Arbeit ist doof

Also sind Menschen, die in der Politik arbeiten, auch doof. Oder wie soll man sonst solche Aussagen verstehen, welche von einer bayerischen Politikerin gemacht werden?

Als ich am 2. März 1954 knapp sechseinhalb Jahre alt war, begann für mich die Zeit der Arbeit, denn meine Schwester kam an diesem Tag auf die Welt und schon eine Woche nach dem Ereignis musste ich zum ersten Mal das Wickeln übernehmen. Befreit war ich quasi nur davon, wenn ich in der Schule war, meine Hausaufgaben machen musste oder aber sonst nicht im Haus war, weil mal gerade wieder beim Einkaufen von Lebensmittel für den täglichen Gebrauch. Und es war ja auch nicht die einzige Arbeit, welche ich zuhause verrichten musste. Putz- und Aufräumarbeiten kamen in schöner Regelmäßigkeit dazu zu Zeiten, an denen andere Kinder spielen konnten. Kochen kam mit der Zeit auch noch hinzu. Ich war ja nur der Älteste unter vier Kindern und wurde dadurch ganz selbstverständlich für diese Arbeiten eingeplant.

Oh … natürlich war dies alles zu einer ganz anderen Zeit, nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, und auch das Denken und Handeln der sogenannten Eltern und Erwachsenen war noch völlig anders als heutzutage, aber Arbeit ist auch für Kinder nun mal Arbeit und ein echtes Verstehen im eigenen Gehirn des Kindes war einfach noch nicht möglich. Man empfindet alles, was die Eltern so ‘anordnen’, als selbstverständlich und man hatte ja auch sofort, wenn man sich denn mal dagegen auflehnen wollte, mit ziemlich strengen ‘Sanktionen’ meist in Form einer Tracht Prügel zu rechnen. Dass in bestimmten Situationen aber doch das Gefühl von Unrecht dabei aufkommt, muss ich wohl nicht extra betonen. Heute wissen wir ja alles etwas besser, zumal wir alle ja auch über die Jahre, wenn wir denn nicht ganz blöd waren, so das Eine oder Andere dazu gelernt haben.

Das auf der ganzen Welt, besonders in armen Regionen, Kinder so zum Einkommen der Familie beitragen müssen, weiß ich heute sehr wohl, zur damaligen Zeit wurde nicht einmal daran gedacht, denn fast jede Familie in Deutschland war in dieser Zeit damit beschäftigt, sich ein eigenes Nest zu bauen und einen gewissen Wohlstand zu erringen. Heute kann ich dies alles verstehen, akzeptieren kann ich es trotzdem nicht, zumal ja auch keinerlei echte ‘Bestätigung’ für diese Leistungen zu erwarten waren. Alles war einfach selbstverständlich, auch dass man nur wenig Lob bekam und von Belohnung auch nur träumen konnte. Ein Leben, wie es einem Kind heute ganz selbstverständlich erscheint, war einfach nicht gegeben.

Dass meine Eltern nicht mit der Perfektion ‘gesegnet’ waren, welche man bei intelligenten Menschen, die beide unzweifelhaft waren, erwarten kann, mag auch an der vergangenen Epoche des National-Sozialismus liegen, aber dieses Trauma war immerhin vorüber und meine Großeltern mütterlicherseits waren trotz dieser gemachten Erfahrungen überhaupt keine Unmenschen, wodurch ich es auch bis heute nicht verstehe, wie meine eigene Mutter uns Kinder immer wieder in die Arbeit trieb, welche sie so sehr selbst verachtete. Wir als Kinder haben diese Art der Disziplin wohl auf die harte Art ‘gelernt’, aber wir haben sie auch gehasst, wofür es in unserem Verhalten zu permanenten Defiziten kam, besonders bei mir selbst, die auch bis heute bei mir selbst nicht überwunden sind. Und was Faulheit angeht, so bin ich fast ein Abbild meiner Mutter, auch wenn ich dies dann nach meiner eigenen Volljährigkeit in neue Bahnen lenkte und mir eine Disziplin aneignete, welche selbst die meiner Geschwister annähernd übertraf.

