Ob das wohl in den FIWUS gehört?

Karl Jürgen Scheu, geb. am 24.03.1962, Beruf Koch – dass sind erst mal die Fakten.

Er stand in der Kälte, ich habe , ohne groß nachzudenken, geholfen und wurde verarscht. Wieder einmal.

Es begann am 10.11.2012. Am Abend des vorherigen Tages wurde ich von einem Bekannten gebeten, ob ich vielleicht wüsste, wie ein Mensch kurzfristig zu einem Dach über dem Kopf kommt. Für die damalige Nacht hatte er wohl noch einen Bleibe, also verabredeten wir uns für den nächsten Vormittag.

Ich hatte ihm schon bei der ersten Begegnung erläutert, unter welchen Umständen ich lebte (Obdachlosenasyl) und er war also darauf vorbereitet. Da Wochenende war, konnte ein offizieller Einzug durch eine Behörde also nicht gebilligt werden. Dies alles war quasi eine Nacht- und Nebelaktion gegenüber dem Sozialamt, aber ich konnte den Mann ja schlecht am Wochenende der Kälte überlassen, denn er hatte kein Geld mehr. Hier die ersten Tage, schon einmal beschrieben:

Der gute Mann kam auch, wie ich damals, aus Österreich, hatte sich mit seiner Freundin überworfen und kam zurück nach Deutschland, hierher nach Passau. Fünfzig Jahre alt und von Beruf Koch. Er will hier neu anfangen.

Da er mich rein menschlich irgendwie ‘ansprach’, ließ ich meine eigene Angst einfach gar nicht zu und schlug ihm vor, mit zu mir zu kommen. Zwei Tage bzw. Nächte würde ich es schon aushalten in den neun Quadratmetern, welche ich in der Danziger Straße bewohne, mit einem Mitbewohner. Es war eine rein menschliche Entscheidung, da die Nächte hier in Passau ja auch immerhin schon unter Null waren und sind. Trotz dieser reinen Bauchentscheidung war es aber auch eine Herausforderung.

Inzwischen ist ein dritter Tag hinzu gekommen. Gestern, am 12.11.2012 war wir zusammen zuerst in Stadt, um verschiedene Stellen anzulaufen, damit den sogenannten Behörden Genüge getan wurde, aber schon der Besuch bei der Caritas holte uns sehr brutal auf den Boden der Tatsachen zurück. Oh, zuerst war alles sehr sachlich und informell, aber schon das Gefühl bei uns beiden, welches wir später, nach dem Besuch feststellten, war rein menschlich mehr als ernüchternd. Es herrschte eine Gefrierschrankkälte bei der Frau, an die man uns vorher verwiesen hatte. Von sogenannter christlicher Nächstenliebe, in der auch eine gewisse Freundlichkeit enthalten sein könnte und sollte, war deren Verhalten wirklich nicht geprägt. Mein erster Eindruck war: alles nach Vorschrift, aber absolut keine Flexibilität. Der ‘Weg’, den der Betroffene gehen sollte, war so ‘betoniert’, als wären die ‘gebauten Mauern’ einfach ein Naturgesetz, also unabänderlich. Selbst ein Hinweis meinerseits auf eine gewisse Menschenwürde wurde einfach ignoriert. So ist eben das neue Deutschland im Jahre 2012. Wer ‘unten’ ist, hat sich gefälligst auch so zu verhalten. WIR sind inzwischen wieder ‘Untertan’.

Die sogenannten ‘Richtlinien’ besagen: Wer obdachlos ist, kann fünf Nächte bei der Caritas in deren sogenannter ‘Herberge’ übernachten. Tagsüber, von 8:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends hat man das Haus zu verlassen. Man bekommt auch noch ein Tagegeld von 12 €uronen und ein paar Zerquetschten. Da es ja inzwischen nicht mehr besonders angenehm mit der Witterung ist oder deutlicher ausgedrückt, es ist saukalt, kann man sich im Freien nur noch bedingt aufhalten, wenn man von A nach B geht. Für Menschen, welche eigentlich keinen Besitz mehr haben bzw. nur ganz wenig, heißt dies eigentlich nur, ständig mit seinem ‘Päckchen’ in Bewegung bleiben und dabei in dieser Jahreszeit auch noch frieren.

Ich persönlich hätte jetzt eigentlich gehen können, denn mein neuer Bekannter hatte ja jetzt eine sogenannte Perspektive. Aber genau dass konnte und kann ich nicht. Allein das Wissen, dass dieser Mann dann stundenlang entweder durch die Stadt latschen wird und friert und selbst wenn er sich mit seinem wenigen Geld irgendwo aufhalten kann, wo es warm ist, aber er ansonsten einfach nur allein ist, dieses Wissen würde mir so einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen und ich würde mich einfach nur beschissen fühlen. Hinzu kommt natürlich auch das Wissen, dass er sowieso bei UNS in der Danziger Straße landen wird, denn eine positivere Perspektive ist so einfach nicht in Sicht. Kein Besitz, kein Obdach, nur ganz wenig Geld und dann auch noch die Tatsache, niemanden zu kennen, keine beglückenden Aussichten. Im Gegensatz zu ihm bin ich ja dann wahrlich reich.

Wir entschieden uns, wieder zu mir zu gehen und am anderen Tag den Weg dann frei zu machen für ein Zimmer hier in der Danziger Straße, was inzwischen, also heute, auch geklappt hat. Die drei Tage und Nächte auf engstem Raum waren wohl zum Teil sehr schwierig für uns beide, aber wir haben sie überlebt und dass ist für meinen Teil die Hauptsache. Ich kann mich im Spiegel anschauen, ohne ein mieses Gewissen.

