Von dem man nicht spricht – Die Neuauflage

Ich heiße nicht Sven Hannawald oder Sebastian Deisler und schon gar nicht Robert Enke und was diese Herren mit ihren Erfolgen im Beruf in die Depression getrieben hat, kann ich nicht beurteilen. Auch ist die Psyche eines jeden einzelnen Menschen individuell gestrickt.

Depression | 02.11.2010 12:30 | Maxi Leinkauf

Aus dem Schatten

Wie hat sich ein Jahr nach dem Selbstmord von Robert Enke der Umgang mit der Krankheit verändert? Drei Männer berichten, wie sie im Alltag mit dem Leiden umgehen

Die ersten Takte von LeAnn Rimes Song „The Rose“ erklingen, als die Fußballspieler den schlichten Sarg aus dem Stadion tragen. 40.000 Menschen schauen auf den Rängen schweigend zu, Fernsehkameras übertragen live. Die öffentliche Trauerfeier für Robert Enke wird eine der größten in der Bundesrepublik. Der Torwart von Hannover 96 hatte sich am 10. November 2009 vor einen Zug geworfen. Er war 32 Jahre alt.

Einen schwarzäugigen Hund nannte Winston Churchill seine Erkrankung.

Die Definition psychologischer und soziologischer Begriffe wird zunehmend Ansichtssache. Großzügige Auslegungen bringen mehr Geld. Einen Tag nach dem Selbstmord trat die Witwe Teresa Enke in Schwarz gekleidet vor die Presse. Sie redete von depressiven Schüben, der Angst zu versagen und gab der Krankheit, die ihr Mann geheim halten wollte, einen Namen: Depression. „Es ist ein großer Begriff, aber es geht mir auch um Enttabuisierung“, begründete sie ihren Schritt. Sie gründete eine Stiftung, die Depressiven helfen soll, „damit sich keiner mehr schämen muss.“ Ein paar Wochen berichteten die Medien ausführlich, Männer klagten öffentlich über Burnout und Lustlosigkeit. Ein flüchtiger Hype? Oder hat sich tatsächlich etwas verändert? Gehen wir mittlerweile offener mit Menschen um, die mit Depressionen kämpfen? Hier weiterlesen

Ich persönlich leide seit gut 50 Jahren an Depressionen, wahrscheinlich schon länger, nur ist das natürlich kein Dauerzustand. Wer meinen Lebenslauf liest, stolpert schon im Kindesalter über ständiges Versagen, aber ich persönlich hatte noch nie in meinem Leben Suizidgedanken, auch wenn es mir noch so schlecht ging, denn ich bin viel zu neugierig.

Am kommenden Sonntag werde ich 63, also auch ein Alter, in dem viele sich Gedanken über das absolute Ende machen. Ich würde und werde mich eher ärgern, denn ich werde so viel versäumen, wenn es ‘vorbei’ ist.

Schon mein Start in dieses Leben war nicht gerade von der Sonne beschienen, der November 1947 muss schon ekelhaft kalt gewesen sein, denn der folgende Winter war es ganz sicher. Meine Großeltern, meine Mutter und ihre Schwester lebten zu dieser Zeit ausgebombt in einer kleinen Wohnung in Wiesbaden. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit bei den Amerikanern als Telefonistin in Mainz, da sie perfekt englisch sprach. Für diese Familie war ich selbst die negative Erfahrung, die zu dieser Zeit einige Familien in der Besatzungszeit machen mussten, denn die Besatzer waren wohl an Sex interessiert, aber nicht an der darauf folgenden Verantwortung. Auch kann ich mir vorstellen, dass meine Mutter wahrscheinlich die Hoffnung hegte, aus diesem Trümmerfeld Deutschland schnell raus zu kommen, was sich aber für sie nicht erfüllte.

In diesen jungen Jahren war meine Mutter ein ‘heißer Feger’, kein Kind von Traurigkeit und mit einem knallharten Charakter gesegnet, denn sie fand einen Mann, der sie mit Kind sogar heiratete. Durch diesen Mann bekam ich einen Namen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass ich von diesen Dingen bis zu meinem 20. Lebensjahr nichts wusste. Aber das kommt noch zu Sprache.

