Der ‘unmenschliche’ Faktor?

Alt werden und sein wird immer mehr nur noch als Kostenfaktor gesehen, Leben in seiner ursprünglichen Form hat wohl keine Daseinsberechtigung mehr. Schon ab der Geburt wird heute mit reinen Zahlenbeispielen aufgezeigt, wie Leben verläuft. Doch Leben ist nicht allein reine Mathematik, denn dann könnte Leben auch auf dem Reißbrett organisiert werden und wir hätten keine Diskussionen über arm und reich. Gerechtigkeit ist kein mathematischer Begriff.

Leben in seiner vielfältigsten Form hängt von so vielen unterschiedlichen und auch nichtberechenbaren Faktoren ab, dass Wissenschaft in ihrer reinsten Form keinen Einfluss nehmen kann und darf, denn keiner von uns kommt als reiner Technokrat auf diese Welt. Leben beinhaltet auch Ethik und Moral, der zwischenmenschliche Umgang miteinander wird nicht durch Zahlen und Berechnungen geregelt, sondern durch auch ungeschriebene Gesetze. Und durch unabänderliches Wissen. Jung wird alt, Geburt bedeutet auch Tod.

Den größten Teil des Lebens verbringen wir in beruflicher Situation, auch um unseren Nutzen zu beweisen. Technokraten sehen nur diese Zeitabschnitte als wirklich sinnvoll an, denn Arbeit bedeutet auch unter anderem Steuern zahlen und den Staat am ‘Leben’ zu beteiligen. Steuern und Abgaben sind feste Größen für Technokraten, darum bestehen in der heutigen Zeit Regierungen in der Hauptsache aus Technokraten. Diese regeln heute unser Leben.

Und wir Alten? Was wollen wir wirklich? Nur allein Ruhe und Müßiggang?

In erster Linie ja und dann doch nicht nur. Gebraucht werden will der Mensch sein ganzes Leben, in jungen Jahren auch gefordert. Sozialverhalten lernen wir von klein auf, verändern es ständig und sollen dann im Alter doch nur noch darauf warten, abzutreten? Schon allein die Diskussion über Menschenwürde ist menschenunwürdig, außer man ist Technokrat, denn für diese Spezies Mensch ist Menschenwürde zu aller erst ein Kostenfaktor.

Für jeden Menschen bedeutet Leben Wohnung, Nahrung, Kleidung, Teilhabe am sozialen und kulturellen Umfeld. Technische Gegebenheiten wie Radio und Fernsehen hat menschlicher Geist hervorgebracht zum Nutzen des Menschen, wobei da die Meinungen auch differieren. Doch Meinungen wollen sich bilden können. Sieben Milliarden gleiche Meinungen würden das Ende der Menschheit besiegeln, denn Visionen und Fortschritt hätten das Ende der Fahnenstange erreicht. Mitmachen am ‘Leben’ bedeutet also auch immer Kosten und die müssen erwirtschaftet werden. Die Alten haben ihren Beitrag schon zu 100% geleistet, die einen mehr, die anderen weniger., doch das solidarische Prinzip gleicht die Ungleichgewichte aus.

Alte wollen nicht nur allein existieren und wenn möglich, so lange es geht überleben, sie wollen dabei sein am ‘Leben’. Auch im Protest.

Wird nur noch der ‘Minimalfaktor’ im Alter durch die Technokraten zugestanden, handeln diese nicht nur kriminell, sondern auch unmenschlich. Gerechtigkeit ist nicht nur eine Worthülse, aber nicht selbstverständlich und um sie muss gerungen werden. Der Mensch lässt sich nicht allein durch Zahlen definieren. Leben muss gelebt werden.