Gastbeitrag zu Spanien – #nonosvamos

Demokratiebewegung in Europa, wo eigentlich jeder glaubt, in einer Demokratie zu leben, mit solchen Widersprüchen müssen sich die europäischen Regierungen jetzt schnellstens auseinander setzen, denn nicht allein Nordafrika und der nahe und mittlere Osten geht gegen die eigenen Regierungen auf die Barrikaden. Finanz- und Bankenkrisen werden nicht allein zum Anlass genommen, es ist die pure Arroganz der derzeit Mächtigen, denen niemand mehr vertraut, denn ein Wegbrechen von wirklich erarbeiteten Sozialsystemen sorgt im gesamten europäischen Raum dafür, nach den wirklich Schuldigen zu suchen und wird sie auch finden, denn die Technik von heute hilft dabei sehr.

#nonosvamos – “Wir gehen hier nicht weg”

Geschrieben von sem ⋅ Mai 28, 2011 ⋅ 3 Kommentare

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Am Sonntag, den 15. Mai 2011, eine Woche vor den Regional- und Kommunalwahlen in Spanien, begann in eine “kleine Revolution“, die von der Bewegung Democracia Real Ya(“Echte Demokratie Jetzt”) ausging und seitdem auch Movimiento 15-M (“Bewegung 15. Mai”) genannt wird. Initiator war Fabio Gadera, ein 26-jähriger arbeitsloser Anwalt, der Mitte Februar eine Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook

startete, auf deren Internetseite bis Ende Mai über 360.000 mal der “gefällt mir”-button gedrückt wurde. Ende März hat er dann gemeinsam mit 15 jungen Menschen formell ein Kollektiv gegründet, von denen inzwischen auch der 23-jährige Student Pablo Padilla, der als Sprecher auftritt, und der Webdesigner Manuel Jesús Román bekannt geworden sind. (Wir selbst sind zuerst ein paar Tage nach der Sonntagsdemonstration durch ein YouTube-Video auf die Bewegung aufmerksam geworden, und haben seitdem sehen können, wie die Menschen in Spanien gerade ihre Augen öffnen und sich zeigen.)

Auch für die Initiatoren überraschend, fanden sich am Demonstrationssonntag in rund 50 Orten Spaniens 130.000 vor allem Jugendliche und Studenten zusammen und riefen “Wähle sie nicht!” und “Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Bankern”. Ungefähr 100 Menschen haben dann spontan in Madrid auf dem Platz Puerta del Sol übernachtet, der in der Nacht von der Polizei geräumt wurde. Ab dem nächsten Tag kamen mehr Menschen auf den Platz und eröffneten unter dem Motto “Nehmt Euch den Platz” ein Zeltlager und sagten “Yes we camp!”.

Die Bilder und die Atmosphäre auf diesem Platz, die dann in den nächsten Tagen entstanden, erinnerten uns sehr an das, was einige Monate vorher in Kairo auf dem Tahrir-Platz geschehen war. Ist also der arabische Frühling in Europa angekommen?

Die Wut sitzt tief bei den Jugendlichen, sie sehen ihre Anliegen im 2-Parteiensystem Spaniens nicht repräsentiert und beklagen Arbeitslosigkeit, Korruption und das Wahlsystem. Sie nennen sich “Los Indignados”, “die Empörten” und waren plötzlich eine Bewegung, die in ganz Spanien Fuß fasste. Viele Beobachter waren überrascht, dass es einige Tage dauerte, bis von der #spanishrevolution auch in den Massenmedien erschienen. So waren es vor allem die neuen Medien und Blogger, wie der Deutsch-Spanier Rafael Eduardo Wefers Verástegui, die in den ersten Tagen die entstandene Informationslücke füllten. Er berichtete regelmäßig und auch von Radiostationen angefragt. Auch der Blogger, Fotograf und Zeitungsreporter Reiner Wandler berichtete zeitnah über die “Spanische Revolution”, die niemand erwartet hatte. Einen interessanten Live-Ticker über die Ereignisse konnte man im Netz für einige Tage vom Hamburger Newsportal breakfastpaper lesen und der Weblog spreeblick veröffentliche als erstes das Manifest der spanischen Bewegung auf deutsch (hier der Anfang):

“Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.”