Aber selbst heute noch gibt es Perioden, da führt mich meine Faulheit, welche ja auch zur Regeneration wichtig ist, in Bahnen, welche von Außenstehenden einfach nicht verstanden werden. Als besonderes Beispiel möchte ich hier einmal mein eigenes Burn-Out anführen, welches sich bei mir aber erst bemerkbar machte, als ich schon mehr als drei Jahre nach meinem letzten offiziellen Arbeitseinsatz ganz unerwartet immer mehr und längere Müdigkeitsphasen durch machte und erst mal völlig ‘in den Seilen’ hing. Nur, als ich bemerkte, dass mein Hund auch darunter leiden musste, kam meine Disziplin wieder zum Vorschein und ich kam wieder auf die Beine. Wenigstens Cira sollte nicht unter mir leiden. Dafür litten aber andere Dinge, wie zum Beispiel meine Sauberkeit. Es war mir echt scheißegal, wie es in der Wohnung aussah. Auch verließ ich das Haus, außer mit Cira, noch viel weniger. Ich verbrachte manchmal mehrere Stunden tagsüber im Bett, vernachlässigte sogar meine Kommunikation über den Computer, nahm auch keine Telefonate mehr an und noch so einige Dinge, welche an sich manchmal schon wichtig waren … nur mir persönlich waren sie auf einmal nicht mehr wichtig.

Dass einzige, was aber nicht eintrat, war, dass ich des Lebens überdrüssig wurde. Lebenswille ist bei mir besonders stark ausgeprägt.

Erst nach knapp einem Jahr fing ich wieder an, an die Zukunft zu denken und ich fing dann nach zuerst einigen missglückten Anläufen an, zu schreiben. Bei Blog.de war ich ja schon länger , hatte auch schon einige Dinge von mir persönlich zum Besten gegeben, aber es dann doch über längere Zeit auch schleifen lassen. Es war dann ein Entwicklungsprozess, den ich aber erst erkannte, als meine Beiträge mehr und mehr gelesen wurden und ich daraus dann auch die Kraft schöpfte, immer mehr meine Gedanken zu veröffentlichen. Dennoch dauerte es bis zum FIWUS noch zirka zwei Jahre, in denen ich auch so manche Scheiße gegenüber anderen Menschen quasi beging, indem ich sie vor den Kopf stieß. Aber dieser Bewusstseinsprozess lehrte mich auch, mein Verhalten und Denken in ganz bestimmten Situationen zu revidieren.

Inzwischen ist Leben für mich das Wichtigste überhaupt am Leben selbst. Nur halt nicht mehr einfach planlos. Der FIWUS braucht halt immer Futter. Ich fand auch Mit-SchreiberInnen und dadurch auch Gegenpole zu mir selbst.

Jeder neue Artikel oder Beitrag oder wie man auch sonst das Absondern von Worten und Sätzen nennt, ist eine Herausforderung, der ich mich stellen muss und auch will, denn alles dies wird irgendwann auch eine Art Nachlass sein und von anderen Menschen gelesen werden und vielleicht können die ja auch was damit anfangen. Allein dafür lohnt es sich für mich, zu schreiben. Ich werde niemals zu Lebzeiten eine sogenannte Berühmtheit werden, aber dass ist auch nie so wichtig in meinem Leben gewesen. Ich wollte eigentlich immer nur eine gute Arbeit abliefern, wenn ich sie übernommen habe. Es gab auch Ablehnungen meinerseits, wenn ich nicht davon überzeugt war, was ich hätte übernehmen sollen oder können, aber die kann ich an zehn Fingern abzählen. Zu allem anderen, was ich so im laufe meines Lebens bisher getan habe und hatte, stehe ich, auch wenn nicht immer alles astrein war, aber ich kann mich im Spiegel anschauen und sagen: “Du warst schon so manches Mal ein Arschloch, aber Du wurdest niemals gewalttätig, auch wenn so manche Gedanken und auch Träume da ganz anders aussahen.” Allein auf diese Art Selbstkontrolle kann ich Stolz sein. Nur faule Kompromisse mache ich schon lange nicht mehr, denn diese tun mir mehr weh als jemals anderen.

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker
Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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