Papa, Matze hat gesagt…. – Heute: Doppelleben

Ein Vater-Sohn-Gespräch von Martin Schnakenberg

In vielen Mails kam immer wieder die Frage „Deine Vater-Sohn-Dialoge sind immer so gut. Warum schreibst du nicht mehr davon?“ – Nun, erstens kann zuviel auch ungesund sein, weil man sich sehr schnell daran gewöhnt und es dann bald nicht mehr interessant ist. Und zweitens macht eine gute Mischung aller Artikel es, dass das Lesen wieder schmackhaft wird. – Also wenden wir uns in diesem Dialog einem interessanten Thema zu. Denn der Sohnemann hat wieder mal was von seinem Freund Matze erfahren, welches dieser wiederum von dessen Vater gehört hat. Da dem Sohn dieses nun wieder sehr beeindruckt und ihn deshalb immer wieder zu denken gibt, geht er damit zu seinem (noch nicht gestressten) Vater, der als Finanzbeamter pünktlich Feierabend hat und entspannt in seinem Sessel die Zeitung durchblättert. Und dann passiert das, was passieren muss. Aber das ist eine Sache, die ihr selber erfahren sollt.

Hier kommt also das Vater-Sohn-Gespräch mit dem Titel „Doppelleben“:

.

SOHN: „Papa? Matze hat gesagt, sein Vater hat gesagt, die meisten Menschen sind doppelt!“

VATER geistesabwesend: „Muss ich mir jetzt noch anhören, was Matze’s Vater im Zustand der Volltrunkenheit von sich gibt, oder was?“

SOHN: „Der ist doch nicht volltrunken!!!“

VATER: „Und warum sieht er dann alles doppelt?“

SOHN: „Das sieht er nicht, das merkt er! Weil die meisten Menschen eben doppelt sind!“

VATER stöhnt nur.

SOHN: „Ich sehe schon, ich muss dir das genauer erklären…“

VATER: „Wenn du darauf bestehst…“

SOHN: „Also: Denk zum Beispiel mal an Frau Müller!“

VATER: „Muss das sein?? Ich bin froh, wenn ich die Frau mal für eine Weile vergesse!“

SOHN: „Ja klar, weil die nämlich auch doppelt ist!“

VATER: „Das kommt mir allerdings auch manchmal so vor … Die hört man im Haus und sieht sie gleichzeitig im Garten …“

SOHN: „Nun hör doch mal zu!!! Ich will dir das doch richtig erklären!“

VATER: „Kannst du das nicht an einem anderen Beispiel machen?“

SOHN: „Erst mal an Frau Müller, weil du doch gesagt hast, dass sie unsere Kirschen geklaut hat“.

VATER: „Hat sie ja auch. Oder warum sollten sonst genau an den Zweigen alle Kirschen weg gewesen sein, die sie sich rüberziehen kann?“

SOHN: „Ich glaub’s ja auch.“

VATER: „Na also. Und wo bleibt das Doppelte an der Frau?“

SOHN: „Wirst du gleich merken. Die Mama hat nämlich mal zufällig mit einer Kollegin von Frau Müller gesprochen … die arbeitet doch bei dieser Geiz-ist-geil-Bank, nicht?“

VATER: „Ich weiß. Da sollte man der Bank mal einen Wink geben, wie sie ihr Defizit um ein Monatsgehalt verringern könnte…“

SOHN streng: „Wir sprechen über Frau Müller, nicht über die Manager, Papa!!! – Na jedenfalls, die hat gesagt, Frau Müller ist sehr beliebt bei der Bank!“

VATER: „Beliebt???“

SOHN: „Oder sehr geschätzt. Ja, ich glaub, die hat gesagt ‚geschätzt‘. Weil sie so korrekt ist, hat die Kollegin gesagt, und weil bei ihr immer alles stimmt. Und weil ihr keine Arbeit zuviel ist.“

VATER: „Ist ja hochinteressant: keine Arbeit zuviel! Und hier zu Haus ist sie zu faul, um ihr ausgerupftes Unkraut weg zu schaffen. Das schmeißt sie uns lieber über den Zaun!“

SOHN: „Das sagt Matze’s Vater ja gerade. Er sagt, wenn die Menschen nicht alle ’ne doppelte Moral hätten, dann…“

VATER unterbricht: „Na, das Stichwort hättest du auch gleich liefern können! Doppelte Moral. Und du redest die ganze Zeit von ‚doppelten Menschen‘!“

SOHN kleinlaut: „Das ist mir eben erst wieder eingefallen, das Wort“.

VATER: „Weil du ja auch noch nichts damit anfangen kannst. Die sogenannte ‚doppelte Moral‘ ist ein sehr vielschichtiger Begriff, mit dem du dich wahrhaftig noch nicht zu beschäftigen brauchst.“

SOHN: „Find ich aber interessant. Weil … wenn’s nur eine Moral gäbe, dann wär alles besser, sagt Matze’s Vater. Vor allen bei den Politikern und Bänkern wär das wichtig!“

VATER stöhnt: „Und warum gerade bei denen?“

SOHN: „Weil die am meisten zu bestimmen haben. Und wenn die nicht so schizo wären, dann …“

VATER erbost: „Nun mäßige dich mal, ja?“

SOHN: „Ist doch aber wahr. Guck mal: mit ihren eigenen Kindern, da haben sich die Politiker immer wer weiß wie. Für die machen sie alles…“

VATER: „Ja, sollen sie vielleicht ihre Kinder vernachlässigen, oder was?“

SOHN: „Nee, aber sie sollen alle Kinder so wichtig nehmen.“

VATER: „Mein Lieber, du scheinst die Anstrengung etwas zu unterschätzen, die es erfordert, auch nur ein Kind wichtig zu nehmen! Ein Politiker ist schließlich nicht der liebe Gott…“

