Menschenwürde ist kostenpflichtig an der Garderobe abzugeben

Eindrücke und Fakten der ersten drei Tage/Nächte in einer Umgebung, die ich auch Feinden nicht an den Hals wünsche.

Für ‘schwarze Löcher’ wie die HRE oder auch sonstige marode Banken, Firmen und sogar Länder ist immer Geld vorhanden, für Menschen und deren Würde nicht.

Danziger Str. 18 – Obdachlosenasyl in Passau 08.04.11 / 18:30

Ich bin jetzt ca. dreieinhalb Stunden hier, mein Eigentum steht noch nicht ausgepackt rum.

Als ich so um 13:15 Uhr hier eintraf, um mein Eigentum in die Unterkunft zu befördern, waren Gottseidank nur wenige Bewohner im Haus und ich konnte recht unauffällig ‚einziehen’, was auch recht schnell über die Bühne ging.

Danach bin ich noch mit einem der Helfer, Florian N. auf eine Cola gegangen und war dann ab 15:00 allein in dem Raum zurück. Das Fenster stand weit offen, aber da ich noch voller Adrenalin und auch sonstiger Hitze aufgeladen war, bemerkte ich nicht, wie kalt der Raum in Wirklichkeit war.

Außer Tisch, Stuhl, einem schmalen Schrank und einem Bett ist der Raum sonst völlig kahl, die Decke und die Wände sind eigentlich roh und weiß gestrichen. Ein Heizkörper ist wohl vorhanden, dient aber offensichtlich nur zur Dekoration, denn warm wird er nicht. Der Raum hat Kühlraumtemperatur und da ich nicht frieren will, bin ich gezwungen, im Bett unter der wärmenden Decke zu liegen, außerdem hat das Haus keinerlei Außenisolierung und der Raum zwei Außenwände, der Raum wird also niemals in irgend einer Weise Wärme halten können, selbst wenn die Heizung auf Hochtouren lief, was sie ja aber nicht tut.

Am schlimmsten ist der Lärm der Straße, der einen Pegel erreicht fast wie auf einer Rennstrecke. Brauche ich frische Luft, ist der Lärm unerträglich.

Jetzt frage ich mich natürlich, wie es mit dem Essen gehen soll, aber da Freitag ist, kann ich um diese Zeit niemand Verantwortlichen mehr erreichen. Wenn ich Getränke kaufe, ist dass noch als ziemlich normal anzusehen bei mir, da ich eiskalt sowieso nicht mag. Bei Lebensmitteln sieht die Sache schon anders aus. Hier hab ich wirklich noch keinen Plan. Kochen oder auch nur Nahrung wärmen ist hier wohl nicht vorgesehen, Möglichkeiten einer sogenannten Gemeinschaftsküche wurden mir nicht vorgestellt.

Bisher ist es im Haus noch relativ ruhig, was sich aber garantiert noch ändert.

09.04.11

Es ist erstaunlich ruhig im Haus, diverse kurze Ausraster sind wohl üblich, besonders am Samstagnachmittag während der Bundesliga. Heute bin ich noch weniger Menschen im Haus begegnet als gestern. Einmal musste ich an einer offenen Tür vorbei und ich habe keinen Blick riskiert, damit sich ja niemand provoziert fühlt.

Kann man eigentlich den Staat wegen Körperverletzung verklagen?

Meinen NetTop habe ich auf einen meiner kleinen Tischchen platziert, darauf noch ein Päckchen, damit ich die richtige Schreibhöhe habe und ich sitze mit einer Decke um die Schulter auf dem Bett, was mir immer mehr Schmerzen bereitet, denn für meinen Rücken ist das schon fast kriminell. Das Bett sieht aus wie eine alte Knastausgabe, Rohrgestell, die Matratze liegt auf einem Federgeflecht und hängt so schrecklich durch, dass mein Kreuz stets durchgebogen wird, egal wie ich liege. Die Kälte dringt aber auch durch Bettdecke und Matratze.

