch immer auf der Hut sein, denn Kaffeekränzchen waren nicht angesagt in den Zellen, besonders nicht in den größeren Gemeinschaftszellen mit 4 oder noch mehr Mann. Genau dort im Knast haben wir auch 1966 die Mondlandung über ein Transistorradio ‘miterlebt’. Kurze Zeit später wurde ich wohl entlassen, aber ‘geheilt’ war ich noch lange nicht.

Fortsetzung folgt …

Über den Autor

AlterKnacker

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Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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