Jakob Augstein – der Widerspruch im Widerspruch

Jahrgang 1967 gegen Jahrgang 1947 oder auch umgekehrt. Und ob es nur ein “gegen” oder auch ein “zusammen” in solch einer Konstellation gibt, habe ich bisher noch nicht heraus gefunden. Unterschiedliche Alter und Biographien auch in einer ähnlichen Ideologie können schon ziemliche Reibungspunkte erzeugen. Solche Aspekte sehe ich immer wieder in der Konstellation zwischen Jakob Augstein und mir selbst. Sein neuster Beitrag im SPON fordert mich einfach erst einmal zum Widerspruch heraus.

Es gibt Kandidaten, die verlieren die Wahl. Das ist nicht schlimm. Und dann gibt es Kandidaten, die verlieren schon die Kandidatur. Das ist peinlich. In diese Kategorie fällt Peer Steinbrück. So wie der Mann durch das Dickicht seiner Nebeneinkünfte gestolpert ist, hat Steinbrück bislang vor allem bewiesen, dass er zwei linke Beine hat. Besser wäre für einen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten eine glückliche Hand für linke Politik. Steinbrück scheitert nicht an Neid oder Bigotterie der anderen. Sondern an der eigenen Gier und Ungeschicklichkeit.

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Die größte Diskrepanz zwischen Augstein und mir ist aber nicht allein das unterschiedliche Alter, es ist hauptsächlich die unterschiedliche allgemeine Biographie. Auch Looser oder Loser wie ich und Winner wie Augstein können trotzdem relativ gleiche Ideologien ihr eigen nennen.

In besagten SPON-Beitrag geht es mal wieder um Peer Steinbrück, den designierten Kanzlerkandidaten der SPD und seine Einnahmen aus seinen Vorträgen. Steinbrück ist wohl brutto damit als Millionär anzusehen, für mich persönlich spielt dies aber die absolut geringste Rolle. Er hat Geld kassiert für gesprochene Worte, welche er sich von den sogenannten Auftraggebern auch außerordentlich gut honorieren ließ. Welche Themen diesen Vorträge hatten, entzieht sich meiner Kenntnis und ist auch persönlich für mich erst einmal nicht von besonderem Belang. Für Aufregung sorgen schon allein die Honorare.

Noch ein Zitat aus dem SPON-Beitrag:

Eher als das muss man sich aber fragen, für wen die SPD Politik machen möchte. Was verspricht sich die Partei davon, einen Kandidaten aufzustellen, der der eigenen Klientel fremd ist? “Die Wirtschaft wählt ja trotzdem CDU”, zitierte die “Süddeutsche Zeitung” am Wochenende einen ungenannten SPD-Politiker.

Beim ersten Augenschein scheint diese Frage berechtigt, denkt man aber allein schon darüber nach, wer diese Frage vor allem stellt, so kommt man auch an Jakob Augstein erst mal gar nicht vorbei.

Er stellt wohl eine Gerechtigkeitsdebatte in den Vordergrund, hat aber selbst niemals mit diesen Problemen in seinem bisherigen Leben zu kämpfen gehabt, welche sich in vielen Fällen in Deutschland inzwischen aufgetürmt haben durch den Sozial-Kill, der da von fast allen Parteien in diesem Land getragen wird. Und doch glaube ich Herrn Augstein sogar, dass er sich für positive Veränderungen gerade im sozialen Bereich stark macht und auch sein Gerechtigkeitsempfinden kann ich ja immerhin nachvollziehen. Aber hierzu kann ich derzeit auch echte Fakten liefern.

Tue Gutes … und sprich auch darüber. Dabei bin ich wirklich kein sogenannter Gutmensch. Nur so als Beispiel: Vor zwei Tagen sprach mich ein Bekannter an, ob ich nicht für einen seiner Kunden eine 1-Zimmer-Wohnung wüsste. Da ich selbst schon seit eineinhalb Jahren suche und nichts finde als Grundsicherungsempfänger im Alter, erklärte ich dem Suchenden meine eigene Situation und auch, wo ich inzwischen wohnte.