Mein kleiner Radiowecker liefert alle Stunde etwas so ähnliches wie Nachrichten (Bayern 3), die Musik ist einigermaßen annehmbar, nur mit den neueren Stücken kann ich oft sehr wenig anfangen. Die Moderation kann man meist in die Tonne hauen, denn Probleme werden schon gar nicht angesprochen, so was existiert ja nicht auf dieser Welt und es könnte ja die zu Berieselnden verschrecken. Die Nachrichten sind auch so gehalten, wie für Blödzeitungspublikum, Hintergründe existieren einfach nicht, außer bei Fußball und da existieren außer Bayern München eigentlich keine weiteren Vereine. Der Rest der Bundesliga besteht nur aus Resultaten.

Als ich heute früh um 6:30 wach wurde, brauchte ich erst mal einige Zeit zur Orientierung, aber auch zum genauen hinhören, ob sich andere Bewohner schon im Haus bewegten. Ich verlasse diesen Raum nur, wenn ich einigermaßen sicher bin, so wenigen Menschen hier auf dem Flur, der Toilette und dem Waschraum zu begegnen wie möglich.

Die Sanitäranlagen sind es wirklich wert, sie zu zeigen, was ich mit Handybildern auch noch versuchen werde. Duschen werde ich mich schon mal gar nicht hier, denn nirgends befinden sich Festhaltehilfen und bei meiner immer schlimmer werdenden Unsicherheit infolge von Parkinson werde ich dies mir nicht antun und mich durch einen Sturz verletzen, denn dann kann ich mich von meinem letzten Hab und Gut verabschieden. Fast alles ist noch verpackt und bleibt es auch, denn hier werde ich nicht bleiben. Außer den Waschbecken sind die restlichen Sanitäranlagen in einem grauenhaften Zustand, was natürlich zum allergrößten Teil auf den Vandalismus der Bewohner zurückzuführen ist, aber für eine Daueraufsicht reicht natürlich das Geld, was dafür nötig wäre, in keiner Weise, denn Banken und sonstige wirtschaftlich relevanten Gruppen müssen ja bevorzugt werden statt Menschen, die in dieser Gesellschaft schon lange keine Rolle mehr spielen, außer als Kostenfaktor.

Am liebsten würde ich diesen Verbrecher verklagen, der sich solch eine Unterkunft ausgedacht hat und dafür auch noch eine dicke Kohle eingestrichen hat. Gleichzeitig mit ihm die verantwortlichen Stadtpolitiker und Beamten. Wenn der sich auch noch Architekt schimpft, wäre es meiner Meinung nach absolut reine Notwehr, wenn dieser Mensch zur Strafe mindestens ein Jahr hier leben müsste unter den gleichen Bedingungen wie die übrigen ‚Bewohner’.

Am 09.02.2010 sprach das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil auch immer wieder von Menschenwürde. Nach dem sich überziehenden Kompromiss der Politiker zur Hartz-Reform im März 2011, welcher nach Vorgabe des Gerichts am 01.01.2011 hätte in Kraft treten sollen, ist von Menschenwürde kein Wort mehr gesprochen worden und ist damit abgeschafft, obwohl das Grundgesetz eigentlich was anderes sagt. Ich werde klagen und mich auf diese Gesetze berufen und sie auch einfordern.

10.04.2011

Es ist Sonntag, ich werde um kurz vor 9:00 durch einen Anruf von Florian N. geweckt nach einer Nacht mit mehrmaligen Aufwachen, was immer auch erst mal mit Lauschen, was im Haus los ist, verbunden ist. Die Schmerzen in meinem Rücken sind unerträglich und ich muss eine Tablette nehmen, die eigentlich erst am Abend vorgesehen ist.