Die Zeltstadt und die Massendemonstrationen sollten zuerst bis zum Wahlsonntag (22.05.2011) weitergehen, aber die Wahlbehörde hat am Freitag vorher sämtliche für das Wochenende angekündigten Demonstrationen verboten, weil sie den Ablauf der Wahlen gefährden und Wähler beeinflussen könnten. Aber die Menschen wollten bleiben, im Notfall passiven Widerstand leisten. Ein Sprecher des Innenministeriums teilte am Freitagabend noch mit, die Polizei werde die Proteste dulden, solange sie friedlich verlaufen und die öffentliche Ordnung nicht gestört werde. Und tatsächlich haben sich in Madrid 20.000 Menschen dem Verbot widersetzt und haben den beginnenden “Tag des Nachdenkens”, den das spanische Wahlgesetz vorsieht, in Madrid um 0:00 Uhr mit einem“stummen Schrei” begonnen. Und sie blieben am Wahltag, welche der im Land regierenden sozialistischen Partei ein Wahldebakel brachte – und blieben auch darüber hinaus, denn sie beschlossen am Wahltag ihre Demonstrationen im ganzen Land fortzusetzen. Und obwohl die Behörden die Räumung der Zeltlager angekündigt hatten, gingen die »acampadas«, die Protestcamps in mehr als einem Dutzend Städten weiter. »Wenn ihr uns nicht mehr träumen lasst, hören wir einfach auf zu schlafen!« stand auf Plakaten und auch über Spanien hinaus gingen Jugendliche auf die Straßen, und am Sonntag nach der Wahl sollte um 18 die “europäische Revolution” starten. In Madrid wuchs und organisierte sich eine “ganz normale Stadt” auf dem Puerta del Sol in Madrid, an 60 Orten gab es solche Camps. Beobachter waren in diesem “historischen Moment” fasziniert von der Ernsthaftigkeit und dem“unmöglichen Realismus” der Menschen auf den Plätzen. In der Zwischenzeit fühlten sich auch Deutsche von der besonderen Atmosphäre angezogen, wie die Filmemacher vom Sender Freies Neukölln, die sehr eindrückliche Filme in Barcelona, Valencia, Madrid,Zaragoza, Logrono und Pamplona drehten. Und der Virus der “Revolution” sprang auch über Spanien hinaus. Am Mittwoch demonstrierten dann in Griechenland 50.000 Menschen auf dem Syntagma Platz in Athen; und wieder waren die Initiatoren Facebook-Aktivisten. Am selben Tag wurde vermutet, dass die “Spanische Revolution” nun bald “schlapp machen” könnte, und am Freitag begann auch die “Empörung über Empörte”, da etwa Geschäfte auf dem Platz in Madrid große Umsatzeinbußen erlitten und die hygienischen Zustände beklagt wurden.

Am Freitag wurde dann in Barcelona ein Protest-Camp, das 200 Menschen 12 Tage lang auf dem zentralen Platz Plaza de Cataluña aufgeschlagen hatten, durch die Polizei unter Einsatz von Schlagstöcken und Gummigeschossen gewaltsam geräumt. Als Begründung wurde angegeben, das der Platz gereinigt und gefährliche Gegenstände entfernt werden sollten, weil der Platz am Samstag eventuell für eine Siegesfeier nach einem Fußballspiel des FC Barcelona gegen Manchester United benötigt würde. Bei dieser Räumung wurden mehr als 120 Personen verletzt – die im Fernsehen und im Internet live zu sehen waren – und umgehend gab es auch viele Videos der schweren Zusammenstöße auf YouTube zu sehen. Nachdem der Platz geräumt war, strömten die Empörten zurück und wurden unterstützt von vielen tausend Bewohnern. Demonstranten stellten sich wohl Reinigungsfahrzeugen in den Weg und riefen “Wir haben keine Angst” und verteidigten ihre Zeltlager.

Um 20.30 Uhr am Freitag Abend schrieb R. Wefers Verástegui eine Twitternachricht:“BREAKING: Camp in Barcelona KOMPLETT wiederaufgebaut. Größer als zuvor.”(Fortsetzung folgt)
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Wir laden hier ein, sich selbst auf diesen Seiten weiter zu informieren über die #spanishrevolution und “Echte Demokratie jetzt”. Wir hoffen, es erleichtert Ihnen den Weg durch das oft so unübersichtliche Netz der Information – und wir schaffen es gemeinsam einen gewaltfreien, sozialen Wandel zu unterstützen zu echter Demokratie und Freiheit …

28.05.2011