Ich kann in der Theorie noch so sehr gegen bestehende Ungerechtigkeit schreiben und reden, aber erst konkrete Taten ohne Einschränkungen zeigen dem, der die Hilfe braucht, dass er nicht allein auf dieser Welt steht. Reden, Schreiben und Handeln müssen immer Hand in Hand gehen. Meine Meinung und Auffassung. Schon mehrmals in meinem Leben musste ich auch sogenannte Niederlagen einstecken, weil ich auch trotz meiner direkten Hilfe enttäuscht wurde und doch mache ich es einfach immer wieder, wenn ich das Gefühl habe, es ist notwendig. Wenn ich nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht wäre, wäre ich möglicherweise inzwischen wohlhabend, aber ich würde mich auch ziemlich beschissen fühlen. Und trotzdem bin ich kein Gutmensch. Darauf scheiße ich.

Helfen ist wohl eine Sache und es geht mir auch nicht um Dank als solches, aber Undank macht nun mal sehr wütend. Besonders ärgerlich sehe ich die Tatsache an, ihn weiter unterstützt zu haben, als er anfing, sich immer mehr bei mir breit zu machen, denn immerhin hatte er ja inzwischen ein eigenes Zimmer. Alle Ausgaben wurden in der Zeit von mir geleistet. Auch Kleidungsstücke, welche ich noch nicht getragen hatte, die also Kaufhaus-Neu waren, bekam er von mir.  Dann hatte er wohl auch schon frühzeitig mit dem Umstand ‘gelockt’ dass er ja noch Tausend €uro für die Anmietung einer Wohnung in der Rückhand hätte und ich ihm dies glaubte. Es war erst einmal einfach glaubhaft.

Glaubhaft war auch die Aussicht auf eine Stelle als Koch hier in Passau zum 1. Dezember, welche er mir, wie ich inzwischen weiß, vorlog. Keine Lügen waren seine Internet-Kontakte zu Frauen, die ihn doch mehr beschäftigten als seine Gesamtsituation. Dies hätte mich eigentlich schon früher vorsichtiger machen sollen, aber da war ich viel zu sehr damit beschäftigt, ihm seine Gesamtsituation aufzuzeigen und für Veränderungen zu sorgen.

Zwei Mal war ich mit ihm im Job-Center von Passau, beim zweiten Mal habe ich es immerhin soweit gebracht, dass wir vom Vorgesetzten des Sachbearbeiters empfangen wurden, da ich den sogenannten “Beamten-Gang” als mehr als ungerecht empfand, weil halt nichts voran ging und nur ständig irgendwelche Nachforderungen um Papiere die Hartz IV-Antragsannahme verzögerte. Mein Prinzip: Wer sich wehrt, kann verlieren – wer sich nicht wehrt, hat schon verloren, es funktioniert. Da wir aber trotzdem noch bis zum nächsten Tag warten mussten und keinerlei finanzielle Mittel mehr hatten, musste ich quasi betteln gehen. Wir brachten immerhin genug Geld zusammen, um nicht nur den Tag zu überstehen, denn der Kühlschrank war absolut leer, wir konnten bis zur ersten Zahlung des Hartz IV-Geldes überleben.

Als dann sein erstes Hartz IV-Geld am 27.11.12 vom Amt kam, zahlte er auch einen Teil seiner direkten Schulden (100 €) zurück, blieb mir aber noch 90 € schuldig, da er sich über mich quasi einen Laptop ‘erschlichen’ hatte, den ich für ihn günstig im Internet erwerben konnte, mit meinem Geld erst einmal. Der Laptop steht wohl jetzt bei mir, aber persönlich brauche ihn nicht und werde versuchen, ihn wieder zu verkaufen, ich hoffen mal, nicht mit Verlust. Auch geht es mir nicht so sehr ums Geld im allgemeinen, denn der Betrag ist für mich kein Weltuntergang, dann doch eher der Bruch des Vertrauens.

Am 30.11. sollte dann der Rest des Geldes kommen, nur haben wir uns seither nicht mehr gesehen. Zuerst war ich ja noch der Meinung, dass es seine Arbeitsstelle am 1. Dez. angetreten hat, als ich aber dann nach mehreren Tagen ohne eine direkte Meldung hier im Haus ihm eine SMS schickte, rief er mich an und erzählte was von Magdeburg (seine neue ‘Freundin) und dass es die Stelle nicht bekommen hätte, wegen Alkohol. Dass er trank, war schon einmal ein Diskussionsthema zwischen uns, aber ich war dann doch zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, denn ich hatte den FIWUS inzwischen etwas vernachlässigt. Inzwischen hatte ich ihn noch einmal kurz am Telefon, wo er mir versicherte, am Wochenende zum 09.12. wieder hier zu sein, aber er erschien nicht und auf Nachfrage gab er dann plötzlich das darauffolgende Wochenende (also heute) an, doch ich werde garantiert nicht mehr warten, selbst wenn er dann mit einem dicken Lottogewinn auftauchen sollte.

Für mich persönlich ist die Angelegenheit inzwischen ‘erledigt’. Ich habe wieder mal meine Lektion lernen müssen und werde mich nicht mehr so schnell auf so etwas einlassen. Dass der Name fett und breit ganz zu Anfang des Beitrages steht hat den simplen und einfachen Grund; jeder sollte sich vor solchen Typen schützen.

Ich selbst helfe, wenn ich es kann, da mir selbst ja auch schon in den verschiedensten Situationen in meinem Leben geholfen worden ist und ich dies nicht vergesse. Bedauerlich ist nur, dass der Nächste, welcher meine Hilfe brauchen könnte, diesmal gegen eine Mauer rennt bzw. ich gar nicht erst reagieren werde. Im Moment habe ich die Schnauze voll.

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AlterKnacker

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Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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