Gastbeitrag: Eine ‘unheilige’ Arroganz, auch in den Medien

Wie die Wall Street ihr Spielzeug verliert

by markusgaertner on 05/10/2011

Der Pessimismus, ja Hohn gegenüber den Wall Street-Protestlern ist mit den Händen greifbar. Sie hätten keine klar umrissenen Ziele, seien zu schlecht organisiert und würden auch die Wall Street gar nicht verstehen. New Yorks Bürgermeister, der Milliardär Michael Bloomberg, wirft den Demonstranten vor, sie kämpften in Wahrheit gegen eine Mittelschicht, die 40.000 bis 50.000 Dollar im Jahr verdient. Wenn ich mich recht entsinne, ist das etwa der Bonus, den Topmanager bei Goldman Sachs und JP Morgan Chase alle 5 Stunden einstreichen können.

Auch die von Brokern und Händlern verehrte Ex-CNBC-Sexbombe Erin Burnett äußert sich so unappetitlich abfällig gegenüber den Demonstranten: Sie sei mal selbst nachschauen gegangen, verriet sie zum Wochenauftakt in ihrer neuen CNN-Sendung, da habe sie im Zuccotti-Park in Manhattan tanzende Menschen, Bongo-Trommeln und auch einen Clown gesehen.

Die auf soziale Ungerechtigkeiten spezialisierte Webseite Common Dreams hält dagegen: “Seit wann braucht man eine PR-Firma, um seine Mitgliedschaft in einer Demokratie zu beanspruchen ?”

Die Arroganz, die Kaltblütigkeit und die Gier der Wall Street-Mafia – und der ihr hörigen Politiker – wird in diesem Jahrzehnt in mehr als einem Blutbad enden, die westlichen Demokratien werden auf ihre größte Probe gestellt. Die etablierten Eliten bekommen es jetzt mit Menschen zu tun, die nur noch wenig zu verlieren haben, den Glauben an das Wirtschaftssystem, die Banken, die Politik und die Institutionen verloren haben.

“Meine Administration ist das einzige, was zwischen Euch und den Heugabeln steht”, hatte Barack Obama Anfang 2009 bei einem Treffen mit 13 Spitzenbankern gesagt. Das war auf dem Höhepunkt der öffentlichen Rage über Banker, die gleich nachdem sie von Steuerzahlern gerettet wurden, die Boni erhöhten.

Die Wall Street hat nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt. Sie hat sich in ihrem Gier-Biotop eingerichtet und aus gekauften Politikern einen dicken Schutzwall errichtet. Das Problem ist nur: Deren Welt wird in den nächsten Monaten ebenfalls erschüttert, weil es nicht nur eine Hyperinflation an sozialen Verlierern gibt, sondern weil viele Menschen in jüngster Zeit einen weiteren Glauben verloren haben, den an die Macht ihres Stimmzettels. Von Berlin bis Washington gibt es furchtbare Ernüchterung darüber, dass auch ein Parteien- oder Koalitionswechsel nicht mehr hilft, um die 99% gegen das 1% zu schützen.

Denn die politische Elite hat längst das Wahlvolk verlassen. In den USA geht das soweit, dass die Republikaner bereit sind, die Konjunktur mit in den Boden zu rammen, bloß um Obama zu beseitigen. Die Sabotage der Konservativen macht vor dem eigenen Land und dessen Zukunft nicht halt. Das ist das politisch-strategische Äquivalent zu einem Potentaten, der seine Atomwaffen tatsächlich einsetzt, um die Gegner zu zerstören und der dabei in kauf nimmt, sich selbst zu verstrahlen.

Der Unwille der Finanzeliten zur Umkehr, zur Mäßigung und zum Teilen wird in den USA eine neue Revolution noch in diesem Jahrzehnt heraufbeschwören, sagt auch Paul B. Farrell im Wirtschafts-BLOG Market Watch vorher. In dem exzellenten Meinungsstück, bei dessen Lektüre sich eine Gänsehaut einstellt, wird bis 2020 die zweite verlorene Dekade in Folge prognostiziert.

In der ersten bis 2010 habe die grenzenlose Gier der Wall Street Millionen von Jobs gekillt. In der zweiten – jetzt – führe eine klaffende Einkommensschere in eine Ära von Parteien- und Klassenkriegen, in der die Superreichen mit ihren Republikaner-Marionetten fieberhaft versuchen, die neoliberale Ausbeutungs-Ordnung gegenüber den Sparern zu retten, während eine wachsende Volksbewegung den großen Verteilungskrieg endlich aufnehme.

In diesem Umfeld werde – worauf ich ebenfalls wette – die Bewegung der Wall Street-Besetzer die Tea Party als Alternative zu den etablierten Parteien meilenweit abhängen.

Fünf maßgebliche Entwicklungen, so Farrell, würden die Jahre bis 2021 kennzeichnen: Eine von anhaltend hohen Schulden zementierte Stagnation, in der es nicht mehr darauf ankommt wer im Weißen Haus regiert, weil zerstörerische Klassenkämpfe eine überwältigende Dynamik entfalten. Zweitens eine totale Abwendung der Anleger von den Kapitalmärkten, an denen sie wie zwischen Mühlsteinen zerrieben werden. Drittens eine Fed, die schließlich entgeistert aufgibt, weil selbst größte geldpolitische Kraftakte nichts mehr helfen. Viertens eine Wall Street, die erst durch die kommende Katastrophe zur Aufgabe gezwungen werden kann. Und fünftens die verlorene Dekade mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und wachsenden sozialen Kämpfen.

In der Folge komme es zu einem Übergang der Demokratien in Anarchie, die sich bereits andeute. Farrell zitiert die bekannten Proteste, die wir alle im Fernsehen bereits gesehen haben, und bezeichnet sie als zarte Anfänge verheerender Auseinandersetzungen: Eine Welle von zivilem Ungehorsam, Protesten und Aufständen, die von Indien über den arabischen Raum und Nordafrika bis ins Herz von Europa kriechen soll.

Hier geht es zu dem Stück von Farrell.

Quelle und das Recht auf Veröffentlichung habe ich eingeholt.