#Gastbeitrag: Interview von Prof. Dr. Hankel mit “eigentlich frei”

“Unruhe ist Bürgerpflicht!” Interview mit eigentümlich frei

30. September 2011 | Autor: Prof. Dr. Wilhelm Hankel

Der Wirtschaftswissenschaftler und Währungsspezialist Professor Wilhelm Hankel war vom Start weg einer der prominentesten Euro-Gegner. Bereits 1997 reichte Hankel gemeinsam mit den Professoren-Kollegen Wilhelm Nölling, Joachim Starbatty und Karl Albrecht Schachtschneider Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen Amsterdamer Vertrag zur Einführung des Euro ein, die jedoch nicht erfolgreich war. Im Mai 2010 klagten die vier erneut, diesmal gemeinsam mit Dieter Spethmann, gegen den Milliardenkredit für die Griechenland-Hilfe. Im Interview mit eigentümlich frei spricht Hankel, einst Erfinder der Bundesschatzbriefe, über die Klage gegen den Euro-Rettungsschirm, das womöglich nahende Ende der Gemeinschaftswährung sowie die sich daraus ergebenden ökonomischen und politischen Perspektiven.

ef: Herr Professor Hankel, das Bundesverfassungsgericht hat am 5. Juli Ihre Klage mündlich verhandelt. Waren Sie mit dem Verlauf zufrieden?

Hankel: Es war die erste Reaktion des Bundesverfassungsgerichts auf eine Klage, die wir ja schon vor einem Jahr angestrengt haben, nämlich gegen die damalige Einrichtung der Ad-hoc-Hilfen für Griechenland. Diese Hilfen sind ja inzwischen institutionalisiert worden durch einen ersten Stabilisierungsfonds, ein zweiter Stabilisierungsfonds ist in Vorbereitung. Gegen den können wir noch nicht klagen, weil er ja noch nicht parlamentarischen Hürden genommen hat, also noch nicht existent ist. Aber das Gericht ist sich völlig darüber im Klaren, dass die Klage sich natürlich gegen die Verfestigung der Hilfe richtet, und man ist auch darauf eingerichtet, dass zu den bisherigen Klagen noch eine Zusatzklage kommen wird.

Wenn es aufgrund all dieser Rechtsbrüche zu einer Inflationierung des Euro kommt, dann sind auch die Eigentumsrechte des Bundesbürgers nach Artikel 14 Grundgesetz berührt.

ef: Worum geht es bei Ihrer Klage im Kern?

Hankel:Das Zentrum der Klage ist erstens: Sind die jetzt eingegangenen Hilfsverpflichtungen sowohl Deutschlands wie auch der übrigen Euro-Staaten mit den Rechtsgrundlagen der Europäischen Union vereinbar? Zweitens: Sind sie mit der deutschen Verfassung vereinbar? Und drittens: macht sich das Gericht Gedanken über künftige Struktur Europas nicht nur al einer Währungs-, sondern auch als Transferunion. Das sind die drei Schwerpunkte. Der alte EU-Vertrag verbietet jede Haftung eines Euro-Staates für den anderen.

Das ist die vielzitierte No-Bail-out-Klausel Artikel 125 im EU-Vertrag. Wenn man nun Rettungsfonds für den Euro einführt, die genau das zum Ziel haben, nämlich Staaten, die in Verschuldungsproblemen stecken, auszulösen, verstößt ein Fonds auch gegen EU-Recht. Zweitens verstößt diese Maschinerie gegen das Grundgesetz.

ef:Warum genau?

Hankel:Das stützt sich auf drei grundlegenden Überlegungen. Erstens hat nach Paragraph 38 Grundgesetz jeder Bundesbürger das Recht auf eine Vertretung seiner demokratischen Ansichten durch seine Abgeordneten im deutschen Bundestag. Das ist das so genannte Demokratierecht. Das Zweite ist die Übertragung von Haushaltskompetenz. Die Festlegung des Bundeshaushalts ist sozusagen das originäre und primäre Recht eines Parlaments. Das kann nicht so ohne weiteres transferiert und auf Europäische Organe übertragen werden. Eine dritte Klagelinie ist: Wenn es aufgrund all dieser Rechtsbrüche zu einer Inflationierung des Euro kommt, wofür ökonomisch leider vieles spricht, dann sind auch die Eigentumsrechte des Bundesbürgers nach Artikel 14 Grundgesetz berührt.

ef: Die Politik verspricht: „Der Euro ist so hart wie die Mark“. Das klingt fast wie eine Beschwörungsformel.

