Bin ich arm?

Zuerst einmal, JA, im Geiste. Und dann natürlich auch zum Teil finanziell. Aber ich bin trotzdem auch in einer privilegierten Situation, denn als Rentner muss ich nicht mehr arbeiten. Ich kann mir meine Zeit einteilen, auch wenn ich manchmal noch den Druck verspüre, den man kennt, wenn man sich bestimmte Dinge vorgenommen hat und die dann doch nicht macht oder nicht machen kann. Ich weiß heute zu schätzen, dass allein Termindruck das Leben schon arg beeinträchtigen kann und ich diesem Druck nicht mehr nachgeben muss.

Der FIWUS ist wohl mein Baby und ich muss es auch füttern, aber dadurch, dass ich ihn nicht allein gestalten muss, wird mir schon einiges von diesem Druck genommen, als wenn ich dieses Projekt jetzt ganz alleine stemmen müsste. Meine MitstreiterInnen fangen auch Zeiten ab, in denen ich kreativ ein Versager bin, obwohl ich mich natürlich trotzdem oft genug selbst bemühe, meinen Teil beizutragen. Doch Luftlöcher im Gehirn hat jeder von uns einmal und dann lass ich den lieben Gott einfach einen guten Mann sein.

Aber dieser Beitrag ist auch entstanden jetzt, weil es seit Tagen im politischen Deutschland Debatten gibt über die Bezahlung von Spitzenmanagern wie zum Beispiel Martin Winterkorn von VW. Muss ich denn wirklich auf diesen Mann neidisch sein, nur weil er für letztes Jahr 17 Millionen €uro eingesackt hat? Als guter Linker dürfte ich jetzt nichts anderes sagen als ja, aber so einfach mache ich es mir und auch unseren Lesern dann doch nicht. Dieser Mann hat für sein Geld auch hart arbeiten müssen, so wie ich es auch zu früheren Zeiten machen musste, als ich noch berufstätig war. Nur hatte ich selbst nie diese große Verantwortung und auch nie den Erfolgsdruck, unter dem ein solch hoher Manager steht.

Meine eigene Verantwortung war immer überschaubar und es gab sogar Situationen, in denen ich ganz bestimmte Arbeiten ablehnte, bei denen ich mir darüber im Klaren war, dass ich sie nicht wie gewünscht, hinbekomme. Das ist einer der Vorteile, wenn man freiberuflich ist. Dass ich damit auch akzeptierte, auch nichts zu verdienen, war dabei zweitrangig. Winterkorn ist da auf der schlechteren Seite, denn er kann sich nicht darauf berufen, etwas nicht zu akzeptieren, sein Vertrag sagt etwas anderes. Ich akzeptierte erst einen Vertrag, im Kleinen, wenn ich den avisierten Auftrag übernahm.

Dass ich heute mit 575 €uronen Rente klar kommen muss, ist nicht allein die Schuld der Politik. Sie ist es nur teilweise, wenn auch in einem nicht unerheblichen Rahmen. Für die Politik war es immer am einfachsten, die schwächsten Glieder der Gesellschaft am meisten zu belasten, denn sie hatten und haben bis heute niemals die Lobby, welche zum Beispiel Manager haben, wenn sie an den richtigen Stellen sitzen. Meine eigene Schuld an meiner finanziellen Misere ist die Tatsache, dass ich mich nicht um eine angemessene Altersvorsorge gekümmert habe, ich fühlte mich einfach wie jemand, der “unsterblich” ist und niemals alt wird. Also verhielt ich mich auch so, nämlich ausgesprochen dämlich.

Selbst als ich mich, schon über 40 Jahre alt, entschloss, beruflich noch mal von ganz vorne und neu anzufangen. Auch zu dieser Zeit fast ausschließlich als Freiberufler. Ich war es einfach gewohnt, selbst zu entscheiden und auch während einer kurzen Zeit von dreieinhalb Jahren in einer Festanstellung in einem Architekturbüro habe ich mir ganz bestimmte Dinge nie gefallen lassen, wenn ich sie als falsch angesehen habe. Darum habe ich auch nach diversen Querelen irgendwann die Handbremse gezogen. Natürlich hatte ich auch Glück dabei, als ich mich wieder dem freiberuflichen Feld in der IT zuwandte und ich recht schnell nach der Festanstellung wieder an Aufträge kam. Und immer noch fühlte ich mich unverwundbar, denn es lief ja gut und der Rubel rollte.

Was ich aber der Politik als solches anlaste, ist die Tatsache, dass sie für viele von UNS einfach nicht das Augenmaß hatte, uns richtig und eindringlich zu erklären, wie wichtig es war und heute noch mehr ist, vorzusorgen für das Alter. Den Sprüchen von Norbert Blüm und sein “Die Rente ist sicher” haben sehr viele von uns fast blind vertraut, so dämlich waren wir leider schon. Hinzu kommt natürlich auch noch die Tatsache, dass UNSERE Renten von einem Kanzler Kohl zum Aufbau Ost quasi zweckentfremdet wurden, denn dieses Geld war ja im Jahre 1990 so reichlich vorhanden, da musste man ja ‘klebrige Finger’ bekommen.

1987, während der ersten großen Finanzkrise nach dem 2. Weltkrieg, war ich nicht in Deutschland, sondern im Fürstentum Liechtenstein, drehte dort und in der Schweiz Filme und hatte durch ein lukratives anderes Geschäft relativ gute Einnahmen pro Monat und diese Krise betraf mich damals nicht, denn ich hatte ja kein Vermögen, dass ich verlieren konnte. Dass ich dort auf Dauer nicht bleiben konnte, hatte zum einen Teil private Gründe und zum anderen Teil waren und sind die Ausländergesetze in beiden Ländern nicht gerade die Großzügigsten, aber dies wusste ich auch vorher schon und war darauf eingestellt.

Die Nachwirkungen dieser ersten Krise bekam ich erst gegen Ende 1988, zurück in Deutschland, zu spüren, hatte aber dann doch wieder das Glück, trotzdem als Kameramann wieder an Aufträge zu kommen, bis Ende 1991. Und die 10 Jahre danach in der IT bis April 2002 habe ich in vollen Zügen einfach genossen, danach war Schluss, mit einem Schlag und ich war inzwischen 55 Jahre und nicht mehr vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt.

Natürlich ist es leicht, sich in solch einer Situation zu bedauern und auf alles und jeden zu schimpfen, dem es besser geht als einem selbst, aber es hat mich immerhin heute zu einem Menschen gemacht, der über sehr viele Dinge nachdenkt und sie auch noch aufschreiben und veröffentlichen kann, dass ist doch auch was. Immerhin bin ich weiter meinem Grundsatz treu: “Es war und ist nicht immer lustig, aber zum größten Teil hat sich mein Leben gelohnt” und dass können nicht besonders viele von sich sagen, wenn ich mal von der Gesamtbevölkerung dieser Welt ausgehe. Und so einiges würde ich wieder so machen. Mein Resümee: Ich bin arm, aber nur ansatzweise manchmal unglücklich, über mich selbst und meine Dummheit.