Da meine Mutter und ihr Mann jetzt in Mainz wohnten und ich in dieser besonders schlechten Zeit ständig zwischen Großeltern und ‘Eltern’, zwischen Wiesbaden und Mainz, wechselte, war ich auch ständig hin- und hergerissen zwischen Verwöhnt werden und knallharter häuslicher Realität. Diese drei prägenden Jahre haben meine ersten 16 Lebensjahre dann auch bestimmt, denn als mein erster Bruder 1950 auf die Welt kam, war ich ständig zwischen den beiden Städten am wechseln, denn oft genug war ich einfach lästig. Da ich auch noch Bettnässer war und sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern dieses ‘Problem’ nicht in den Griff bekamen, war es schon ein ziemliche Hölle für mich.

Nur ein Beispiel: Bei meinen Großeltern bekam ich zu Essen, was ich wollte und was mir schmeckte, ich hatte eigentlich immer die freie Auswahl. Bei meinen Eltern wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Irgendwann eines Tages sollte ich etwas Essen, was mir absolut nicht schmeckte, nach der ersten Aufforderung durch meinen ‘Vater’ kotzte ich alles auf den Teller zurück. Dass brachte mir nicht nur Prügel ein, ich war damals 4 oder 5 Jahre, sondern es wurde so lange am Tisch gesessen, bis ich dieses Erbrochene aufgegessen hatte. Tolle Erziehung.

Prügel gab es bei uns zuhause viel, schon für die geringsten Kleinigkeiten. Leider weiß ich von meinem ‘Vater’, seiner Erziehung und seinen Vorfahren überhaupt nichts, um irgendwelche Schlüsse ziehen zu können. Aber um sich zu einem Arschloch zu entwickeln, braucht es oft nicht viel und mit Intelligenz hat es auch nichts zu tun, denn er war ziemlich intelligent.

1952 und 1954 kamen noch Geschwister von mir zur Welt, sodass diese Familie inzwischen 6 Personen zählte mit einem mickrigen Gehalt durch meinen ‘Vater’. Im April 1954 kam ich dann in die Schule und ich war immer noch Bettnässer. Meine Großeltern und meine Eltern haben alles Mögliche versucht, mich davon zu ‘befreien’, nichts half, auch keine medizinischen Maßnahmen wie die Mandeln rausnehmen oder die Beschneidung. Sogar abendlicher Getränkeentzug half nicht. Was für meine Mutter aber am schlimmsten war, zu dieser Zeit gab es keine Waschmaschine, um die Bettwäsche ständig zu waschen. Heute kann ich diesen Frust schon in gewissem Maße verstehen, aber nicht akzeptieren.

Ein Einschneidendes Erlebnis hatte ich im September 1954. Meine Mutter und mein ‘Vater’ hatten sich fürchterlich gestritten und plötzlich packte mich meine Mutter, zog mich an, packte ein paar Sachen ein und verließ mit mir die Wohnung, meinen ‘Vater’ mit den drei anderen Kindern zurücklassend. Zuerst liefen wir ziemlich ziellos durch die Stadt, dann fragte mich meine Mutter, ob ich Hunger und Durst hätte und wir gingen in ein Lokal. Danach kam der erste Höhepunkt in meinem Leben, wir gingen in ein Kino. Mein erster Film im Leben war “Meuterei am Schlangenfluss” und um mich persönlich war es geschehen. Eineinhalb Stunden aus dieser Welt aussteigen haben den Rest meines Lebens geprägt. Ab diesem Zeitpunkt war ich Kinosüchtig und ich habe gelogen und betrogen, habe gearbeitet und gebettelt, nur damit ich ins Kino gehen konnte.