SOHN: „Er soll ja auch nicht allen Kindern was vorlesen – oder mit ihnen spazieren gehen…“

VATER beiläufig: „Das macht der liebe Gott meines Wissens auch nicht…“

SOHN: „Also Papa! Du weißt genau, was ich meine! – Wenn so ein Politiker sein eigenes Kind mit lauter guten Sachen vollstopft … und dann macht er was mit seiner Wirtschaft, dass…“

VATER unterbricht grimmig: „O Gott … du solltest wirklich nicht ständig von Dingen reden, die du nicht verstehst…“

SOHN unterbricht ihn jetzt: „Ich versteh das schon, du verstehst bloß nicht!!! Matze sagt, sein Vater sagt, die Politiker dürften eben nicht solche Verträge machen, dass es anderen Ländern schlecht geht und dass die Kinder da verhungern.“

VATER rauft sich die Haare: „Meine Güte … die Verträge werden doch nicht abgeschlossen, damit Kinder verhungern!“

SOHN: „Aber das kommt dann oft vor. Weil die für ihre Sachen zu wenig Geld kriegen, und dann haben die Kinder nicht genug zu essen.“

VATER: „Also, jetzt lass mal die Politik sein und komm wieder auf den Teppich, ja? Mit Frau Müller fängst du an und bei den Weltwirtschaftsproblemen hörst du auf – das ist ja fürchterlich!“

SOHN: „Na schön, dann sag ich’s eben ganz einfach: Wenn man seine eigene Mutter nicht erschießt, dann darf man auch andere Mütter nicht erschießen!“

VATER entsetzt: „Ja, wer macht denn das auch, um Himmels willen…“

SOHN: „Das machen doch alle, die irgendwo Krieg machen! Die schießen irgendein Dorf zusammen, egal wo, und dann sind die Mütter auch tot.“

VATER: „Das ist ja auch sehr traurig, aber Krieg ist eben immer sehr traurig. Und deshalb tun wir ja auch alles, um Kriege zu verhindern oder die beteiligten Parteien wie in Afghanistan, der Türkei oder anderen Ländern zum Frieden zu verhelfen.“

SOHN: „Glaubst du das?“

VATER: „Was. Das wir dort in einer Friedensmission sind? Aber natürlich. Wir helfen denen mit unseren Soldaten, damit das Land wieder eine gute Zukunft hat. Das zeigen die auch immer wieder im Fernsehen.“

SOHN: „Matze sagt aber, sein Vater sagt, das hängt alles irgendwie zusammen. – Irgendwer verdient doch immer an einem Krieg, nicht? Und die reichen Staaten verkaufen dann Waffen, damit sie noch reicher werden. Und der Typ, der die Waffen herstellt, der kauft seiner Familie von dem Gewinn ein schönes Haus – und die Häuser von den anderen, wo dann Krieg ist, die werden kaputt gemacht!“

VATER: „Ja doch, ja. Auch das ist traurig.“

SOHN: „Und das kommt eben alles von der doppelten Moral.“

VATER: „Nun wüsste ich langsam gern, was Matze’s Vater in diesem Fall für Rezepte anzubieten hat, na?!“

SOHN: „Ach, das hat er irgendwie ziemlich schwierig gesagt…“

VATER grinsend: „Das kann ich mir denken!“

SOHN: „Aber ich krieg das vielleicht noch zusammen: er sagt, die offene … ne, die öffentliche – gibt’s ne öffentliche Moral?“

VATER: „Aber selbstverständlich gibt es die!“

SOHN: „Aha, dann stimmt das. Also: die öffentliche Moral und die persönliche Moral – das muss dasselbe sein. Matze’s Schwester hat gesagt, das ist so: man darf nicht zu Haus seinen eigenen Hund streicheln und draußen einem fremden Hund ’nen Tritt geben.“

VATER: „Sehr bildhaft, die Dame. Und so erschöpfend in ihrer Ausführung…“

SOHN: „Jetzt bleib doch mal Ernst, Papa. – Und dann hat sie noch gesagt: wer nicht will, dass in seinem Land Krieg ist, der darf auch keine Waffen woandershin verkaufen!“

VATER: „Das ist ja schon wieder so ein Bock-Sprung! Vom Hund zum internationalen Waffengeschäft! – Du kannst Matze’s Schwester mal bestellen, sie …“ – Wird durch Kinderkrach abgelenkt. – „Was ist denn da schon wieder für ein Krach draußen?“

SOHN: „Gar nichts weiter. Das sind die Kinder aus der Siedlung drüben. Die spielen hier nur.“

VATER: „Ausgerechnet vor unserem Garten?“

SOHN: „Da ist doch so ein schöner Platz….“

VATER: „Ja, das soll auch ein schöner Platz bleiben!“ – Macht das Fenster auf und ruft nach draußen: „Hallo, ihr da drüben, macht mal, dass ihr hier weg kommt, ja? Man kann ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“

SOHN: „Wenn die mich nun überall weg scheuchen würden…“

VATER: „Du machst ja wohl keinen Krach vor anderer Leute Garten, oder?“

SOHN: „Ich hab ja auch ’n Garten. – Also wirklich, Papa! – Da redet man nun gerade von den beiden Moralen, und…“

VATER berichtigend: „Es heißt nicht Moralen.“

SOHN: „Wie denn? Wie ist denn die Mehrzahl von Moral? Morales? Oder Moräler?“

VATER: „Unsinn. Es gibt keine Mehrzahl von Moral. Es gibt nur eine Moral.“

SOHN ergänzend: „… in der Grammatik.“

VATER wütend: „Natürlich in der Grammatik. – Wo denn sonst?!

.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.