Der Papst: Menschenwürde und Gerechtigkeit wirklich für alle?

Der Papst ist in Deutschland, immerhin kommt er auch aus diesem Land, es gibt Freude und Wut darüber und er hat im Bundestag gesprochen. Diese Rede war philosophisch, Aktualitäten kamen in der Rede nicht vor, aber der Beginn mit Salomon hat viele überrascht und im Folgenden ziemlich nachdenklich gemacht. Diese Nachdenklichkeit wird bei einigen der Herrschenden nicht lange vorhalten, dafür ist Macht viel zu verführerisch. Nur bei einigen wird überhaupt nichts angekommen sein, auch wenn ihre Ideologie sich auf ein großes C stützt.

Es ist für mich in keiner Weise mehr erkennbar, als solche unterschiedlichen Tatsachen auch noch am gleichen Tag die Schlagzeilen beherrschen, wie ich mich als relativ normal denkender Mensch hierbei noch verhalten soll.

Ich habe mir bewusst die Rede des Papstes im Bundestag angehört, weil ich immer versuche, wenigstens ein relativ objektive Grundhaltung einzunehmen, weil ich auch von mir weiß, dass ich dies nie alles als ‘gottgegeben’ so hinnehme und hinterfrage. Natürlich war diese Lehrstunde eines Philosophen schon einigermaßen lehrreich, aber die Philosophie ist niemals die einzige Grundlage menschlichen Zusammenlebens. So halte ich es auch mit der Institution der Kirche oder des Glaubens, denn allein gut gesetzte Worte schaffen oft genug bei gegenteiligen Tatsachen mehr als ein ungutes Gefühl.

Alle Zitate aus der Papstrede können hier im Gesamten nachgelesen werden.

Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit.

Als ich nach diesem Zitat den Beitrag in der Süddeutschen über den Betrag für Wasser in Hartz IV-Familien fand, ist mir eigentlich mehr als schnell klar geworden, dass selbst ein Papst mit noch so schönen Worten nur wenig bis gar nichts bei Politikern bewirkt, welche so absolut beratungsresistent sind. Besonders die Parteien der Regierungskoalition mit dem großen C haben mit diesem garantiert nichts mehr zu tun.

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.

Mehr als 6 Millionen Menschen sind in diesen Land schon ausgeschlossen und werden durch die Rede eines Kirchenoberhaupts auch nicht wieder in die normale Gesellschaft zurück integriert. Eine Kirche macht keine Realpolitik und setzt auch keine Maßstäbe mehr, sosehr gerade in der heutigen Zeit dies in bestimmten Situationen von den Betroffenen gewünscht wäre.

Für mich persönlich sind solche Reden in erster Linie dazu gut, bestehende Verhältnisse zu verfestigen, denn ein Status Quo war schon immer im Sinne von Macht und Herrschaft. Dass sich auch die Medien vielfältig an diesem Status Quo beteiligen, ist aber nicht mehr so ohne weiteres hinnehmbar.

Es ist eine anspruchsvolle, philosophisch-theologisch gehaltene Ansprache, in der der Papst der Politik ins Gewissen redet. “Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen”, sagt Benedikt XVI. Maßstab politischer Arbeit dürfe nicht “der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein”. Er kritisiert die zunehmende Glaubensferne und Geringschätzung der Religion zugunsten des rein rationalen Denkens im Sinne der Naturwissenschaft. Natur und Schöpfung dürften nicht nur noch nach funktionalen Gesichtspunkten bewertet werden, mahnt der Papst, Ethos und Religion nicht außen vor bleiben. Eine “dramatische Situation”, nennt Benedikt dies. Eine Denkweise, wo es nur um das Funktionieren gehe, gleiche Betonbauten ohne Fenster.

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Natürlich gehen die Medien wohl auf bestimmte Auswüchse innerhalb der Kirchen ein, auch und weil sie gerade bei dieser Rede im Bundestag überhaupt nicht angesprochen wurden, aber auch dies dient in erster Linie der Augenwischerei, denn das Machtgefüge in Berlin kann sich inzwischen auf den Rückhalt der meisten Medienvertreter verlassen. Selbst die Papstkritische Gegendemonstration in Berlin sah mir eher nach Alibiveranstaltung aus, denn die Demonstranten waren nicht in der erwarteten Anzahl erschienen. Die institutionelle Kirche braucht trotz vielfältigem Austritt nicht um ihre Daseinsberechtigung zu bangen, denn selbst ein Philosoph wie Richard David Precht spricht vom “Kitt der Gesellschaft”, der Kirche und Gesellschaft zusammenhält. WIR im FIWUS sehen die Dinge dann doch noch etwas anders.