*** Wird fortgesetzt ***

Gerade läuft in der Glotze “Pat Garrett and Billy the Kid” von Sam Peckinpah und vor einer Stunde war ich mit dem Hund draußen mit einer ‘unheimlichen’ Begegnung konfrontiert. Drei Typen rasten entgegen der Fahrtrichtung zum Parkplatz Finanzamt, den Platz, den ich gerade überquerte. Sie bremsten scharf ab, dann die Typen aus dem Wagen und sie schrien hinter mir her, ich sollte rüberkommen, sie würden mich gerne umbringen. Sie selbst bewegten sich aber keinen Millimeter von ihrem Fahrzeug weg, da mein Hund frei lief, ein Dobermann. Natürlich hab ich Schiss gehabt, denn in meinem derzeitigen körperlichen Zustand ist es nicht mehr angesagt, sich als dämlicher Held aufzuspielen. Das ist auch so ein Grund für Depressionen, wenn man wehrlos wird. Andererseits hatte ich aber auch die Hundeleine dabei mit einer wunderbaren Stahlschließe, damit hätte ich schon versucht mich zu verteidigen, wenn es ernst geworden wäre. In Zukunft werde ich auch wieder verstärkt die Stahl-Handleine mitnehmen, denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und ich habe vor, noch lange und relativ gesund zu leben.

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Wenn man über Depressionen spricht, haben viele die Vorstellung, dass man dann den ganzen Tag trübsinnig und wehleidig rumläuft. Eine Depression ist aber kein konstanter Zustand.

Im April 1954 kam ich in die Schule. Am ersten Schultag wurde ich von meiner Mutter hin gebracht, den Rückweg musste ich schon alleine gehen. Zu dieser Zeit ging ich auch schon alleine einkaufen, alle kleinen Geschäfte waren in einem Umkreis von einem Kilometer und der Verkehr war zu dieser Zeit noch ziemlich überschaubar. Wir wohnten zu dieser Zeit mitten in der Stadt in der Kaiserstraße, nur 5 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Unser Spielplatz war der Mittelgrünstreifen in dieser Straße, der auch heute noch existiert, da diese Straße eigentlich wie eine Allee angelegt ist, dass südliche Ende wird vom ziemlich großen Verwaltungsgebäude der Bundesbahn begrenzt, das Nördliche nahe des Rheins von der Christuskirche, einem Bau mit einer sehr großen Kuppel. Für ein Kind waren dies damals schon sehr beeindruckende Gebäude, da die restliche Umgebung doch noch mit ziemlich vielen Trümmergrundstücken übersät war.

Die Schule war mir im Großen und Ganzen ein Gräuel, denn ich wurde relativ schnell zu einer Art Prügelknaben, als die anderen Kinder heraus fanden, dass ich Bettnässer war. Dadurch wurde ich dann schnell zum Einzelgänger, was ich dadurch kompensierte, dass ich sehr schnell lesen lernte, denn durch Lesen, fand ich heraus, konnte ich der tristen Realität sehr gut entfliehen. Und ich las alles, was mir in die Hände kam. Oft verstand ich noch gar nicht, was ich da so las, aber es störte mich nicht. Am liebsten waren mir natürlich die kleinen Bildheftchen wie Sigurd und Akim aus dem gleichen Verlag. Abenteuer und was man heute Action nennt, waren meine liebste Lektüre. Ich fand dann auch schnell heraus, dass ich diese Heftchen oft vor der Schule im nahen Zeitschriftengeschäft kostenlos lesen konnte, wenn genug Kundschaft im Laden war, denn Geld hatte ich ja keins. Manchmal brauchte ich mehrere Tage, um solch ein dünnes Heftchen komplett lesen zu können, denn oft genug wurde ich erwischt und davon gejagt. Einige hab ich dann auch geklaut, aber ich konnte sie nie nach Hause mitnehmen und musste sie immer vorher verstecken, was natürlich sehr leicht für mich war, denn einige der Trümmergrundstücke in unserer Umgebung waren sozusagen mein zweites Zuhause.

Wenn es in der Schule mit den anderen Kindern mal wieder besonders schlimm war, dann ging ich nach der Schule einfach nicht nach Hause, sondern trieb mich in der Stadt rum, in den damaligen Kaufhäusern Woolworth und Kaufhof. Dort waren die Spielsachen, von denen ich träumte, die Indianer und Cowboys, die Ritter und Burgen. Ich konnte manchmal stundenlang davor stehen, drum herum gehen und träumen, nur irgendwann schlossen diese Geschäfte nun mal und die Realität hatte mich wieder. Jetzt erwartete mich zuhause die Prügel. Also konnte ich auch gleich nicht nach Hause gehen und meist schlief ich dann in irgend einem Trümmergrundstück. Am nächsten Tag ging ich dann treu und brav in die Schule, die natürlich von meinen Eltern schon informiert war und bei Schulschluss wurde ich dann meist von einem Lehrer nach Hause gebracht. Die Prügel kam dann am Abend, wenn mein ‘Vater’ von der Arbeit nach Hause kam.

