„Wenn’s notwendig ist, nicht zu leben, um zu leben – wozu dann überhaupt?“

„Wenn’s notwendig ist, nicht zu leben, um zu leben – wozu dann überhaupt?“

Es gab zu Zeiten des Gulag auch bei den Gerichten in Russland vorgedruckte Urteile. In diese wurde nur noch der Name des Verurteilten eingetragen. Vermutlich war es bei den Sondergerichten – gerade bei jenen, die Leute zum Lager und zur Zwangsarbeit verdonnerten – genauso. Und ebenso wie heute war Kritik verboten, weil als Verleumdung gebrandmarkt. Da fragt man sich schon, wo Kanzlerin Merkel und ihre Truppe überall abgekupfert haben, als sie beschlossen, den Hartz IV Gesetzen des Herrn Schröder noch einen Trumpf obenauf zu setzen, und alles noch krasser zu handhaben.

Aber, wir finden das alles ja in Ordnung, denn gegen den Schlendrian und die Faulheit muss allgemein vorgegangen werden. Es ist auch eine alte Geschichte bei jenen Demokratien, die sich nur so nennen, dass die Gefängnisse übervoll werden, wenn die Arbeitsstrafen weg fallen. Wie soll man auch sonst die Leute auf Linie bringen? Und, wie in Russland damals, braucht es zum Teil auch keine Gerichte mehr, irgendeine Institution reicht aus. Die Jobcenter mit ihren Sanktionen sind genauso angelegt: Auf Vordrucken wird nur noch der Name dessen eingetragen, der zu sanktionieren ist.

Auch bei uns wird sanktioniert, was das geduldige Papier der Jobcenter aushält, und das ist leider viel. Die Zahl derer, die auf Null sanktioniert wurden und werden, ufert geradezu aus.
Besserung durch Arbeit – das hat Tradition – und wenn das versagt, dann eben hungern lassen bis zum Verrecken, wenn es sein muss.
Du willst Freiheit – Mensch? Die kannst Du haben…!
Schliesslich kann man die Regierenden, die Verwaltungsfachleute, und alles andere was dazu gehört, nicht einfach so arbeiten lassen, als ob da nur Menschlichkeit – und ökonomisch gesehen – also nichts wäre.

Schliesslich hatten wir ja Erfahrungen gesammelt, indem wir unsere Jugendlichen die voll krass kriminell waren, ins tiefste Sibirien entsorgten. Nein, es war nicht der Einzelfall aus Hessen, über den 2008 etwas berichtet wurde – es waren damals schon 600 Jugendliche. Wer kümmert sich schon darum? Unsere rechtschaffenen Leute halten das noch für Streicheleinheiten, oder plädieren dafür, diese jungen Leute für immer dort zu belassen.
Wenn es also “Erlebnispädagogik” darstellt, Jugendliche zur Besserung nach Sibirien zu schicken, was ist dann der Umgang der Hartz-Behörden mit ihren Kunden? Abenteuer-Alltag?

Abenteuer-Alltag mit dem Jobcenter bedeutet wegen einer Bagatelle um das Überleben ringen zu müssen, denn mit der Unterschrift unter einen der Vordrucke wird oft die Todesstrafe verhängt: Sanktion auf Null, und das bedeutet den Verlust alles dessen, was bisher das Leben aufrecht erhielt. Keine Arbeit – kein Geld – keine Wohnung mehr in Folge, keine Krankenversicherung, und nichts zu essen. Termin versäumt, weil der Wisch vom Jobcenter reichlich spät mit der Post eintraf. Irgendeine der beizubringenden Unterlagen vergessen, oder falsch ausgesucht. Aufgemuckt gegen die Massnahmen des Jobcenters, womöglich allen Ernstes eine Arbeit verlangt mit anständigem Lohn? Wie kann man nur, wo doch jeder fast weiss, dass es das kaum noch gibt – und schon gar nicht vom Jobcenter.

Auch Leute, die Arbeit haben, die Aufstocker sind, weil sie für gedeckelten Lohn arbeiten müssen, sind davor nicht gefeit. Das Perfide dabei ist, dass sie weiter arbeiten müssen, wenn ihnen das Geld entzogen wurde – egal, wie sie es anstellen. Frisst auch sonst schon der Hunger in den Gedärmen, – kommt es auch sonst hin und wieder zum Umkippen, weil das Geld auch mit der Hilfe vom Jobcenter nicht reicht, so ist mit der Sanktion das blankgezogene Hungern gemeint. Immerhin hat der Aufstocker eine kleine Chance mehr – für eine Weile. Etwas wird er aber verlieren – zumeist ist es dann die Wohnung. Und, wenn hinterher die Schulden aufgearbeitet werden müssen, dann kommt spätestens das Hungern eben doch noch.

Solches Dasein macht fertig, und darum fehlt auch irgendwann die Kraft um aufzubegehren. Das Geld fehlt sowieso dauernd, ausreichende Nahrung auch. Kraft bleibt da keine mehr übrig für das Aufmucken im umfangreichen Stil, wie es wünschenswert wäre.

Wider den Stachel des Staates löcken mit ausgedörrtem Mund gelingt nicht mehr so einfach.
Sich vernetzen? Spenden sammeln? Sich organisieren? Mit wem? Mit den anderen armen Schluckern? Das Einzige was da noch üppig durch die Adern fliesst, so lange noch Leben vorhanden ist, das sind die Schockwellen der blanken Verzweiflung.
Solschenizyn schrieb die wunderbar treffende Frage dazu:
„Wenn’s notwendig ist, nicht zu leben, um zu leben – wozu dann übrhaupt?“