Hankel: Es war eine Grundüberlegung des deutschen Verfassungsgerichts schon in den ersten Urteilen zu Maastricht von 1993, dass diese Währungsunion nur eingegangen werden kann und darf, wenn die neue Währung den Stabilitätsansprüchen der alten Währung entspricht – also so stabil bleibt und ist wie die D-Mark. Das Verfassungsgericht hat im Urteil von 1993 sogar ganz kategorisch gesagt: Wenn das nicht der Fall ist, dann hätte Deutschland das Recht, aus der Währungsunion auszutreten.

ef: Wie haben sich die Richter Anfang Juli in der Anhörung verhalten?

Hankel:Aus den Fragen der Richter kann man natürlich gewisse Rückschlüsse ziehen. Mir ist dabei aufgefallen, dass sie besonders oft Finanzminister Schäuble, der ja zeitweilig anwesend war, befragt haben, wie es eigentlich vorstellbar sei, dass ein Parlament dieses essentielle Budgetrecht übertragen könne. Sie haben also davon gesprochen, dass dies doch eine Verpfändung von Staatseinnahmen auf Jahre und Jahrzehnte hinaus ist. Und sie haben nachgefragt, wie man sich das im einzelnen vorstelle.

ef: Wie hat der Finanzminister reagiert?

Hankel:Herr Schäuble hat keine Antwort darauf gegeben. Er hat sehr pauschal auf die, so wörtlich, Notsituation im Mai vergangenen Jahres hingewiesen. Man habe vor einem Zusammenbruch Griechenlands – vor einer Staatspleite, so seine Worte – gestanden, und man musste befürchten, dass sich aus dieser Staatspleite eine Kettenreaktion im Finanzsektor ergeben könne, ähnlich jener nach der Lehman-Brothers-Krise. Und da dies den Euro gefährde, habe man handeln müssen. Das Gericht hat mich dann befragt, was denn nach meiner Sicht in dieser Frage falsch gelaufen sei. Wenn man gar nichts gemacht hätte im Mai 2010, wenn man also die von Herrn Schäuble beschworene Notsituation als solche gar nicht anerkannt, sondern überhaupt nichts gemacht hätte, dann wäre die heutigen Probleme gar nicht entstanden. Und das Gericht hat sehr aufmerksam zugehört, als ich darlegte, dass wenn man gar nichts gemacht hätte, der Zwang der Ereignisse und besonders der Zwang der Märkte dazu geführt hätten, dass Griechenland schon seit einem Jahr aus dem Euro ausgetreten wäre. Und wäre es bereits seit einem Jahr ausgetreten, dann wäre es bereits heute auf Erholungskurs.

ef: Die Politik bestreitet die vehement. Welches Wundermittel hätte die Griechen aus dem Sumpf gezogen?

Hankel:Griechenland hätte aus dem Zwang der Dinge heraus genau das getan, was man in 3.000 Jahren Geldgeschichte in solchen Lagen immer tut – man wertet ab. Man verhandelt mit den Gläubigern über einen Schuldennachlass, über einen sogenannten „Haircut“. Den bekommt man auch, weil jeder Gläubiger weiß, dass der Schuldner ohne Haircut schlicht die Zahlungen einstellt. Also einigt man sich auf einen mittleren Weg. So haben es in den letzten Jahrzehnten alle Staaten in ähnlicher Situation – wie Griechenland, Argentinien, Mexiko, Russland oder die Ukraine – gehalten. Der Austritt aus dem Euro hätte automatisch zu Abwertung und Haircut geführt und er hätte vor allen Dingen dem Land die Rosskur erspart, die heute ökonomisch widersinnig und extrem demokratiefeindlich von EU und IWF im Tandem verlangt werden.

Überall da, wo der Finanzsektor kolossal aufgebläht wurde, ist die Rezession am stärksten. Dass es bei uns bisher glimpflicher abgegangen ist, verdanken wir dem Umstand, dass wir weniger „overbanked“ sind.

ef:Warum ignoriert die Politik so hartnäckig die Tatsache, dass es noch nie eine Sanierung ohne vorherige Abwertung gab, warum klammert sie sich an den Euro um jeden Preis?