Manchmal kam ich auch auf den Einfall, zu meinen Großeltern zu müssen, die ja in Wiesbaden weiterhin wohnten. Nur habe ich es nie zu ihnen geschafft, ich wurde jedes mal unterwegs von der Polizei aufgegriffen, meist in Mainz-Kastell, wenn ich gerade über der Rheinbrücke war. Das ganze ging so zwei Jahre, bis meine Eltern einfach nicht mehr mit mir klar kamen. Sie schoben mich in ein Kinderheim nach Büdingen in Hessen ab, nicht ohne mich vorher noch in der Kinderpsychiatrie der Uni-Klinik in Mainz auf meinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Bei dieser Untersuchung wurde auch eine Lumbalpunktion durchgeführt, die ich nie wieder vergessen habe, da der Arzt zweimal daneben stach. Die Schmerzen waren unbeschreiblich.

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Es ist schon sehr merkwürdig mit der Angst, mir ist sie ständiger Begleiter geworden, oft als Hemmnis, aber auch an manchen Tagen als Antreiber und auch schon mal als Freund.

Als sich meine ‘Eltern’ entschlossen, mich in ein Heim zugeben, mag ihnen diese Möglichkeit wie ein Segen vorgekommen sein. Dazu muss man wissen, wie diese ‘Familie’ eigentlich gelebt hat im Nachkriegs-Mainz.

Hier mal ein ungefährer Grundriss, rein perspektivisch ist er echt Scheiße, aber wenn ich gut zeichnen könnte, dann wäre ich bildender Künstler geworden.

Grundriss

Dieses Haus in der Kaiserstraße 18 existiert noch, aber wie es inzwischen innen ausschaut, kann ich nicht sagen, ich war seit 1961, als wir auszogen, nicht mehr im Haus.

Dieses Haus hatte 4 Stockwerke mit 124 Treppenstufen bis zum Dachgeschoß, wo wir wohnten. Allein, wenn ich in jungen Jahren Kohlen oder Kartoffeln aus dem Keller holen musste, war dass eine Tortur sonders gleichen. Obwohl wir im Innenhof einen handbetriebenen Lastenaufzug hatten, so war der zum Beispiel im Winter nicht zu benutzen. Aber auch schon allein drei mal das Haus täglich verlassen und zurückkehren war an jedem Tag eine Herausforderung der besonderen Art.

Gelebt haben wir hauptsächlich natürlich in der Wohnküche mit kaltem Wasser, einem großen Kohleherd sowie einem Gasherd. Küchenschrank, Tisch mit Eckbank sowie drei Stühle vervollständigten das Mobiliar.

Die beiden Dachbodenräume hat mein ‘Vater’ in Eigenleistung zuerst einmal mit Mauern abgegrenzt, damit wir Kinder (1954 waren wir dann 4) zum einen Schlafgelegenheiten hatten, zum anderen so etwas wie Spielfläche. Die Toilette war ein eigener großer Raum mit einem schmalen langen Flur und dem eigentlichen Toilettenraum, den mein ‘Vater’ dann so mit einem Holzverschlag abteilte, sodass noch genug Platz für einen Tisch und ein Bett war, wohin ich dann ausquartiert wurde wegen meiner Bettnässerei. Meine 3 Geschwister hatten den Dachbodenraum, da sie ja noch ziemlich klein waren.

Eine der härtesten Schikanen gegen mein Bettnässen war, mir abends das Trinken zu verbieten und so war ich irgendwann gezwungen, Wasser aus der Toilette zu trinken, wenn ich Durst hatte. Dass diese Toilette immer der sauberste Ort in ganz Mainz war, kann sich wohl jeder vorstellen.

