Visionäre gesucht? Einer ist von uns gegangen

Leo Kirch war ein Visionär, denn als er seine Visionen hatte, war gerade ein furchtbarer Krieg vorbei und die Menschen um ihn herum waren hungrig nach Ablenkung und Unterhaltung. Wie er sein riesiges Filmarchiv gründete, werden seine Biographen schon noch detailliert ausgraben, denn der Mann selbst galt quasi als besonders stumm gegenüber der Öffentlichkeit. Die jetzigen Nachrufe auf diesen Mann werden ihm in keiner Weise gerecht, auch wenn sie vielfältig sind.

14.07.2011

Zum Tode Leo Kirchs

Aufbauen, pleitegehen, weiterkämpfen

Von Maria Marquart

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Foto: DPA

Für Frauen oder Yachten wollte er sein Geld nicht verpulvern: Leo Kirch baute einen mächtigen Medienkonzern auf, galt als gewiefter Strippenzieher, war ein Vertrauter Helmut Kohls. Dann legte er eine der größten Pleiten der deutschen Geschichte hin. Für sein Lebenswerk kämpfte er bis zuletzt.

Hamburg – Als sein Lebenswerk zugrunde ging, war Leo Kirch längst im Rentenalter. Er hatte sich finanziell abgesichert, er hätte sich ins Privatleben zurückziehen können. Doch Kirch machte weiter. Und investierte erneut ins Mediengeschäft.

Trotzdem bleibt sein Name vor allem mit einer Sache verbunden: einer der größten Pleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Das sein Name nicht nur für Pleite steht, sollte hier eher an erster Stelle stehen als solch eine negative Aussage und ich war wahrlich kein Freund und Bewunderer dieses Mannes. Aber er war auch ein Filmmensch und diese Menschen kann ich sehr gut verstehen, denn auch mein eigenes Leben ist vom Film und vom Fernsehen geprägt, auch heute noch, selbst aus der Tatsache heraus, dass ich rein körperlich nur noch als Konsument funktioniere und seit langer Zeit vor leerem Bildschirm sitze, um ein Drehbuch zu schreiben, selbst auf die Gefahr hin, dass es niemals realisiert wird.

Dabei bräuchte es noch nicht mal sehr viel Technik, um solch einen Film mit und über mich zu machen, aber wie bei Leo Kirch zu seiner Anfangszeit fehlen mir die finanziellen Möglichkeiten und die Nachkriegszeit war nun mal ganz anders erlebbar als die heutige Realität. Mit 3 HD-Kameras, diversen Mikrophonen und etwas an Licht und HD-Material in ausreichendem Maße und 3 Monaten Zeit würde ich einen Film zustande bringen, der einiges über ein Leben am Rande der Gesellschaft zeigt, der aber auch zeigt, dass sich ein Leben wie mein eigenes nicht allein auf Banalitäten gründet. Menschen wie ich gibt es viele, alleinstehend, keine Freunde, keine Kommunikation, keine realen Perspektiven mehr und doch bin ich nicht unglücklich, denn ich nutze ein geringes Maß an Technik, um mit der Welt und ihrer Realität verbunden zu sein durch den Computer und das Internet.

Während ich jetzt über Leo Kirch, seine Visionen und diesen Beitrag nachdenke und dies schreibe, laufen meine Gedanken schon wieder zweigleisig, denn ich bringe mich selbst ein, lass aber den jetzt Verstorbenen nicht einfach aus den Augen, denn ich sehe beim Schreiben auch die Bilder seines ersten Deals regelrecht vor Augen, wie er in Rom den Film “La Strada” von Fellini sieht und die Rechte erwirbt. Gleichzeitig sehe ich mich, wie ich in diesem Obdachlosenasyl in meiner Behausung am Tisch sitze und diesen Beitrag schreibe, während im Hintergrund der Fernseher mit einem Spielfilm läuft, wobei mir diesmal das Schreiben des Beitrags wichtiger ist als der Film, denn auch das Schreiben erzeugt immer Bilder in meinem Kopf.

Kirch war wie ich Autodidakt, auch wenn er studiert hat, aber die Filmbranche kann man auf keiner Schulbank lernen und das Geschäft mit dieser Ware ebenso wenig. Der wirkliche Unterschied zwischen Kirch und mir ist die Tatsache, dass er ein Machtmensch war, während ich mich immer nur als Handwerker gesehen habe, so wie auch jetzt beim Schreiben meiner Beiträge für den FIWUS. Filmen und Schreiben besteht oft aus bestimmten Gefühlen heraus, die ich aber eher als Bauchgefühl und Intuition erlebe und erst in zweiter Linie als Technik, wobei aber die Technik ein relativ großes Maß an Disziplin erfordert, während ich beim Schreiben freier in meiner Zeit bin und auch mal Pause machen kann, wenn mir danach ist.

Leo Kirch war mit seinen Geschäften da eher ein Getriebener, denn bei ihm ging es auch um eine Existenz und allein die Verantwortung für seine Mitarbeiter musste ihn zu Höchstleistungen antreiben. Ein Imperium wie seines fordert eben auch seinen Tribut. Wer jetzt aber denkt oder glaubt, ich würde mich mit Leo Kirch in irgend einer Art vergleichen, irrt sich mehr als gewaltig. Wir hatten nur eine Gemeinsamkeit und die habe ich schon benannt. Leo Kirch hat ein Imperium aufgebaut, ich war, wie viele andere in der Branche, ein mehr oder minder kleines, aber wichtiges Rädchen und ich habe auch in einigen Produktionen für ihn gearbeitet, ihn aber persönlich nie kennengelernt.

Früher, während meiner Zeit beim Film, in verschiedensten Tätigkeiten (Tonassistent im Synchronstudio, Filmvorführer im Kino und beim Bayerischen Rundfunk in Freimann,dann wieder als Tonassistent zum Beispiel viereinhalb Jahre bei der Serie “Der Alte” und anderen Serien und Tontechniker bei Live-Sendungen für verschiedenste Sender, Tonmeister bei verschiedensten Produktionen und Spielfilmen, auch Internationale, sowie als Cutter und die letzten 8 Jahre als freier Kameramann bis 1992, unter anderem auch für Firmen wie Opel, VW und Mercedes) habe ich immer nur gelernt und war mit jedem Abschluss einer Arbeit ein Stück weiter gekommen. Langeweile habe ich eigentlich noch nie gekannt, Faulheit manchmal schon eher, die aber auch eine Berechtigung hatte.

Ich habe ein Leben er- und gelebt und werde es weiterhin leben, wenn auch heute in anderer Form und ich hoffe, noch relativ lange, wenn mein Kopf mitmacht, der mich bisher noch nicht im Stich gelassen hat und es auch weiterhin nicht tut. Leo Kirch hat seine Schufterei hinter sich. RIP!