Hankel:Es ist für einem Ökonomen eigentlich nicht nachzuvollziehen. Aber vielleicht für einen Politikern, der – wie offensichtlich der frühere Bundeskanzler, aber auch frühere Finanzminister – daran glaubt oder geglaubt hat, das man die Vereinigten Staaten von Europa, die ja das Fernziel aller Europapolitik sind, dadurch bekommt, das man gewissermaßen über die monetäre Hintertreppe geht. Aber was die Herren nicht war haben wollten und was sich nun empirisch gezeigt hat: Die gemeinsame Währung erzeugt nicht Konvergenz, sondern Divergenz. Denn jeder Staat ist seinen Bürgern verpflichtet, er muss seine Ziele realisieren.

ef:So halten es zumindest die Politiker aller Länder außer Deutschlands.

Hankel: Man muss eigentlich etwas fassungslos registrieren, dass die Perspektiven für Deutschland, ein verpfändeter Staatshaushalt auf unbegrenzte Zeit, ja bedeuten, dass sich der deutsche Bürger nicht nur Gedanken machen muss um die Funktionsfähigkeit des eigenen Staates, sondern auch darum, was aus seinem Einkommen nach Steuerabzug wird. Denn die Bedienung dieser Steuerhypothek bedeutet ja schwere Transferzahlungen, die steuerlich aufgebracht werden müssen und letztlich vom Bürger bezahlt werden müssen.

ef: Sie haben schon von einem verpfändeten Staatshaushalt gesprochen. Haben Sie berechnet, was die Euro-Rettungsversuche bislang die Bürger gekostet haben und noch kosten könnten?

Hankel:Darüber hat der Kollege Sinn vom Ifo-Institut dem Gericht einige Zahlen vorgeführt. Man kann davon ausgehen, dass seit der Einführung des Euro im Minimum zwei Drittel der deutschen Gesamtersparnisse nicht mehr in Deutschland investiert worden sind, sondern in Europa. Dass dieses Geld hier nicht zur Verfügung gestanden hat, sieht man daran, dass die Investitionsquote in Deutschland – der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt – mit Einführung des Euro schlagartig zurückgegangen ist und bis heute die niedrigste unter allen Euro-Ländern ist. Das führende Industrieland in der Eurozone hat die niedrigste Investitionsquote. Man kann weiter davon ausgehen, dass dieser Zwang zur Kostensenkung in erster Linie von den Beziehern von Arbeitseinkommen getragen worden ist. Angesichts der Preissteigerung sind die deutschen Nominaleinkommen – die Arbeitnehmereinkommen, aber auch die Renten, also alle fixierten Einkommen – real gesunken. Das wiederum erklärt die Spaltung unserer Konjunktur, dass es im Exportsektor boomt, aber im Inlandsektor stagniert. Da fehlt einfach die Nachfrage. Ich habe nie verstanden, dass die in Deutschland starken Mittelstandsvertretungen auf diesen Übelstand nie hingewiesen haben. Sie könnten eine einfache Zahl nennen. Den großen Exportunternehmen, die ja allesamt börsennotiert sind, stehen Kreditmittel zum Emissionssatz zur Verfügung – also bei plusminus drei Prozent. Wenn ein nicht notiertes, nicht gelistetes Mittelstandsunternehmen Geld aufnehmen will, muss es zu einer Bank, und die Banken verlangen zwischen sieben und dreizehn Prozent. Das ist eine Wettbewerbsbenachteiligung, wie sie schlimmer gar nicht sein kann. Und nun muss man noch hinzufügen, was wenige wissen: Von der Gesamtsumme aller deutschen Unternehmungen sind ganze 1,2 Prozent an der Börse gelistet. Die übrigen 98,8 Prozent sind auf den teuren Bankkredit angewiesen – und das alles verdanken sie natürlich der Zugehörigkeit zur Eurozone.

ef:Dennoch heißt es in Berlin stets „Deutschland profitiert vom Euro und braucht ihn“. Wird da Deutschland mit Banken und Großindustrie verwechselt?