Aber kommen wir jetzt zu meinem Kinderheim-Aufenthalt zuerst in Büdingen, dann nach einem Jahr durch Umzug in Butzbach. Über Büdingen gibt es nicht viel zu berichten, da dort alles relativ harmonisch ablief und meine einzige starke Erinnerung die Worschtsupp war, die einmal in 14 Tagen auf dem Speiseplan stand und ich in dieser Zeit diese Suppe mit einem Leiterwagen beim Metzger abholen durfte. Dabei ergatterte ich auch immer das ein und andere Stück Wurst, dass ich nicht teilen musste.

Warum wir dann 1957 nach Butzbach umziehen mussten, hab sich mir niemals erschlossen, aber ich habe auch niemals gefragt, weil es mir eigentlich egal war. Wichtig war für mich, ich wurde nicht ständig schikaniert und geschlagen. Während der 2 Jahre im Kinderheim bin ich übrigens niemals von dort abgehauen. Es gab keinen Grund.

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Der Umzug nach Butzbach brachte erhebliche Veränderungen in mein bisheriges Leben. Dieses Heim, die Villa Waldfrieden, lag außerhalb der Stadt damals, wir Kinder hatten zur Schule einen Fußweg von ca. 2 km, der mir gerade am Anfang oft viel zu kurz vorkam, denn ich hatte so einiges in der Schule durch meine Mitschüler ‘auszuhalten’. Bis zu einem besonderen Tag.

Ich wurde wieder einmal über den Schulhof ‘getrieben’ und war auch mal wieder am Heulen, als sich einer der größeren Mitschüler meiner erbarmte und mich zuerst mal aus den Klauen der ‘Meute’ befreite. Dann erklärte er mir, wie ich mich wehren sollte. Nach seinem Tipp sollte ich schreiend hochspringen und dabei zuschlagen, am besten beim Stärksten der Quälgeister. Da gerade die erste Pause zu Ende war, konnte ich es erst mal nicht ausprobieren, aber in den 2 Schulstunden bis zur nächsten Pause hatte ich nur noch einen Gedanken im Kopf: “Diesmal ziehst du es durch, wenn sie wieder anfangen”.

Die nächste Pause kam, die ‘Jagd’ sollte auf mich weiter gehen, aber dann kam meine ‘Überraschung’ beim stärksten Quälgeist zum tragen. Dieses blaue Auge hat der garantiert nie mehr vergessen und ab diesem Zeitpunkt wurde ich in Ruhe gelassen. Die Strafe durch den Rektor, 3 x 2 Stunden Nachsitzen, habe ich quasi lachend ‘abgesessen’.

Das Kinderheim bzw. das Haus lag auf einem ziemlich großen Grundstück, das als Park angelegt war, sogar mit einem Schwimmbecken, dass wir Kinder im Sommer natürlich ausgiebig nutzten. Auch sonst war fast nur Natur um uns herum, herrliche Voraussetzungen für Abenteuerspiele.

Irgendwann fuhren eines Tages US-Armee-Laster vor, vollgepackt mit Kisten, gefüllt mit Kleidung und Armee-Verpflegung für uns Kinder. Beim dritten Besuch der Soldaten brachte mich einer dieser Männer in den Keller und fing an, an mir rumzufummeln. Ich war 9 Jahre alt. Auch holte er seinen Schwanz aus der Hose, den ich in die Hand nehmen musste. Was war ich froh, als wir dann plötzlich gestört wurden durch eine der Schwestern, die aber nichts gemerkt hatte. Ich konnte sowieso keine Ton rausbringen, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Dafür schenkte der Typ mir dann eine nagelneue Badehose und eine rote Holzfällerjacke. Bis vor ein paar Jahren habe ich vorher nie über diesen Vorfall gesprochen.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich Männer nie mehr nahe an mich heran gelassen und als es in meiner Jugendzeit später einige Schwule versucht haben, mich anzutatschen, gab es gehörigen Ärger und eingeschlagen Zähne.

Zu diesem Zeitpunkt trat auch das Fernsehen in mein Leben. Ein Klassenkamerad wohnte relativ in unserer Nähe und dessen Eltern hatten ein neues Gerät und so konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit der Glotze Bekanntschaft machen. Die ersten Filme, die ich dort sah, waren Fury und Corky und der Zirkus und ich war hin und weg. Ab diesem Zeitpunkt wäre ich am liebsten nicht mehr von der Kiste aufgestanden, doch ich musste mich regelrecht durch die Woche quälen bis zum nächsten Besuch bei meinem Klassenkameraden.