Florian holt mich ab, was abgesprochen war, denn sein Laptop hat eine ‚Krise’. Nach einem kurzen Check meiner eigenen E-Mails nehme ich mir den Laptop vor. 6 Stunden checken, der Computer ist von Viren und Trojanern so verseucht, dass wir eine Neuinstallation an einem anderen Tag vereinbaren. Den Weg von F. N. zur Unterkunft laufe ich, es sind ca. 3km, aber immer nur Berg ab und dauert bei mir ca. 20 Minuten, zu ihm den Berg rauf laufen würde bei meinen Geschwindigkeit ungefähr 2,5 Stunden betragen, kommt so also niemals in Frage.

In der Unterkunft Tür abschließen, das Chaos ansehen, die Nahrungsmittel, etwas Streichwurst, Margarine und Brot, sind gut gekühlt. Ich esse wohl etwas, aber von einer normalen Nahrungsaufnahme kann da keine Rede sein, aber abnehmen soll ja auch gesund sein. Es ist wie üblich saukalt, ich lege mich ins Bett und lese. Das Radio läuft als Background und ich unterbreche das Lesen nur bei Nachrichten, die wirklich ‚gehaltvoll’ sind. Es ist jetzt kurz vor 3:00 morgens, als ich nach wiederholtem Aufwachen mich aufraffe und dieses Kapitel schreibe. Ich habe gerade einen Sender gefunden, der Wort- und Infobeiträge bringt, weil ich das ständige Gedudel von Bayern 3 einfach auf Dauer nicht mehr aushalte. Jetzt läuft die ARD-Info-Nacht, aber der Empfang ist wesentlich schlechter, es rauscht.

Ich habe jetzt 45 Minuten geschrieben, die Decke über der Schulter auf dem Bett sitzend, aber die Beine sind schon Eisklötze und es ist so nicht mehr länger auszuhalten. Schluss mit schreiben für jetzt.

Über den Autor

AlterKnacker

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Ein Mensch, der denkt und schreibt. Nicht immer lustig, aber das Leben ist ja auch kein Beliebtheitswettbewerb.

5 Kommentare

  1. Inge Jurk

    Leider habe ich in Passau und Umgebung noch nichts ausfindig gemacht an besseren Adressen. Aber, Du könntest Dir für weitere Abenteuer mal etwas auf den Merkzettel tun:
    Ich schreibe das absichtlich hier, vielleicht hilft es ja auch mal jemand Anderem noch.
    Die besseren Adressen sind bei den evangelischen Einrichtungen, mit richtigen Zimmern, Betten, Wohnungshilfe, etc. Billig ist es bei denen auch nicht, aber als Sprungbrett besser, besonders dann, wenn man kein Alkproblem hat. Um die kümmern sich diese Einrichtungen zwar auch, aber diese Leute können es oft nicht so gut nutzen.
    Also, es gibt Folgendes, meistens aber schon auf Württemberger Gebiet: Dornahof – davon gibt es mehrere. Der, welcher früher der Leiter hier war, ist nun schon viele Jahre im Dornahof Biberach Chef. Er war es, der mir damals Mut gemacht hat, durchzuhalten. Denn, es ist überall etwas, das unangenehm ist – sind es die Zimmer nicht, ist es etwas anderes. Unsere Hilfen sind auch alle mit Haken und Ösen besetzt, mit denen die Einrichtungen genauso kämpfen, wie wir anderen. Die einen tun es besser, die anderen eben nicht so gut. Es kommt immer auch auf die Menschen an, die so etwas betreiben.

    Die anderen Einrichtungen kennst Du vielleicht auch – aus der Presse, und ich kenne sie persönlich: Erlacher Höhe, aber eben nur in Württemberg, meines Wissens. Immerhin sind die meisten dieser Einrichtungen gut ausgestattet.

    Pass gut auf Dich auf, – die städtischen Einrichtungen waren schon immer das Letzte, da habe ich noch einige erschreckendere Erfahrungen… In einer dieser Einrichtungen hatte ich ein Bett, Eisengestell, Matratze, einen leeren Bettbezug als Zudecke… einen Keil als Kopfkissen, das war es. Kein Schrank, kein Tisch, nur ein Stuhl..
    Naja, es liegt nun lange zurück.

    Ich wünsche Dir, dass Du das auch eines Tages sagen kannst.

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