Hankel:Ja. Ich halte es – ich weiß nicht, ob ich sagen soll für die frechste Lüge oder die größte Inkompetenz – in der Analyse. Wir sehen aus dem Vergleich zum Beispiel Euroland mit den USA oder England, dass überall da, nämlich in den angelsächsischen Volkswirtschaften, wo in den letzten Jahren der Finanzsektor kolossal aufgebläht worden ist, die Rezession am stärksten ist. In England liegt der Anteil der Bankeinkommen am Volkseinkommen bei 20 Prozent, in den USA nur knapp darunter. Dass es bei uns bisher etwas glimpflicher abgegangen ist, verdanken wir dem Umstand, dass wir nicht derart „overbanked“ sind. Aber es ist ganz klar, dass der große Verlierer die Realwirtschaft ist. Schon die große globale Finanzkrise hat gezeigt, dass der Finanzsektor seine traditionelle Servicefunktionen, nämlich Kredite zu mäßigen und ertragsfähigen Konditionen zu liefern, gar nicht mehr wahrnimmt. Der größte Teil der Bankgeschäfte vollzieht sich nicht in der Transformation von Ersparnis und Spareinlagen zu Krediten, sondern von Anlagen in Finanzmärkten. Das heißt, die Banken sind gar nicht mehr Kreditlieferanten, sondern Handelshäuser in Wertpapieren. Dieser Prozess ist in den angelsächsischen Ländern noch weiter fortgeschritten als bei uns. Er wird durch den Euro nun maßgeblich gefördert. Und der große Nachteil der jetzt entstandenen Inflationsunterschiede, die ja wiederum eine Folge der Kapitalanlagen in den armen Euroländern ist, diese Inflationsunterschiede haben nun dazu geführt, dass sich diese Länder kräftig verschuldet haben, und mehr noch, dass wir Schritt für Schritt uns nun an dieser Inflation in den Südstaaten der EU anstecken. Diese Kontaminierung schreitet fort. Und sie wird maßgeblich dadurch gefördert, dass sich – was ein Skandal ungeheurer Art ist – die Europäische Zentralbank (EZB) von einer Notenbank in eine Sanierungsbank für diese Länder verwandelt hat. Die EZB kauft Schrottanleihen oder nimmt sie als Besicherung von Banken herein, bezahlt das ganze mit frischen Geld, mit einer Geldaufblähung, die zunächst mal nur an der Börse wahrgenommen wird als „asset inflation“, als Aufblähung der Börsenpreise, aber zunehmend auch beim Einkommensbezieher ankommt. Nun kommt auch noch innerhalb der Nicht-Unternehmer, innerhalb der Realwirtschaft ein Split hinzu, dass wirkliche Einkommenssteigerungen nur durch Börsenspekulationen entstehen. Das heißt, die Gewinneinkommen, speziell bei Banken, aber auch andere, explodieren, aber die Arbeitseinkommen fallen. Das muss früher oder später zu sozial ähnlichen Zuständen führen wie in Nordafrika!

ef:Dies alles müsste der Politik doch klar sein, sie schadet dem Land.

Hankel: Ja.

ef:Nun haben besonders die Südeuropäer und Irland dank der deutschen tiefen Zinsen nach der Euro-Einführung regelrecht Party gemacht, sich verschuldet, es dabei übertrieben und sind nun mit dem Kater aufgewacht. Die Deutschen, die die Party finanziert haben, sollen nun auch noch die Ausnüchterung berappen – und wenn sie zögern, sind sie sogar der Buhmann. Jeder Privatmann mit einem Funken Restverstand würde die Zahlungen einstellen.

Hankel: Man kann die Rettungspolitik des Euro im Grunde nur vergleichen mit einer öffentliche organisierten Konkursverschleppung. Das juristisch Fatale – und wir sprachen ja über die Reaktion des deutschen Verfassungsgerichts – ist, dass das, was privatwirtschaftlich unter Strafe steht, nämlich die Konkursverschleppung, öffentliche Politik ist. Die sogenannten Rettungsschirme für den Euro sind nichts weiter als Anstalten der Konkursverschleppung für Staaten, die längst hätten Konkurs anmelden müssen, und für Banken, die längst hätten einen Offenbarungseid leisten müssen. Das alles wird jetzt verschleiert, aber nicht nur juristisch, sondern auch monetär, und es kann nur in einer wahnsinnigen Geldaufblähung und Kreditaufblähung enden. Deswegen ist die Inflationierung des Euro – leider vorgezeichnet. Und die Europäische Zentralbank hat sich nicht als Hüter der Währung erwiesen, sondern als Mitspieler in diesem Inflationierungsprozess.

ef:Quasi als Komplize der Staaten.

Hankel: Ja! Ihre Unabhängigkeit hat sie total verloren und fast ist es symbolisch, dass sie sich zuletzt einen neuen Präsidenten wählte, der aus einem Land kommt, das demnächst auch … (lacht) … zu den Kunden des Euro-Rettungsfonds zählen wird. Wie kann man von diesen Gremien erwarten, dass sie einen Kurs fahren, der gegen die Interessen ihrer eigenen Länder gerichtet ist, so wie sie das sehen?

ef:Es ist offensichtlich europäische Strategie: Deutschland zahlt, und die anderen Länder besetzen die wichtigen, entscheidenden Posten.

