Noch ein Gastbeitrag für heute – … zur Kreativität

Vorsicht Kreativwirtschaft!

27. Oktober 2012

Nun ist es etwa 1 Jahr her, dass wir mit unserem Buch unser Eigenverlagsexperiment begonnen haben. Somit Zeit für ein Fazit: Viel, sehr viel Arbeit, um das Buch bekannt zu machen und unsere Community zu finden. Weniger, viel weniger Arbeit, um es zu schreiben! Schade eigentlich, aber passend zur Zeit.

Die Erstauflage von 500 Printbooks ist bis auf 30-40 Exemplare verkauft, danke an alle Leser, Käufer und Unterstützerinnen. Vor allem die E-Books haben sich gut verkauft, insgesamt haben wir über 1000 Bücher verkauft, via Amazon aber lediglich 200. Interessant war, dass uns die sogenannte Kreativwirtschaft, also meistens öffentlich finanzierte Beratungs- und Koordinationsstellen zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes, entdeckt und eingeladen haben, einen Vortrag zu halten. Nach einem Honorar darf man meistens gar nicht fragen, selbst wenn das Tagungsthema “Die Arbeit der Kreativwirtschaft zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung” lautet! Wir haben uns für “Selbstverwirklichung” entschieden und eine Anfrage der Kreativwirtschaft Leipzig dankend abgelehnt.

Der Begriff “Kreativwirtschaft” ist irreführend und wenig hilfreich, deswegen kommt es oft zu großen Missverständnissen. Ist denn “die Wirtschaft” nicht generell kreativ? Erneuerung und ständige Selbsterfindung sind doch Voraussetzungen für alle erfolgreichen Unternehmungen, ganz gleich in welcher Sparte. Andererseits, Filmemacher, bildende Künstler und Musiker lassen sich nicht gern unter den Begriff “Wirtschaft” zusammenfassen. Auch wir wollen lieber nicht zur “Kreativwirtschaft” gezählt werden. Erstens haben wir mit Computerspielherstellern und Werbeagenturen so gar nichts gemeinsam, zweitens hat der Begriff “Wirtschaft” unangenehme Nebenwirkungen und weckt unpassende Erwartungen: Umsatzplus, Gewinn, Rendite oder Geschäftsmodell, Dauerarbeitsplatz, Nachhaltigkeit usw. Andererseits hätte das auch Vorteile: Wenn man versehentlich mal ein oder zwei Milliarden Euro verschludert, werden sie vom Steuerzahler anstandslos ersetzt, vorausgesetzt man hat z.B. eine Kreativ-Bank gegründet. Ich mache hiermit den Vorschlag, Banken zur Kreativwirtschaft dazuzuzählen, schließlich gehört auch die Werbewirtschaft dazu. Das hätte nämlich folgende Vorteile: Der Umsatz der “Kreativwirtschaft” stiege beträchtlich an, der Anteil an der wirtschaftlichen Gesamtleistung ebenso, die Bedeutung des “Kreativsektors” würde in der Folge dramatisch wachsen, selbst die Kreativwirtschaftsfunktionäre und Apparatschiks hätten etwas davon: Planstellen, Festanstellungen, Subventionen in Hülle und Fülle. Überschriften, die man dann lesen könnte:

“Umsatz der Kreativwirtschaft verhundertfacht!”
“Geschafft: Kreativsektor grösser als die Automobilindustrie.” oder aber:
“Hoffnung nach Atomausstieg: Wenigstens der Kreativsektor wächst 3-stellig.”
“Rettung für den Euroraum: Kreativwirtschaft explodiert.”

Der Vorschlag, Banken zur Kreativwirtschaft hinzuzurechnen, ist gar nicht so abwegig, denn viele Banken bilanzieren so kreativ und haben ständig einfallsreiche Anlageformen und sogenannte “Produkte”, dass sie manchen frustrierten Filmemacher oder Autor an Einfallsreichtum spielend übertreffen. (Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich dazuzählen müsste.)

Es kommt nämlich auf die richtige Gruppierung, die Konfektion des Sektors an, ob er etwas zählt oder nicht. Deswegen erhält etwa “die Kunst” keinen eigenen Sektor, sondern wird als “Kunstwirtschaft” einfach subsummiert. Einige Eigenschaften “der Kunst” und der Künstlerinnen sind hingegen sehr willkommen: Künstler identifizieren sich total mit ihrer Arbeit, sie trennen privat nicht von beruflich, sie brennen für ihre Mission, für ihr Werk, bis hin zur Selbstaufgabe. Bis hierhin schön und gut und daher grundsätzlich anwendbar auf andere Branchen der Kreativwirtschaft, z.B. auf den “Architekturmarkt” oder den “Pressemarkt”.

Das erklärt vielleicht, warum Journalisten nicht mehr von Ihrer Arbeit leben können. Oder warum es für viele Architekten normal ist, 80 Wochenstunden zu arbeiten. Das kommt von den Künstlern, weil die so ungemein brennen! Das ist Creative Highly-Selective-Back-Labeling, also das teilweise Abfärben von erwünschten Eigenschaften einiger Mitglieder der Kreativwirtschaft auf alle übrigen. In der Biologie nennt man den Vorgang Kreuzung. Es entstehen sehr widerstandsfähige Organismen, die die besten und erwünschten Eigenschaften vereinen: Die Wirtschaftskraft des Werbemarktes, die Kreativität des Bankenmarktes, die Selbstaufgabe der Teilnehmer des Kunstmarktes, die Zielstrebigkeit der Kreativmarktfunktionäre. Voilá.

Aber warum hat ausgerechnet uns die “Kreativwirtschaft” so oft gefragt, unser Buch und unser Slow-Budget-Self-Funding vorzustellen? Wir wissen es nicht. Wissen Sie es?

Quelle

Ein persönliche Antwort von mir zum Schlusssatz des Beitrags: Kreativität ist ein solch weites Feld des Schaffens, dass man aber wirklich nur überblicken kann, wenn man auch die Augen immer offen hält. Viele sogenannte Kreative haben leider nur Dollar-Scheine vor den Pupillen und werden die ihr Leben lang nicht los. Also ein sogenannter ‘Seh-Fehler’.

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker

Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

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