Der gute Mann kam auch, wie ich damals, aus Österreich, hatte sich mit seiner Freundin überworfen und kam zurück nach Deutschland, hierher nach Passau. Fünfzig Jahre alt und von Beruf Koch. Er will hier neu anfangen.

Da er mich rein menschlich irgendwie ‘ansprach’, ließ ich meine eigene Angst einfach gar nicht zu und schlug ihm vor, mit zu mir zu kommen. Zwei Tage bzw. Nächte würde ich es schon aushalten in den neun Quadratmetern, welche ich in der Danziger Straße bewohne, mit einem Mitbewohner. Es war eine rein menschliche Entscheidung, da die Nächte hier in Passau ja auch immerhin schon unter Null waren und sind. Trotz dieser reinen Bauchentscheidung war es schon eine Herausforderung.

Inzwischen ist ein dritter Tag hinzu gekommen. Gestern, am 12.11.2012 war wir zusammen zuerst in Stadt, um verschiedene Stellen anzulaufen, damit den sogenannten Behörden Genüge getan wurde, aber schon der Besuch bei der Caritas holte uns sehr brutal auf den Boden der Tatsachen zurück. Oh, zuerst war alles sehr sachlich und informell, aber schon das Gefühl bei uns beiden, welches wir später, nach dem Besuch feststellten, war rein menschlich mehr als ernüchternd. Es herrschte eine Gefrierschrankkälte bei der Frau, an die man uns vorher verwiesen hatte. Von sogenannter christlicher Nächstenliebe, in der auch eine gewisse Freundlichkeit enthalten sein könnte und sollte, war deren Verhalten wirklich nicht geprägt. Mein erster Eindruck war: alles nach Vorschrift, aber absolut keine Flexibilität. Der ‘Weg’, den der Betroffene gehen sollte, war so ‘betoniert’, als wären die ‘gebauten Mauern’ einfach ein Naturgesetz, also unabänderlich. Selbst ein Hinweis meinerseits auf eine gewisse Menschenwürde wurde einfach ignoriert. So ist eben das neue Deutschland im Jahre 2012. Wer ‘unten’ ist, hat sich gefälligst auch so zu verhalten. WIR sind inzwischen wieder ‘Untertan’.

Die sogenannten ‘Richtlinien’ besagen: Wer obdachlos ist, kann fünf Nächte bei der Caritas in deren sogenannter ‘Herberge’ übernachten. Tagsüber, von 8:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr abends hat man das Haus zu verlassen. Man bekommt auch noch ein Tagegeld von 12 €uronen und ein paar Zerquetschten. Da es ja inzwischen nicht mehr besonders angenehm mit der Witterung ist oder deutlicher ausgedrückt, es ist saukalt, kann man sich im Freien nur noch aufhalten, wenn man von A nach B geht. Für Menschen, welche eigentlich keinen Besitz mehr haben bzw. nur ganz wenig, heißt dies eigentlich nur, ständig mit seinem ‘Päckchen’ in Bewegung bleiben und dabei in dieser Jahreszeit auch noch frieren.

Ich persönlich hätte jetzt eigentlich gehen können, denn mein neuer Bekannter hatte ja jetzt eine sogenannte Perspektive. Aber genau dass konnte und kann ich nicht. Allein das Wissen, dass dieser Mann dann stundenlang entweder durch die Stadt latschen wird und friert und selbst wenn er sich mit seinem wenigen Geld irgendwo aufhalten kann, wo es warm ist, aber er ansonsten einfach nur allein ist, dieses Wissen würde mir so einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen und ich würde mich einfach nur beschissen fühlen. Hinzu kommt natürlich auch das Wissen, dass er sowieso bei UNS in der Danziger Straße landen wird, denn eine positivere Perspektive ist so einfach nicht in Sicht. Kein Besitz, kein Obdach, nur ganz wenig Geld und dann auch noch die Tatsache, niemanden zu kennen, keine beglückenden Aussichten. Im Gegensatz zu ihm bin ich ja dann wahrlich reich.