Zu beklagen ist die laue Reaktion der deutschen Medien, die sich in der Eurofrage sehr bedeckt halten. Daraus schließe ich, dass wir über kurz oder lang doch so etwas wie eine Facebook-Revolte bekommen werden.

Hankel:Nur, wir wissen, dass so etwas nie lange gut geht. Das ist ja die Situation des Lebensretters, der vom Ertrinkenden mit in die Tiefe gerissen wird. Da nützt am Ende beiden nichts.

ef:Man will aber anscheinend gemeinsam untergehen.

Hankel:Es scheint so. Aber das ist natürlich keine sehr konstruktive Strategie, die eigentlich in jedem anderen mir bekannten Kontinent, sogar in Nordafrika, zu Bürgeraufständen führt. Bürger, die ihre Zukunft schwinden sehen, denen ganz klar sein muss, das ihr sauer verdientes Geld in Eurotöpfen versickert und für die andere ausgegeben wird, die ganz klar erkennen können, dass auch ihr Vermögen durch die Inflation aufgezehrt wird, für diese Bürger gilt eigentlich das Prinzip: Unruhe ist die erste Bürgerpflicht! Und nicht, sich mit Frauenfußball ablenken zu lassen.

ef:Oder mit der Droge „Eurobonds“…

Hankel:Der mit ihr verbundene Zinsanstieg ist der sicherste und schnellste Weg in die Rezession. Wer jetzt die Zinsen erhöht, macht aus der Euro-Krise eine Realwirtschaft erst in Deutschland, dann in der von Deutschland geführten Konjunktur in ganz Euro-Land. Es ist unbegreiflich, dass so etwas diskutiert wird. Hier wird aus nackter Rat- und Hilflosigkeit Panik, geradewegs in den Untergang führt.

ef:Um zu einem vielleicht positiveren Szenario zu kommen: Was passiert, wenn Deutschland doch noch die Kurve bekommt und etwa gemeinsam mit Holland, Finnland und Österreich die Eurozone verlässt?

Hankel:Wenn das geschähe, würde die Eurozone eine ganz andere Dimension gewinnen. Dann würden die Länder, die sich mit guten Argumenten bisher aus der Eurozone ferngehalten haben, diese Zone attraktiv finden, die Schweiz, die beiden skandinavischen Länder Dänemark und Schweden. Selbst Norwegen, das überhaupt nichts mit Euro und EU zu tun haben will, würde sich das alles überlegen. Ich würde noch nicht einmal ausschließen. Das dann selbst Russland sich an einer solchen Union beteiligt oder zumindest assoziiert. Und der Süden Europas könnte sich nicht in einer Schwachwährungsunion wieder finden wieder finden, sondern in etwas, was wir ja lange vor dem Euro mit Erfolg hatten, nämlich eine Wechselkursunion. Und das würde bedeuten, dass jedes Land auf Stabilität festgelegt ist, aber wenn es die nicht einhalten kann – wofür es manchmal innenpolitische Gründe gibt – dann noch in moderater Weise abwerten könnte und müsste.

ef:Der Süden Europas könnte ohne die Zwangsjacke Euro wieder atmen?

Hankel:Der unheilvolle Währungsverbund Euro, in dem man Industrieländer und quasi Entwicklungsländer, denn das ist der Süden, zusammenwirft, der würde aufgehoben, was sogar für die Nachhol-Länder ein Vorteil wäre, denn sie wären frei von inflatorischen Gefahren, sie wären frei von Auflagen hinsichtlich ihrer eigenen Entwicklungs- und Strukturpolitik, und sie könnten die Möglichkeiten der Abwertung benutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Griechenland hat in den 60er Jahren mit seiner damaligen Abwertung für viele Jahrzehnte ein Wirtschaftswunder hergestellt, bis es dann langsam in seinem eigenen Inflationsprozess versackte.

ef:In diesem Austrittsszenario wäre Deutschland nicht nur von Milliardenzahlungen entlastet, auch die bisherigen Belastungen plus Staatsschulden wäre leichter mit einer aufgewerteten neuen Mark oder alternativ mit einem Nord-Euro bedienbar.

