Das Parteien-Imperium und der ‘Pöbel’ der Straße

Sprüche wie „entartete Proteste“ oder S21-Befürworter wie Bahnchef Grube bestimmen die Schlagzeilen, 3000 Hartz IV-Opfer müssen sich gegen 100.000 S21-Gegner aufwiegen lassen, die Republik ist sich wohl nur in einem einig; dass sie sich nicht einig sein kann. Nebenschauplätze wie die Migration und Integration und Diskussionen um Maulhelden wie Thilo Sarrazin lenken nur von den wirklichen Problemen ab.

Jeder gegen jeden und irgendwo sitzen die Brandstifter und freuen sich ins Fäustchen, denn bei einer endgültigen Abrechnung wird sich herausstellen, dass es wie fast immer nur um irgendeinen Profit geht. Und das ist keine Verschwörungstheorie, denn es geht fast immer nur um Gier.

Da stirbt ein SPDler namens Herrmann Scheer und reihum fließen die Krokodilstränen und schon kommen auch die ersten Verschwörungsgerüchte auf. Persönlich bedauere ich jeden, der zu früh abtreten muss, aber ich vermute nicht bei jedem halbwegs Prominenten sofort etwas unnatürliches. Dieser Herrmann Scheer war ein Teil des Establishments der Politik, daran gibt es für mich nichts zu deuteln. Also stand er auch in der Verantwortung dessen, was die SPD so total verbockt hat.

Wer sich die Führungsclique der SPD anschaut, wird mir nicht weißmachen können, dass diese Hansel so übermächtig sind, dass sie Millionen Menschen so an den Rand der Gesellschaft bugsieren können und durch diese ‘Macht’ Leute wie Ottmar Schreiner und auch Herrmann Scheer keinerlei Chancen gegen diese Übermacht gehabt hätten. Schon der Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine, wurde von der Schröder-SPD wie ein Pfingstochse vorgeführt.

Am 25. April 1990 wurde Lafontaine bei einem Wahlkampfauftritt in Köln-Mülheim von der psychisch kranken Adelheid Streidel mit einem Messerstich nahe der Halsschlagader lebensgefährlich verletzt. In den Wochen seiner Behandlung und Erholung rückte die SPD-Bundestagsfraktion von seinem Kurs ab.

Hier könnte man Verschwörungstheorien viel eher für angebracht halten, denn immerhin war Lafontaine eine Machtbasis, aber so dämlich lasse ich mich nicht verkaufen, denn dieser Vorfall war für mich einfach ein beschissenes Unglück.

Die SPD hat sich in den letzten 20 Jahren ganz einfach verzockt. 16 Jahre Helmut Kohl müssen ja irgendwo ihre Spuren hinterlassen haben. Die Hinwendung zur technokratischen Parteipolitik und die Abwendung vom menschlichen Antlitz des Sozialismus muss zwangsläufig jede Parteistruktur verändern. Das hat auch schon Angela Merkel erkannt, als sie die CDU den sozialistischen Idealen öffnete, aber damit auch ihre konservativen Wurzeln verprellte, die jetzt umso stärker jammern und auch zurückschlagen.

Parteien sind inzwischen Wirtschaftsunternehmen und von diesem Vorwurf kann ich keine der Parteien ausnehmen. Wer sich heute politisch engagiert, ist fast immer Einzelkämpfer und stellt damit die Parteiendemokratie ständig in Frage. Andererseits verweigern wirklich politisch Denkende diesem Parteiengeflecht jegliche Gefolgschaft und stehen lieber in den Reihen der Demonstranten gegen dieses System.

Was diese Republik im Moment erlebt, ist ein Volk, gespalten zwar, dass sich verweigert. Noch gibt es keinen gemeinsamen Konsens für einen echten Aufstand, aber die Saat ist gelegt und diesmal werden keine selbsternannten Terroristen die Spaltung noch vertiefen. Aus den siebziger Jahren haben die Menschen gelernt. Der offensichtliche Auslöser für den Widerstand gegen die Politik in diesem Land war wohl S21, aber die Saat wurde schon viel früher gelegt durch das Erkennen der eigenen Dummheit bei der Bundestagswahl 2009. Danke an Merkel und Westerwelle.