Wir entschieden uns, wieder zu mir zu gehen und am anderen Tag den Weg dann frei zu machen für ein Zimmer hier in der Danziger Straße, was inzwischen, also heute, auch geklappt hat. Die drei Tage und Nächte auf engstem Raum waren wohl zum Teil sehr schwierig für uns beide, aber wir haben sie überlebt und dass ist für meinen Teil die Hauptsache. Ich kann mich im Spiegel anschauen, ohne ein mieses Gewissen.

Ich kann in der Theorie noch so sehr gegen bestehende Ungerechtigkeit schreiben und reden, aber erst konkrete Taten ohne Einschränkungen zeigen dem, der die Hilfe braucht, dass er nicht allein auf dieser Welt steht. Reden, Schreiben und Handeln müssen immer Hand in Hand gehen. Schon mehrmals in meinem Leben musste ich auch sogenannte Niederlagen einstecken, weil ich auch trotz meiner direkten Hilfe enttäuscht wurde und doch mache ich es einfach immer wieder, wenn ich das Gefühl habe, es ist notwendig. Wenn ich nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht wäre, wäre ich möglicherweise inzwischen wohlhabend, aber ich würde mich auch ziemlich beschissen fühlen. Und trotzdem bin ich kein Gutmensch. Darauf scheiße ich.

Das ich jetzt diese sogenannte Kapitel zu einem Beitrag über Jakob Augstein eingefügt habe, ist einfach nur der Tatsache geschuldet, dass Herr Augstein wohl sehr viel Wissen theoretischer Art hat, aber in der Praxis, was wirkliche Gerechtigkeit angeht, möglicherweise jämmerlich versagen würde und auch müsste.

WIR als Gesellschaft regen uns künstlich auf, wenn ein Politiker gerade von einer Partei mit einem sogenannten Gerechtigkeitsanspruch sich die Taschen füllt. Ich persönlich habe damit erst mal die wenigsten Probleme. Ein gesunder Egoismus sollte jedem Menschen zu eigen sein. Der Hauptteil der Gelder, welche er einstrich, kommt ja nicht gerade von Minderbemittelten. Die Frage, woher diese Auftraggeber der Reden ihr Vermögen aufbauen konnten, lasse ich ganz absichtlich erst mal außen vor, denn dass wäre zusätzlich eine Debatte, die hier einfach zu weit führen würde. Da müsste man in Diskussionen ja schon bei Adam und Eva anfangen.

Der Beitrag von Jakob Augstein weist mit dem Finger auf Peer Steinbrück und damit natürlich auch auf die SPD, aber da er mehr als einen Finger an der Hand hat, weisen die restlichen Finger auf ihn selbst zurück. Ich persönlich und nicht nur ich allein in diesem Land haben die SPD längst abgeschrieben, was Gerechtigkeit im sozialen Bereich angeht. Machtstreben hat noch niemals wirkliche Gerechtigkeit hervor gebracht.

Kritik ist so einfach hervor zu bringen, aber die meisten Aussagen bleiben doch nichts als leere Worte. “An ihren Taten sollt ihr sie erkennen” hat man mir und vielen anderen immer wieder im Laufe eines Lebens vorgehalten und genau in solch einer Situation sollte man sich, bevor man solche Kritik äußert, erst einmal erinnern.

Jakob Augstein ist Journalist und Herausgeber. Die Frankfurter Rundschau ist Pleite. Hier wäre Kritik, aber noch mehr wirkliche Hilfe mehr als notwendig und durch ein konkretes Eingreifen würde er wirklich ein tätiges Gerechtigkeitsbild nicht nur zeigen, sondern es auch leben.