Hankel:Selbst die deutsche Staatsschuld, die ja auch nicht ganz klein ist, wäre mit einer aufgewerteten D-Mark-Zwei leichter abzutragen als derzeit. Es spricht eigentlich alles dafür, diese Trennung, die in Europa realwirtschaftlich vorgegeben ist, auch monetär zu vollziehen. Das wäre ein vernünftiges Konzept.

ef:Wir haben bisher die USA und den Dollar nicht berücksichtigt. Der frühere US-Notenbankchef Greenspan sagte einmal: „Der Euro wird kommen, aber keinen Bestand haben“. Im französischen „Figaro“ las man, Maastricht sei Versailles, aber ohne Krieg. Teilen sie die Vermutung, dass den Amerikanern die Misere um den Euro nicht ganz ungelegen kommt?

Hankel:Der Dollar hat wesentlich bessere Karten als der Euro. Erstens stellt Amerika fast so etwas wie einen optimalen Währungsraum dar. Denn zu diesem gehört ja nicht nur die Mobilität des Kapitals, die wir hinreichend haben, sondern auch die Mobilität der Arbeitskräfte. Und die ist in den USA ausgeprägt. Amerika ist immer in der Lage, regionale Rezessionen durch die Arbeitskräftemobilität aufzufangen und auszugleichen. Wir sehen derzeit eine massive Abwanderung der Arbeitskräfte um Detroit in den Süden des Landes. Dazu kommt: Keiner der 50 Bundesstaaten der USA hat das Recht zum Bailout. Sie müssen ihre Probleme selber lösen. Und das gibt dem Dollar, bei allen Verschuldungsproblemen des Gesamtstaates, eine gewisse innere Stärke. Und er hat natürlich einen äußeren Privilegienvorteil, der allerdings im Schwinden ist, wenn er noch die weltweit wichtigste Transaktions- und Reservewährung ist. Was bedeutet jeder neu produzierte Dollar zu 60 Prozent ins Ausland geht. Ein Teil der inflatorischen Effekte der US-Geldpolitik wird so abgefangen. Aber: Amerika steht unter Bewährungszwang. Diese Politik kann jetzt nicht ewig fortgesetzt werden. Der Zusammenbruch de Euro, den ich zeitlich vor dem des Dollar ansetzen würde, wird wahrscheinlich Amerika doch Luft verschaffen.

ef:Was steht am Ende der Entwicklung? Der Zerfall der heutigen Staaten durch Staatsbankrotte? Aufstände der Steuerzahler? Ist es für Sie denkbar, dass sich der deutsche Steuerknecht endlos mit Bailouts auspressen lässt?

Hankel:Ich bin ziemlich sicher: am Ende eine qualvollen Drangperiode steht ein neues Bretton-Woods-System. Die Ansätze sind ja in der Gruppe der G 20 schon erkennbar. Es sind vor allen Dinge die BRIC-Staaten und die neuen Schwellenländer, die völlig mit Recht verlangen, dass, wenn sie schon ein Großteil der Finanzierung der heutigen Industrieländer liefert, ihre Interessen sowohl im Weltwährungssystem als auch in einem revidierten IWF stärker berücksichtigt werden. Ein neuer IWF mit eigenen Abrechnungseinheit, den Sonderziehungsrechten, wird den Dollar als Welteinheit ablösen. Und das bedeutet, dass ach die USA, wie jedes normale Mitgliedsland des IWF, unter Stabilitätszwang geraten. Sie können dann nicht mehr mit selbst gedruckten Dollar ihre Defizite bezahlen.

ef:Abschließend, Herr Professor Hankel: Wie sind die Reaktion auf Ihren Einsatz? Haben die sich gewandelt im Laufe der Zeit? Sie sind ja schon seit Mitte der 90er Jahre als Eurogegner aktiv.

Hankel: Wissenschaftlich erfahren ich eine gewisse Genugtuung, dass das, was ich früher gesagt habe und als ketzerische Mindermeinung galt, heute eigentlich von allen ernstzunehmenden Ökonomen – und insgeheim wahrscheinlich auch von allen Journalisten – geteilt wird. Zu beklagen ist die laue Reaktion der deutschen Medien, die sich auch jetzt noch in der Eurofrage sehr bedeckt halten. Und daraus schließe ich, dass wir über kurz oder lang doch so etwas wie eine Facebook-Revolte bekommen werden. Denn aus allen Umfragen, die wir haben, wissen wir, dass inzwischen über 70 Prozent der deutschen Bürger energisch auf Euro-Reformen drängen. Und jetzt kommt meine geheime Hoffnung. Je länger man es versäumt, die Eurozone zu reformieren, desto wahrscheinlicher wird die maximale Lösung – nämlich die Rückkehr zur D-Mark!

Über den Autor

AlterKnacker

AlterKnacker
Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.