Meinen zweiten Film im Kino in meinem bisherigen Leben sah ich dann in Butzbach, indem ich einige Wochen um das einzige Kino schlich und mir die Schaukastenbilder und die Plakate mindestens 1000 mal angeschaut habe, bis ich dem Kinobesitzer auffiel. Eigentlich wollte er mich schon wegjagen, aber da hatte ich die Idee, nachmittags das Kino auszufegen, wenn ich mir dann einen Film anschauen wollte, der auch für mich freigegeben war. Der Besitzer handelte mich auf drei mal Fegen hoch, aber dass war mir egal, ich konnte danach kostenlos ins Kino, so dachte ich damals. Heute weiß ich, was ein guter Deal ist. Was Filme angeht, so war ich unersättlich und im Jahre 1962 hatte ich schon ungefähr 300 Filme gesehen.

Eines Tages, im Mai 1958, wurde ich wieder zu meinen ‘Eltern’ nach Mainz gebracht, damit war das Kapitel Kinderheim für mich abgeschlossen.

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Mit Erinnerungen ist das so eine Sache, besonders wenn man sie aufschreiben will und ordnen muss. Immer wieder kommt es vor, dass uns das Gehirn versucht, einen Streich zu spielen. Wie gerne würde ich einfach alles kontinuierlich runter schreiben, aber davor haben mir die Götter die Grenzen meiner Fähigkeiten gesetzt. Allein mein ‘Adlersuchsystem’ beim Tippen ist so eine Grenze.

Als ich im Mai 1958 wieder in Mainz ankam, hatte sich rein familiär einiges verändert. Zuerst einmal musste ich mich mit der Tatsache abfinden, dass ich das schwarze Schaf der Familie war. Mein ‘Vater’ hatte sich 1956 freiwillig zur Bundeswehr gemeldet und war nun Berufssoldat. Da ich durch meinen Großvater schon wusste, was mit Soldaten alles passieren kann, war diese Aussicht nicht gerade sehr beglückend für mich. Ich war und bin noch nie ein guter Befehlsempfänger gewesen, der Befehlston widerstrebt mir einfach.

Kurz nach meiner Ankunft zuhause musste mein ‘Vater’ für einige Monate zu einem Lehrgang nach Sonthofen im Allgäu. Zuerst war ich natürlich erleichtert, aber auch nur für kurze Zeit. Meine Mutter war mit uns vier Kindern sehr schnell überlastet und ließ das dann an uns aus mit rumschreien und auch prügeln. Da ich der Älteste war, wurden mir immer mehr Haushaltsaufgaben übertragen, so dass ich immer weniger Zeit zum spielen hatte. Mein Widerstand war also vorprogrammiert.

Ich wechselte von der Volksschule auf die Mittelschule. Zuerst lief alles ganz normal, nur kam als Fremdsprache englisch dazu. Meine Mutter sprach perfekt englisch und ich hatte die Vorstellung, dass sie mir wenigsten ab und an helfen könnte. Doch da hatte ich mich schwer getäuscht, sie weigerte ich regelrecht, zu helfen. Sehr schnell war mir das Lernen verleidet, ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich verzog mich wieder in mich selbst zurück, ich schwänzte immer wieder die Schule, ich legte mich sogar mit den Lehrern an, bis ich nach einem halben Jahr von der Mittelschule flog.

Meine Anarchie wurde durch meine Familie geradezu zementiert. Zuneigung und Zuwendung fand ich allein in Büchern und dann natürlich in meinen Träumen. Jedes Weglaufen, nicht nach Hause kommen, jeder Diebstahl, jede Lüge forderten Aufmerksamkeit. Die bekam ich dann in Form von Prügel mit einer neunschwänzigen Katze und durch die unglaublichen Schmerzen ein Gefühl von Existenz, denn ich wollte ja leben. Ich war einfach neugierig darauf, wie es ist, auch ohne diese Sanktionen zu leben.

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Über den Autor

AlterKnacker

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Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.